Marie Nasemann: "Ich glaube, dass es zu viele Opern gibt, die zu lang sind"

Marie Nasemann im Interview zu "For the Drama" Vor dem Hintergrund einer realen Operetten-Produktion an der Bayerischen Staatsoper erzählt die Miniserie "For the Drama" eine fiktionale Liebesgeschichte. Wie es sich anfühlt, als "kleine Schauspielerin" zwischen den großen Opernstars zu drehen, verrät Hauptdarstellerin Marie Nasemann im Interview.

Es ist ein besonders Experiment, das ARD Kultur mit der dreiteiligen Miniserie "For the Drama" (ab Donnerstag, 20. Juni, in der ARD Mediathek, sowie am Samstag, 29. Juni, um 21.55 Uhr, bei 3sat) wagt: Vor dem Hintergrund der realen Probenarbeit zur Neuinszenierung der Operette "Die Fledermaus" von Johann Strauß an der Bayerischen Staatsoper erzählt die Serie die fiktionale Geschichte von Rosa (Marie Nasemann) und Gabriel (Eidin Jalali), die Teil der Zweitbesetzung sind und deren Beziehung durch eine Affäre und eine ungeplante Schwangerschaft auf eine harte Probe gestellt wird. Welche besonderen Herausforderungen die Dreharbeiten während einer laufenden Opernproduktion mit sich brachten, verrät Hauptdarstellerin Marie Nasemann im Interview. Auch spricht die 35-Jährige, die 2009 in der vierten Staffel der ProSieben-Show "Germany's Next Topmodel" den dritten Platz belegte, über die allgemeine Skepsis gegenüber dem oftmals als elitär empfundenen Opern-Genres und verrät, was sie sich als zwiefache Mutter von ihrer Branche wünscht.

teleschau: Frau Nasemann, wann waren Sie zuletzt als Zuschauerin in der Oper?

Marie Nasemann: Das letzte Mal war tatsächlich "Die Fledermaus", also in der fertigen Neuinszenierung. Das war im Dezember. Damals hatten wir schon angefangen zu drehen, aber waren noch nicht fertig.

teleschau: Das heißt, die Dreharbeiten zur Serie waren länger als der eigentliche Probenprozess der Oper?

Nasemann: Genau! Wir haben im Januar noch weitergedreht, da waren die Proben schon fertig. Die Probesequenzen sind allerdings alle im Dezember entstanden.

teleschau: Wie hat Ihnen "Die Fledermaus" gefallen?

Nasemann: Es war großartig! Ich bin ja selber Münchnerin und kannte die Bayerische Staatsoper. "Die Fledermaus" hatte ich vor was weiß ich wie vielen Jahrzehnten schon mal als Kind mit meinen Eltern gesehen. (lacht) Für mich war "For the Drama" deshalb ein ganz besonderes Projekt: Zum einen, weil ich wieder in meiner Heimatstadt drehen durfte, und zum anderen, weil ich dabei mal hinter die Kulissen gucken durfte. Ich kenne das Sprechtheater, habe selbst viel Theater gespielt. Das war dann aber doch kleiner und ein weniger aufwendiger Betrieb: Bei der Bayerischen Staatsoper sind 1.000 Menschen angestellt. Sie ist eine der größten Opernbühnen Europas. Es ist unglaublich, da hinter die Kulissen zu gucken und in die verschiedenen Gewerke Einblick zu gewinnen: Bei den Perückenmacherinnen und Perückenmachern, es gibt einen eigenen Schuster, die Kostümabteilung ... Diesen Vibe hinter der Bühne aufzusaugen, war wirklich besonders.

teleschau: Die Bayerische Staatsoper liegt direkt neben dem Münchner Residenztheater, das Sie vor Jahren zum Schauspielberuf inspirierte ...

Nasemann: (lacht) Ja, das war definitiv ein Full-Circle-Moment, wieder so nah am Residenztheater zu sein: In der Kantine saßen wir zum Teil mit den Angestellten des Residenztheaters an einem Tisch.

"Vor den großen Opernstars hatte ich als kleine Schauspielerin natürlich Respekt"

teleschau: Ist das reale Bühnen- und Theaterleben wirklich so verrückt und bunt, aber auch so von Rivalitäten geprägt. wie es in der Serie erscheint?

Nasemann: Nee, vor allem die Opernbranche hat einen abgehobeneren Ruf als sie tatsächlich ist. Das war eine sehr professionelle, aber auch sehr freundliche Zusammenarbeit, die ich da erlebt habe. Vor den großen Opernstars hatte ich als kleine Schauspielerin natürlich Respekt. Sie waren aber sehr hilfsbereit und hatten große Lust, bei unserem Projekt mitzumachen.

teleschau: Die leichte Fernsehunterhaltung stößt in der Theaterszene bisweilen auch auf Skepsis. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Nasemann: Wir dachten anfangs auch, dass wir da auf Ablehnung stoßen könnten. Tatsächlich waren die Sängerinnen und Sänger allerdings alle offen, bei den Dreharbeiten dabeizusein. Sie finden es, glaube ich, auch mal ganz schön, im Fernsehen stattzufinden. (lacht) Und wir fanden es schön, in der Oper zu sein. Insofern war es ein Geben und Nehmen. Aber natürlich war klar: Die Operninszenierung hat grundsätzlich Vorrang, und wir spielen nur die zweite Geige. Wir mussten uns unterordnen und uns an ihr Programm anpassen. Vor allem mussten wir sehr flexibel sein: Wenn plötzlich das Bühnenbild umgebaut wurde und eine Szene vollkommen anders aussah. Das hat schon auch Herausforderungen mitgebracht!

"Ich habe das Gefühl, dass sich die Oper bemüht, offener für alle zu werden"

teleschau: Die breite Masse sieht Oper als eine elitäre Kunstform. Worin liegen Ihrer Meinung nach diese Berührungsängste mit dem Genre?

Nasemann: (überlegt) Ich glaube, dass es zu viele Opern gibt, die zu lang sind. Nach zwei Stunden ist die Konzentration bei den meisten Menschen wahrscheinlich meistens weg. Ich finde es besser, wenn sich Inszenierungen auf das Wesentliche begrenzen. Hinzu kommt, dass Oper teils sehr alte Geschichten in sehr alter Sprache erzählt.

teleschau: Was könnte da helfen?

Nasemann: In jeder Oper gibt es inzwischen die Obertitel, die man mitlesen kann. Das hilft auch bei deutschsprachigen Opern, bei denen man vielleicht Schwierigkeiten hat, den Gesang zu verstehen. Ich habe schon das Gefühl, dass sich die Oper bemüht, offener für alle zu werden und immer wieder Inszenierungen zu bringen wie "Die Fledermaus", die auch für die breite Masse funktionieren: Die Songs sind alle eher poppig. Wir sind während der Dreharbeiten summend durch die Gänge gelaufen, weil das solche Ohrwürmer sind! Selbst wenn man mit der Musik nichts anfangen kann, lässt einen das Bühnenbild staunen.

teleschau: War das mit ein Grund, weshalb die Verantwortlichen ausgerechnet "Die Fledermaus" für die Serie ausgewählt haben?

Nasemann: (überlegt) Ich glaube schon. Das ist eine Inszenierung, die in München jedes Jahr wieder gespielt wird. Die Story ist auch irgendwie zeitlos: Die Themen Rache, Eifersucht und Liebe kennen wir alle. Wir können darüber lachen, wir können mit den Figuren mitfühlen, uns aber auch ein Stück weit von ihnen distanzieren und sagen: Gott sei Dank habe ich diese Probleme nicht! (lacht)

teleschau: Was war die Intention hinter der doch sehr ungewöhnlichen Kombination von Oper und Serie?

Nasemann: Ich glaube, es ist gerade in der heutigen Zeit immer spannend, verschiedene Medien zusammenzubringen. Ich bin auch voll dafür, Theater und Oper für mehr Leute zugängig zu machen. Das ist auf jeden Fall der Grund hinter dieser Serie: zu sagen, okay, jetzt versuchen wir durch die ARD Mediathek junge Menschen zu erreichen und ihnen das ganze Thema Oper näher zubringen.

teleschau: Hätten Sie konkrete Ideen, wie man an diesen Ansatz anknüpfen könnte?

Nasemann: Ich würde gerne eine zweite Staffel von "For the Drama" drehen! (lacht) Auch Künstliche Intelligenz eröffnet uns da neue Möglichkeiten: Es gibt bereits erste Inszenierungen mit Robotern. Ich habe auch mal eine Theaterinszenierung in Hamburg gemacht, im Rahmen derer wir einen Fake-Instagram-Account für meine Figur kreiert haben, um dieses ganze Fake-News-Thema aufzugreifen. Insofern gibt es da schon unzählige Möglichkeiten, Theater in die digitale Welt zu bringen. Gleichzeitig finde ich es schön, einfach mal ins Theater zu gehen und in eine ganz andere Welt einzutauchen.

"Die Probenzeiten sind oft nicht familienkompatibel"

teleschau: Ein besonderer Clou der Serie ist, dass reale Opernschaffende in kurzen Interviews zu Wort kommen. Regisseur Barrie Ksoky sagt in einem dieser Interviews: "Das Leben für das Theater kann nicht part time", also keine Teilzeit, "sein" ...

Nasemann: Das sehe ich ehrlich gesagt schon auch so. Ich habe Theater gespielt, habe mit meiner Mutterschaft aber damit aufgehört, weil es einfach schwer ist, abends auf der Bühne zu stehen, während man gleichzeitig den Wunsch hat, sein Kind ins Bett zu bringen. Die Probenzeiten sind auch oft nicht familienkompatibel. Glücklicherweise gibt es inzwischen immer mehr vor allem junge Theatermacherinnen und -macher, die sagen: Hey, ich verändere die Probenzeiten, die normalerweise von 10 bis 14 Uhr und von 18 bis 22 Uhr sind, und mache sie kitafreundlich, sodass wir alle um vier Uhr nach Hause gehen können. Aber es müssen natürlich trotzdem auch nach den Proben Szenen vorbereitet oder Texte gelernt werden. Deshalb ist es doch oft schwierig, in Teilzeit auf der Bühne zu stehen. Hinter den Kulissen gibt es sicher viele Berufe, die man gut in Teilzeit machen kann.

teleschau: Gab es in Ihrem Leben als Schauspielerin, Autorin und zweifache Mutter schon mal einen Punkt, an dem Sie Ihren Beruf zugunsten der Familie fast hingeschmissen hätten?

Nasemann: Nee, den gab es nie, weil ich immer das Glück hatte, mir meine Zeit selbst einteilen zu können. Viele meiner Projekte, Social Media und Podcasts zum Beispiel, kann ich gut von zu Hause aus machen. Aber ich habe schon mal einen Dreh abgesagt, der an einem Ort gewesen wäre, an den ich mein damals nicht mal ein Jahr altes Baby nicht hätte mitnehmen können. Die Vorstellung, drei Wochen von ihr getrennt zu sein, erschien mir zu früh. Zu einem anderen Dreh, da war sie gerade vier Monate alt, konnte ich sie aber mitnehmen und das ging super!

"Dank meines Mannes kann ich jederzeit meine Koffer packen"

teleschau: Was müsste sich konkret an Ihrer Branche ändern, damit die Frage "Kind oder Karriere?" nicht mehr so präsent ist?

Nasemann: Ich wünsche mir familienfreundlichere Drehzeiten, dass es wirklich mal einen Film gibt, bei dem alle um 16 Uhr Feierabend haben. Aber ein Dreh kostet natürlich viel Geld: Geräte werden für einzelne Tage ausgeliehen, also bedeutet das, dass man den Tag voll ausnutzen muss. Es ist kompliziert, aber ich glaube schon, dass es vor allem unter den jungen Filmemacherinnen und Filmemachern viele gibt, die dieses Thema auf dem Schirm haben. Letztendlich kommt es auch auf die richtige Partner*innenwahl an. Dank meines Mannes kann ich jederzeit meine Koffer packen und zum Dreh fahren, weil ich weiß: Er ist da und kann die Kids übernehmen. Aber so was geht natürlich nur, wenn beide Menschen einer Partnerschaft eine gewisse Flexibilität im Beruf mitbringen.

teleschau: Ist das Thema Kinderbetreuung eigentlich nach wie vor ein frauentypisches?

Nasemann: Viele meiner männlichen Schauspielkollegen kümmern sich sehr intensiv um ihre Kinder, auch weil viele von ihnen durch ihren Beruf im ersten Jahr viel Zeit mit ihren Babys verbringen konnten. Für sie ist das Thema genauso relevant wie für uns Mütter.

"Sobald das Kind da ist, sollten alle Bedürfnisse gleich viel zählen"

teleschau: Die gleichberechtigte Beziehung ist auch Teil Ihres Podcasts "Family Feelings", den Sie gemeinsam mit Ihrem Ehemann Sebastian Tigges führen. Was verstehen Sie darunter in Bezug auf die Kindererziehung?

Nasemann: Es war wichtig, dass ich schon sehr früh, bevor wir Kinder bekommen haben, bei meinem Mann abgeklopft habe: Wie sieht es bei ihm aus? Will er nur Karriere machen oder kann er sich auch vorstellen, in Teilzeit zu gehen? Da habe ich schon gemerkt, dass ihm Zeit mit den Kindern zu verbringen, wichtig ist. Wichtig war für uns auch, uns rechtzeitig zu überlegen: Wer übernimmt wie viel Elternzeit? Das erste Lebensjahr ist gerade für Männer wichtig, um eine enge Bindung zum Kind zu bekommen und vor allem auch den gesamten Mental Load der Care-Arbeit zu übernehmen. Ich meine damit nicht, die Elternzeit gemeinsam zu nehmen und dann nur auf Reisen zu gehen, sondern sich auch alleine um das Kind zu kümmern. Das stellt dann auch die Weichen für die kommenden Jahre, die Bedürfnisse der Kinder zu erkennen und sich mit dem Partner oder der Partnerin abzustimmen.

teleschau: Funktioniert das gut?

Nasemann: Für uns ja. In der Zeit, in der ich gearbeitet habe und er mehr Care-Arbeit übernommen hat, waren wir auch nicht glücklich, weil wir gemerkt haben: Er bekommt zu wenig Anerkennung für seine Care-Arbeit und ich wiederum fühle mich zu sehr unter Druck, alleine für den Lebensunterhalt verantwortlich zu sein. Das war keine schöne Situation, und ich bin froh, dass wir es inzwischen so hinkriegen, beide für beides verantwortlich zu sein.

teleschau: Haben Sie Tipps für andere Paare, die diesen Ansatz auch umsetzen wollen?

Nasemann: Reden, reden, reden. Und vor allem sollten beide Seiten den Mut haben, ehrlich zu kommunizieren, was man wirklich möchte. Eine Mutter, die vier Wochen nach Geburt wieder Lust hat zu arbeiten, ein Vater, der am liebsten ein Jahr im Job pausieren möchte: Why not? Ich erlebe viele Männer, die meistens die Frau entscheiden lassen. Sie kennen das vielleicht aus der Schwangerschaft, dass sie als Mann nur die zweite Geige spielen. Aber sobald das Kind da ist, sollten alle Bedürfnisse gleich viel zählen.

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