Goethe lesen, Schiller verstehen

Durchblick

Der alte Goethe, dessen Bücher ich seit der Schulzeit mit der Distanz verwahre, die sich aus Qualen bildet, hat den Nahen Osten nie bereist. Dennoch formte der Großmeister dereinst den schönen Satz: "Nichts Besseres weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen, als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, wenn hinten weit, in der Türkei, die Völker aufeinander schlagen."

Auch ich weilte noch nie in Syrien. Ich kann mich aber gut erinnern, dass der inzwischen zum Diktator herabgestufte Präsident dieses Landes einst als Hoffnungsträger der Demokratie galt. Leider kauft der Mann Waffen in Russland anstatt bei seriösen Händlern und unterhält vergleichsweise freundliche Beziehungen zum Iran. Pfui. Pfui. Pfui. Kein Wunder, dass Assad nun die Rache der internationalen Aufständischen fürchten muss, die von uns zu Oppositionellen geadelt wurden. Echte Helden auf dem Feld der Demokratie, die, obgleich von niemandem bewaffnet, monatelang Panzern und Artilleriebeschuss trotzen.

Der syrische Präsidialdiktator lässt in seiner Verzweiflung nun sogar die benachbarte Türkei (womit wir wieder bei Goethe wären) mit Mörsergranaten beschießen. Hundertschaften amerikanischer Journalisten, anderer offizieller Geheimdienstler und Militärberater haben das genau beobachtet und liegen nun an der türkisch-syrischen Grenze auf der Lauer, um die Explosion der nächsten Scheune kriegsgrundgerecht dokumentieren zu können. Wahrscheinlich ist der strategisch vollkommen närrische Beschuss des Nachbarlandes ein versteckter Hilferuf Assads an die NATO, nun endlich das Land von ihm selbst zu befreien.

Wie heißt es bei den Klassikern: "Der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann gehen." Aber das war von Schiller, der ebenfalls nie in jener Gegend war.



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