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Jenke von Wilmsdorffs Klima-Experiment: "Wir sind es, die Druck machen müssen"

Jenke von Wilmsdorff im Interview Jenke von Wilmsdorff schafft es sogar, das Klima zu verändern. Jedenfalls im experimentellen Design seines neuesten ProSieben-Projekts "Jenke. Das Klima-Experiment: Sind wir noch zu retten?". Wie fühlt es sich an, wochenlang in extremer Hitze, mit starken Stürmen oder einer Mückenplage zu leben?

In seinem fünften experimentellen Einsatz für ProSieben versucht Jenke von Wilmsdorff das Klima des Jahres 2025 am eigenen Leib zu fühlen. In einem Tiny House lebt der Selbsterfahrungs-Reporter in nach wissenschaftlichen Prognosen klimatisierten Hallen und gefühlsechten Sturmsimulationen. Und die Zuschauer sind in "Jenke. Das Klima-Experiment: Sind wir noch zu retten?" (Montag, 3. Oktober, 20.15 Uhr, ProSieben) mit dabei. Im Interview spricht der 56-Jährige über eine globale Mega-Krise, die man politisch hätte verhindern können und darüber, wie es sich anfühlt, mit tobendem Starkregen, extremer Hitze und 600 Tigermücken zu leben. Ein Szenario, das uns allen in nur 28 Jahren ebenfalls bevorstehen könnte ...

teleschau: Für Ihr neues Experiment mussten Sie das Klima des Jahres 2050 simulieren. Wie haben Sie das gemacht?

von Wilmsdorff: Weil ich in unsere Zukunft reise, mussten wir eine Umgebung schaffen, die anschaulich verdeutlicht, wie wir in 2050 leben werden. Wir haben mir also ein Tiny House besorgt, in dem ich für einige Zeit lebe. Das Haus haben wir in eine Klimahalle gestellt, in der man sehr genau heißes Wetter mit hoher Luftfeuchtigkeit programmieren kann. Normalerweise werden dort Autos auf Hitze getestet. Also: Wie verlässlich sind die Dichtungen oder was leistet die Klimaanlage, wenn es zum Beispiel rund um die Uhr sehr luftfeucht und heiß ist? Die Anlage ist so fein einstellbar, dass wir die vorausgesagten Wetterdaten dort exakt simulieren konnten.

teleschau: Welche Temperaturen mussten Sie ertragen - und für wie lange?

von Wilmsdorff: Ich habe fünf Tage in dieser großen Halle gelebt und dabei ein Klima ausgehalten, das in etwa dem entspricht, was wir während der Hitzewelle im letzten Sommer erlebten - und darüber hinaus. Um Sturm und Starkregen zu simulieren, sind wir danach mit dem kleinen Haus nach Belgien in ein großes Filmstudio umgezogen, wo normalerweise Wasseraufnahmen gedreht werden. Dort kann man mit riesigen Windmaschinen Sturm erzeugen und natürlich reichlich Wasser in allen Facetten. Mein Häuschen stand auf einem Plateau, das von neun Meter tiefem Wasser umgeben war. Da wehte mir der Sturm um die Ohren. Dieses Starkregenwetter, das wir ebenfalls immer häufiger erleben, war dort sehr gut simulierbar.

"Mücken werden uns das ganze Jahr piesacken"

teleschau: Wie lässt sich das Klima von 2050 beschreiben?

von Wilmsdorff: Im Sommer werden wir öfter und länger das erleben, was wir während der letzten Hitzewelle im Sommer 2022 hatten. Inklusive der Waldbrände und trockener oder versiegelter Böden, in die das Wasser, wenn es denn mit einem Schwall kommt, nicht mehr abfließen kann. Überschwemmungen wie im Ahrtal wird man zukünftig wohl häufiger erleben. Auch Hochwasser entsteht schneller. Das Angebot der Nahrungsmittel, die unsere Landwirtschaft erzeugen kann, wird sich verändern. Wir werden mit sehr viel mehr Insekten leben müssen - und dadurch neue Krankheiten in Deutschland haben. Mücken werden uns das ganze Jahr piesacken. Tigermücken, die das West-Nil-Fieber oder das Denguefieber übertragen, werden sich ausbreiten. Ressourcen wie Wasser werden knapp. Das führt global zu Unruhen und Fluchtwellen.

teleschau: Ist das Klima, das Sie für die Sendung simulieren, ein "Worst Case"-Szenario?

von Wilmsdorff: Keineswegs. Das Alfred-Wegener-Institut, das uns beraten hat, berechnet anhand von Klimadaten ziemlich zuverlässig, wie das Wetter 2050 sein wird. Die gehören zum Helmholtz-Institut für Umweltforschung und sind bei solchen Berechnungen ziemlich pingelig. Doch selbst diese Wissenschaftler sagen: Das ist eine Projektion, keine Simulation. Was bedeutet, es wird mit ziemlicher Sicherheit so kommen. Egal, was wir jetzt noch dagegen unternehmen. Das Klima ist so träge, dass es sich von kurzfristigen Maßnahmen nicht abbremsen lässt. Man muss es sich wie das Manövrieren eines schweren Tankers vorstellen.

teleschau: Beschränkt sich Ihre neue Sendung auf das Simulieren von Wetter?

von Wilmsdorff: Das ist ein Fokus. Ich treffe aber auch Experten und Menschen, die schon heute unter dem Klimawandel zu leiden haben. Ich war zum Beispiel in Italien und habe mir dort den Zustand des Flusses Po angeschaut. Ein Szenario, das uns hier am Rhein ebenfalls erwartet. Die Po-Ebene ist eine Region, in der sehr viel Landwirtschaft betrieben wird, die aber kaum noch Wasser vorfindet. Es ist ein großes Dilemma. Einerseits weiß man, dass man der größte Wasserkonsument des Landes ist, andererseits aber auch, dass man nicht so weitermachen kann. Ich war auch am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg und habe mich dort mit dem "Herren der Mücken", dem absoluten Top-Experten in Deutschland, unterhalten. Danach wurden 800 Tigermücken in meinem Haus in der Klimahalle freigesetzt. 24 Stunden habe ich mich ihren Attacken ausgesetzt.

"Das Thema Klima ist sehr deutlich in Deutschland angekommen"

teleschau: War das der schlimmste Teil Ihres Experimentes?

von Wilmsdorff: Die Hitze rund um die Uhr war anstrengend, aber viel dramatischer war die Erkenntnis, wie wenig Politik und Wirtschaft für den Umweltschutz tun. Sie ignorieren ihn seit Jahrzehnten, meist aus wirtschaftlichem Interesse. Genau so erschreckend ist die Tatsache, wie gewaltig der Einfluss von Lobbyisten in Berlin ist, die seit Jahrzehnten erfolgreich daran arbeiten, die notwendige Klimawende auszubremsen. Dass ein äußerst besorgniserregender Klimawandel kommt, ist seit Jahrzehnten klar. Nur haben es die Lobbyisten der Erdölindustrie und die Energiebetreiber geschafft, dass diese Erkenntnis nicht viel früher zu Gegenmaßnahmen führte. Wir waren bei LobbyControl und benennen in der Sendung klar und deutlich, welche Lobbyisten und Auftraggeber hinter diesen Aktionen stehen.

teleschau: Ihre quotenmäßig bislang erfolgreichsten Experimente betrafen Ernährung und Schönheitsbehandlungen. Themen, auf die jeder Mensch direkten Einfluss hat. Ist das Thema Klima nicht zu groß und abstrakt, um jeden Einzelnen zu erreichen?

von Wilmsdorff: Jedes Experiment hat seine Zeit. Als es um das Lebensmittel-Experiment ging, diskutierte man gerade darüber, wie stark unsere Lebensmittel mit Pestiziden belastet sind. Auch mit den Schönheits-OPs haben wir damals einen Trend in der Gesellschaft thematisiert. Ich glaube, dass das Thema Klima seit dem letzten Sommer sehr deutlich in Deutschland angekommen ist. Natürlich ist es immer noch ein komplexes, abstraktes Thema. Wäre der Klimawandel ein Terrorist, sprächen wir über den meistgesuchten Mann der Welt und hätten ihn wahrscheinlich schon gefasst. Aber leider ist das Ganze nicht so einfach. Tatsächlich glaube ich, dass vor dem Sommer 2022 noch zu wenige Leute in Deutschland von der Thematik berührt waren. Doch das hat sich geändert, davon bin ich überzeugt.

teleschau: Ist es nicht so, dass man negative Dinge verdrängt, von denen man glaubt, sie lägen außerhalb des eigenen Einflussbereiches?

von Wilmsdorff: Ja, das ist definitiv so. Nur kann man tatsächlich etwas tun gegen den Klimawandel. Die Landwirtschaft verursacht einen irren CO2-Ausstoß. Da müssen wir durch unser Konsumverhalten etwas verändern. Wenn alle in Deutschland nur noch einmal pro Woche Fleisch äßen, könnten wir die CO₂- und Methan-Emission um mehrere Millionen Tonnen pro Jahr reduzieren. Oder das Tempolimit: Auch wenn von der Politik nichts kommt, verbietet uns niemand, freiwillig nicht schneller als 130 Stundenkilometer zu fahren. Wenn wir das alle machen würden, wären das auch schon wieder 1,9 Millionen Tonnen CO₂ weniger. Wir können uns nicht hinstellen und behaupten, dass es nicht möglich sei, selbst etwas gegen den Klimawandel zu tun.

"Sogar in der aktuellen Koalition gibt es Bremser in Sachen Klimapolitik"

teleschau: Sie sprechen - außer über den Lobbyismus - wenig über Politik. Müsste nicht mehr "von oben" kommen, um den Wandel zu beschleunigen?

von Wilmsdorff: Na klar, aber auch da sind wir es, die Druck machen müssen. In 16 Jahren Merkel ist wenig passiert, da sind sogar Subventionen für Solaranlagen abgeschafft worden. Sogar in der aktuellen Koalition gibt es Bremser in Sachen Klimapolitik. Doch wir können auch zwischen den Wahlen Druck machen, indem wir als Bevölkerung gegensteuern. Diese Möglichkeit haben wir jeden Tag - über unser Konsumverhalten, über Demonstrationen, über Gespräche.

teleschau: Doch wie schaffen wir es, uns der eigenen Macht bewusst zu werden?

von Wilmsdorff: Das ist eine gute Frage, denn natürlich wirft man bei all den schlechten Nachrichten, die uns täglich erreichen, gern mal die Flinte ins Korn und fühlt sich ohnmächtig. Am letzten Drehtag, den wir für das Klima-Experiment hatten, bin ich bei einer Fridays-for-Future-Demonstration mitgelaufen. Da habe ich geradezu körperlich gespürt, wie gut es sich anfühlt, wenn man sich zusammentut, vernetzt, sich gegenseitig unterstützt und Mut macht. Gerade auch in den Maßnahmen, die man selbst gegen den Klimawandel unternehmen will. Zusammen geht das alles viel leichter.

teleschau: Wissen Sie schon, welches Experiment Sie als Nächstes machen werden?

von Wilmsdorff: Ja, Pause und Urlaub (lacht). Nach vier Folgen "Jenke.Crime" und dem Klima-Experiment muss ich mich erst mal wieder um mich selbst kümmern. Ich werde drei Wochen im Urlaub sein und danach mache ich mir erst wieder Gedanken über neue Themen.

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