Gemeinsam basteln, singen & erzählen

Interview mit dem Kinderarzt Andreas Gabriel

Mittelsachsen. Viele Kindergartenkinder kommen dieser Tage schon einmal in die Schule oder in den Hort: Zur Vorschuluntersuchung. Die Kinderärzte vom Gesundheitsamt des Landkreises Mittelsachsen sind unterwegs, um den Schulanfängern des Schuljahres 2013/14 eine altersgerechte Entwicklung zu bescheinigen. Bei dieser bundesweit vorgeschriebenen Untersuchung werden neben der allgemeinen Gesundheit auch Sprache und Motorik beurteilt.

BLICK sprach zum Thema mit Andreas Gabriel, einem der verantwortlichen Kinderärzte.

Herr Gabriel, im vergangenen Herbst wurden 2.598 Jungen und Mädchen untersucht. Die meisten davon lernen jetzt in Klasse 1. Sprache und Feinmotorik sind wichtige Voraussetzungen für die Schule. Welche Aussagen hierzu erhalten Eltern aus der Vorschuluntersuchung?

Untersucht werden in landesweit standardisierten Tests zum Beispiel das Hören und Wiedergeben von Wörtern, das Artikulieren von Lauten und Lautverbindungen sowie das Sprachverständnis. Zum Schuleintritt sollte ein Kind alle Laute deutlich und korrekt aussprechen können. Kann es das nicht, ist das Erlernen von Lesen und Schreiben für das Kind sehr viel schwieriger, wenn nicht unmöglich. Anhand bestimmter Bewegungstests können wir außerdem einschätzen, ob Grob- und Feinmotorik altersgerecht entwickelt sind - wichtig unter anderem für das Erlernen des Schreibens.

Wie fit sind denn die Fünf- und Sechsjährigen in diesen Dingen?

Es gibt Unterschiede. Bei rund einem Drittel der Kinder bestanden behandlungsbedürftige Sprachauffälligkeiten. Viele davon befanden sich aber schon zum Zeitpunkt der Untersuchung in logopädischer Behandlung. Mehr als 20 Prozent der Kinder hatten Förderbedarf im Bereich Feinmotorik. Auch hier ist ein Großteil bereits in ergotherapeutischer Betreuung. Das ist unter anderem der freiwilligen Untersuchung zu danken, die in Sachsen bereits für die Drei- bis Vierjährigen angeboten wird. Eltern der Schulanfänger 2015 können diese in den meisten Kindergärten in den kommenden Monaten in Anspruch nehmen - eben um bereits frühzeitig Rückstände zu erkennen und diese schnell abzubauen.

Was können Eltern tun, wenn Auffälligkeiten in Sprache, Motorik und Verhalten bestehen, die über die "normalen" Schwankungsbreiten hinausgehen?

Wir empfehlen bei behandlungsbedürftigen Auffälligkeiten den Besuch beim Kinderarzt, der dann nach erneuter Untersuchung eine Behandlung bei einem Logopäden oder Ergotherapeuten beziehungsweise eine Förderung in der Frühförderstelle verschreiben kann.

Und was kostet das den elterlichen Geldbeutel?

Wenn der Kinderarzt eine Behandlungsbedürftigkeit attestiert, übernimmt die Krankenkasse die Kosten für logopädische und/oder ergotherapeutische Behandlung. Die Frühförderung sowie Integrationsmaßnahmen in der Kindertagesstätte werden vom Sozialamt getragen. Eltern, die bei grenzwertigen Befunden dennoch eine logopädische oder ergotherapeutische Behandlung des Kindes wünschen oder es besonders fördern möchten, können auch auf eigene Kosten Beratungs- und Therapieleistungen in Anspruch nehmen.

Was empfehlen Sie, wenn es nur ein bisschen "hakt"?

Bei geringeren Auffälligkeiten empfehlen wir eine erneute Untersuchung im Frühjahr - erfahrungsgemäß holen Kinder in kurzer Zeit geringe Defizite auf. Aufregung in ungewohnten Situationen kann beim Sprechen extrem stören, Zahnlücken sind oft für das Lispeln verantwortlich. Eltern sollten jedoch achtgeben, ob sich das Lispeln mit dem Erscheinen der bleibenden Zähne verliert, ob das Stottern eine Episode der Entwicklung bleibt. Wenn nicht, sollte nochmals der Kinderarzt aufgesucht und die Möglichkeit logopädischer Behandlung nachgefragt werden - können doch gerade Lispeln und Stottern das Selbstbewusstsein der Kinder und ihre Stellung in der neuen Umgebung ganz gewaltig beeinträchtigen. Auch bei anhaltenden motorischen oder Verhaltens-Defiziten ist fachlich fundierte Hilfe angeraten - besser früher als später.

Doch auf jeden Fall können Eltern und Großeltern den Nachwuchs im ganz normalen Familienalltag vielfältig fördern: Im Bereich der Motorik und Geschicklichkeit mit Basteln und Malen, Bewegungsspielen, Musizieren und Tanzen, sowie kleinen Aufgaben im Haushalt. Vorlesen, Spielen und Singen fördern das Sprachverständnis ungemein. Und übrigens ist das Vorbild der korrekt sprechenden Erwachsenen viel wirksamer, als die Kinder ständig zu korrigieren.


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