Der Herr über die Akten

Die BLICK-Reportage Zu Gast bei Holm-Henning Freier in der Stasiunterlagenbehörde

Wer Holm-Henning Freier googelt, erfährt erst einmal nicht viel: Jahrgang 1949. Als SPD-Kandidat zog er im vergangenen Jahr als Direktkandidat in Mecklenburg-Vorpommern in den Wahlkampf, aber ohne Erfolg. Die biografischen Seiten sind gelöscht. Schauspieler war er mal - 1972 wirkte er in "Die große Reise der Agate Schweigert" mit, Regie: Günter Kunert. Seit 6. Januar ist Freier der Herr über 7,5 Kilometer laufende Akten der Staatssicherheit im ehemaligen Bezirk Karl-Marx-Stadt - Außenstellenleiter der Stasiunterlagenbehörde in Chemnitz. Die gleiche Position hatte er zuvor in Neubrandenburg inne.

Ein bedächtiger Norddeutscher ist er, mit klarer, lauter, Schauspieler-Stimme im Gespräch: Ja, er habe Bekanntschaft mit der Stasi gemacht: "Aber ich will das nicht übertreiben, mich nicht zum Opfer stilisieren." Zwei gescheiterte Anwerbeversuche habe es früh gegeben. Als er in den 1980er Jahren seinen Wehrpass zurückgab, weil er fürchtete, die Nationale Volksarmee der DDR könnte in Polen einmarschieren, um die Solidarnosc-Bewegung zu stoppen, gab es ein Berufsverbot: Arbeiten als Schauspieler oder Regisseur bei der DEFA - nicht mehr möglich. "Ich bin nicht eingesperrt worden, habe nie gehungert, konnte mich immer beruflich durchwurschteln", berichtet er. Als Synchronsprecher konnte er arbeiten oder im Theater, Ende der 1980er auch wieder im Kinderprogramm des DDR-Fernsehens. Da gehörte er dann zu den Verfechtern eines Personalrats, dessen erster Vorsitzender er in den Wendetagen schließlich wurde.

Nach der Abwicklung des Deutschen Fernsehfunks machte er in Neubrandenburg weiter, organisierte ein europäisches Filmfestival: "Als Quereinsteiger bin ich dann 2009 in die Behörde gekommen - die Stelle war ausgeschrieben, ich hab mich beworben und dachte, die Wahrscheinlichkeit ist nicht sehr groß, dass ich genommen werde." Mit der Zusage habe sich sein Berufsleben gewandelt, aber auch abgerundet, sagt Freier. Inzwischen steht er gut 50 Mitarbeitern in Chemnitz vor, die die Stasiakten des Ex-Bezirks sortieren, Bürger, Wissenschaftler oder Medien bei der Akteneinsicht unterstützen: "Die Führung erfolgt aber im Team."

Die Mitarbeiterschaft wird stetig kleiner: "Als die Stasiunterlagenbehörde gegründet wurde, dachte man, dass sich die Nachfrage nach zehn Jahren erledigen würde. Entsprechend hat man das Personal geplant", so Freier. Inzwischen sind fast 25 Jahre seit der Friedlichen Revolution vergangen: Doch immer noch gehen Jahr für Jahr allein bei der Außenstelle in Chemnitz 6.000 bis 8.000 Anfragen auf Akteneinsicht ein. Nicht mehr so viele wie zu Beginn - 1992 waren es 50.000. Aber viele Entschädigungs- und Rehabilitierungsverfahren laufen noch. Einige Bürger stellen Wiederholungsanträge auf Einsicht: "Aufgrund neuer Aktenfunde kann das ein ganz neues Bild ergeben", weiß Freier. Und: "Viele Menschen gehen jetzt in Rente und haben Zeit, sich mit ihrer Vergangenheit zu beschäftigen. Es ist ja oft auch ein wenig Überwindung." Die Arbeit wird dem "Herrn über die Akten" nicht ausgehen in den nächsten Monaten.



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