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"Die Mehrheit der Ukrainer will ganz klar ihr Land zurück"

Max Hermes berichtet als TV-Korrespondent aus dem Kriegsgebiet Nachrichten aus erster Hand: Sie sind in Zeiten eines Krieges, in dem auch permanent um die Wahrheit gerungen wird, unerlässlich. Zu den deutschen Journalisten, die direkt aus den umkämpften Gebieten in der Ukraine berichten, gehört auch Max Hermes, der für den Nachrichtensender WELT vor Ort ist. Im Interview spricht er Klartext über die Lage.

"Wenn ich mich mit den Menschen in den zurückeroberten Orten unterhalte, dann höre ich da nicht den geringsten Zweifel, dass ihre Truppen sie befreien werden", sagt WELT-TV-Reporter Max Hermes über die, was den Kriegsverlauf angeht, offenbar unerschütterlich zuversichtliche Stimmungslage in der Ukraine. Andererseits spricht der junge Ukraine-Korrespondent (Jahrgang 1989) im Interview von völlig zerstörten Dörfern, kaputten Infrastrukturen und prekären Lebensbedingungen vor Ort. "Von unseren sicherlich berechtigten Wohlstandssorgen bekommen die Menschen hier nichts mit - sie haben schlichtweg eigene Probleme", weiß Max Hermes zu berichten. Die Tatsache, dass Russlands Präsident Wladimir Putin jetzt bis zu 300.000 Reservisten zusätzlich einberufen lässt, wird nach seiner Einschätzung an der Einstellung der Ukrainer zum Kriegsgeschehen nicht viel ändern: Putin habe "schon öfter bewiesen, dass er unberechenbar ist", erklärt Hermes. "Die Teilmobilmachung einfach als Verzweiflungstat abzutun, wie es jetzt ukrainische Politiker demonstrativ machen, scheint mir allerdings zu kurz gegriffen."

teleschau: Sieben Monate Krieg in der Ukraine. Wie hat sich das allgemeine Stimmungsbild seit dem russischen Überfall am 24. Februar nach Ihren Eindrücken verändert?

Max Hermes: Da würde ich unterscheiden. In den Regionen im Westen des Landes wie Lwiw oder auch in Kiew findet das Kriegsgeschehen im Alltag der Menschen kaum noch statt. Dort sind die Bars und Cafés geöffnet, flanieren die Menschen über die Einkaufsstraßen. Es ist dort inzwischen vergleichsweise sicher. In den von den Russen befreiten Gebieten rund um Charkiw, in denen ich in den vergangenen Tagen gedreht habe, ist dagegen an so etwas wie ein normales Leben nicht zu denken. Die Stadt Isjum beispielsweise ist zu 80 Prozent zerstört. Viele Dörfer haben keinen Zugang mehr zu Strom, Gas und Wasser. Das sind prekäre Lebensbedingungen - gerade mit Blick auf den nahenden Winter.

teleschau: Wurden die jüngsten Rückeroberungen russisch besetzter Gebiete als eine Wende in diesem Krieg eingeordnet?

Hermes: Ja, das Gefühl habe ich. Aus Kiew wird von Präsident Selenskyj seit Kriegsbeginn ohnehin jede Abend-Ansprache genutzt, um die Stärke der ukrainischen Streitkräfte und die Schwäche der Russen zu unterstreichen. Das muss er sicherlich auch, um die Moral der seit Monaten kämpfenden Soldaten hochzuhalten. Doch auch, wenn ich mich mit den Menschen in den zurückeroberten Orten unterhalte, dann höre ich da nicht den geringsten Zweifel, dass ihre Truppen sie befreien werden. Und genauso unerschütterlich versichern sie jetzt, dass die Russen inzwischen zu schwach seien und den Krieg bald verlieren würden.

teleschau: Fraglos hoffen auch alle Ukrainer auf Frieden - aber was genau ist damit gemeint: Geht es den Menschen um ein schnellstmögliches Ende der Kämpfe, oder setzen die Ukrainer mehrheitlich darauf, dass Russland militärisch zu besiegen ist?

Hermes: Einzelstimmen mag es geben, die ein schnelles Ende fordern. Aber die Mehrheit will ganz klar ihr Land zurück. Und das bedeutet für die Menschen hier, die Russen vom ukrainischen Territorium zu vertreiben. Dazu gehört für sie der Donbass - und auch die Krim.

"Leichen, von denen kaum noch etwas übriggeblieben ist"

telschau: Sie drehten im befreiten Isjum auch in einem der Keller, in dem die Russen Gefangene verhörten. Am Rande der Stadt wurden Reihengräber mit bislang rund 150 exhumierten Leichen gefunden. In Isjum sollen Menschen gefoltert worden und Menschenrechte gebrochen worden sein - Anschuldigungen, die der Kreml zurückwies. Was ist Ihr Eindruck: Wer sind die Opfer, was geschah mit ihnen?

Hermes: Wir müssen die Ergebnisse der Ermittlungen abwarten. Erst dann wissen wir, was in Isjum wirklich passiert ist. Mein Team und ich haben zweimal an den Gräbern gedreht. Der Gestank, der einem schon von Weitem in die Nase steigt, ist bestialisch. Sie sehen dort Leichen, von denen kaum noch etwas übriggeblieben ist. Viele von denen, die dort beerdigt wurden, sind bereits zu Beginn des Kriegs im März gestorben. Ich habe dort mindestens zwei Personen gesehen, die so etwas wie einen Strick oder ein Tuch eng um den Hals gebunden hatten. Nicht zuletzt deshalb halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass zumindest ein Teil derjenigen, die dort begraben sind, gefoltert wurden. Wir haben auch in der Polizeistation von Isjum gedreht, in der russische Soldaten ukrainische Zivilisten gefoltert haben sollen. Die Räume, das hat mir ein Anwohner erzählt, wurden "das Loch" genannt. Wenn jemand verschwunden ist, so der Mann, habe es geheißen, er sei in das Loch gebracht worden. Der eigentliche Folter-Raum war während unserer Dreharbeiten allerdings gesperrt, weil die Spurensicherung dort gearbeitet hat. Insofern konnten wir als Reporter nicht unabhängig beurteilen, was dort geschehen ist. Bei einem anderen Dreh in dem Ort Kosatscha Lopan sind wir allerdings auch auf einen Keller gestoßen, in dem gefoltert worden sein soll. Das verfestigt den Eindruck, dass es da ein System seitens der Russen gab.

teleschau: Russlands Präsident Wladimir Putin hat am Mittwoch in einer martialischen Fernsehansprache eine Teilmobilmachung bekanntgegeben: 300.000 zusätzliche Mann sollen eingezogen werden. Was bedeutet das für diesen Krieg?

Hermes: Da werden jetzt ganz viele Männer in Russland aus ihrem Privatleben geholt und direkt an die Front geschickt. Militärexperten gehen davon aus, dass ein Großteil dieser Männer kaum Kampferfahrung hat oder diese schon lange zurückliegt. Putin schickt also, wenn man so will, zumindest teilweise Kanonenfutter ins Feld.

teleschau: Womit rechnen die Ukrainer? Womit rechnen Sie?

Hermes: Wladimir Putin hat schon öfter bewiesen, dass er unberechenbar ist. Die Teilmobilmachung einfach als Verzweiflungstat abzutun, wie es jetzt ukrainische Politiker demonstrativ machen, scheint mir allerdings zu kurz gegriffen. Ich kann mir vorstellen, dass in den kommenden Tagen noch einmal Dynamik in das Kriegsgeschehen kommen könnte. Möglicherweise wird die ukrainische Gegenoffensive gestoppt - und die Russen können ihrerseits wieder Geländegewinne verzeichnen. Ich werde das Geschehen vom Donbass aus verfolgen und darüber für WELT berichten.

"Wenn ich mit Militärs spreche, fällt oft der Name Olaf Scholz"

teleschau: Der Krieg bleibt auch ein Kampf um die Wahrheit - dieser wird schon lange auch bei uns ausgetragen. Wie gut sind die Ukrainer über die Debatten in Deutschland im Bilde?

Hermes: Wenn ich mit Militärs spreche, fällt oft der Name Olaf Scholz. Viele hier können nicht verstehen, dass der Bundeskanzler so zögerlich beim Thema Waffenlieferung auftritt. Insbesondere, was die Lieferung von Panzern angeht. Zu der Debatte um gestiegene Preise in Deutschland und den Forderungen einiger, die Sanktionen gegenüber Russland zu lockern, kann ich nur sagen: Auch die Ukrainer leiden unter der Inflation, die lokale Währung ist gegenüber dem Euro abgestützt. Von unseren sicherlich berechtigten Wohlstandssorgen bekommen die Menschen hier nichts mit - sie haben schlichtweg eigene Probleme.

teleschau: Im Mai erlebten Sie aus nächster Nähe mit, wie der französische Journalist Frédéric Leclerc-Imhoff in der Region Luhansk erschossen wurde. Was hat dieses Ereignis mit Ihnen gemacht?

Hermes: Der Tod von Frédéric Leclerc-Imhoff hat mich tief erschüttert. Er war etwa in demselben Alter wie ich, es war sein erster Kriegseinsatz, genau wie bei mir. Frédéric und sein Team haben einen Hilfstransport in die zu dieser Zeit umkämpfte Stadt Lysytschschansk begleitet. Wir haben zur selben Zeit dort gedreht und sind uns zunächst nicht begegnet. Als wir am Ende der Dreharbeiten bei einer Polizeistation Halt machten, fuhr ein qualmender Truck vor, mit einem Einschussloch in der Windschutzscheibe. Eine Tür ging auf und ein blutüberströmter Polizist kam heraus. Auch auf der anderen Seite ging eine Tür auf, dort sah ich aus dem Augenwinkel eine Person am Boden liegen. Wir sind dann alle in die Polizeistation gerannt, die Lage war unübersichtlich. Drinnen traf ich zwei französische Kollegen. Und erfuhr, dass sie zu dritt unterwegs gewesen waren. Die Person, die am Boden lag, war Frédéric, der als Kameramann auf dem Beifahrersitz saß, um die besten Bilder zu machen. Dabei wurde er von einem herumfliegenden Schrapnell tödlich getroffen. Ich lag mir mit meinem französischen Reporterkollegen in den Armen, wir haben zusammen geweint. Wenig später erfuhren wir: Mit dem Hilfstransporter, den die Franzosen begleitet haben, wären wir eigentlich gefahren. Nur durch einen Zufall waren wir nicht dabei, sonst hätte auch mein Kameramann auf dem Beifahrersitz sitzen können.

teleschau: Wie lässt sich so etwas verarbeiten?

Hermes: Wir haben im Team noch lange und intensiv darüber gesprochen am selben Abend, am darauffolgenden Tag und dem danach. Der Sender hat uns nach Kräften unterstützt, Hilfe angeboten. All das hat dazu beigetragen, dass ich heute für mich sagen kann: Ich habe die Ereignisse gut verarbeitet. Aber: Dieser Tag hat mir noch einmal vor Augen geführt, dass es im Krieg trotz bester Sicherheitsvorkehrungen auch für uns Journalisten keine hundertprozentige Sicherheit gibt.

teleschau: Hilft einem Reporter die Angst dabei, bei der Arbeit im Kriegsgebiet wachsam und vorsichtig zu sein?

Hermes: Ich würde nicht sagen, dass Angst dabei hilft. Respekt ist aber wichtig. Wenn eine Situation brenzlig werden könnte, steigt bei mir der Puls, und ich werde wachsam, überlege mir jeden Schritt und höre auf alle Geräusche, beobachte, was passiert. Glücklicherweise habe ich festgestellt, dass ich in diesen Momenten gut darin bin, körperlich und mental einfach zu funktionieren.

Rückkehr "fühlte es sich ungewohnt vertraut an"

teleschau: Im August waren Sie in den USA, um einige Wochen von dort als Korrespondent zu berichten. Haben Sie den Eindruck, dass die Debatte über den Krieg in der Ukraine in den Staaten genauso hitzig geführt wird wie in Deutschland?

Hermes: Meine knapp dreieinhalb Wochen in den USA waren vor allem geprägt von Donald Trump und den Durchsuchungen seines Mar-a-Lago-Anwesens. Die USA, so mein Eindruck zu dieser kurzen Zeit, haben sich vor allem um sich selbst gedreht. Es liefen die Vorbereitungen für die Midterms. Internationale Politik fand nur wenig statt. Das mag zu Beginn des Krieges anders gewesen sein.

teleschau: Wie brutal war der Aufschlag, als Sie wieder in die "Parallelwelt" des Krieges in der Ukraine zurückgekommen sind?

Hermes: Die Ankunft war nicht brutal. Als ich die polnisch-ukrainische Grenze mit dem Auto überquert habe, fühlte es sich ungewohnt vertraut an. Das mag auch daran liegen, dass das Leben im Westen der Ukraine wieder so normal erscheint. Als ich im Osten in Charkiw angekommen bin, die Sirenen geheult haben und wenige Stunden danach Raketen eingeschlagen sind, hat mich das aber schlagartig zurückgebracht in die Realität dieses Krieges.

teleschau: Wie geht es nun für Sie weiter?

Hermes: Ich werde jetzt zunächst bis Anfang Oktober bleiben. Bisher waren es insgesamt vier Monate. Ob sich das so fortsetzt, wird der weitere Kriegsverlauf zeigen.

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