Michael Brandner im Interview: Der ewige Girwidz bleibt einzigartig

Seit 2011 spielt er in der Serie "Hubert und Staller" mit

Der arme Girwidz: Dem sind die Frau Margot dauerhaft, das pubertierende Töchterchen Johanna zuweilen, der Führerschein nach Trunkenheitsfahrt und deshalb der goldene Stern auf den Schulterklappen abhandengekommen. Jetzt ist der Polizeirat lediglich noch Polizeiobermeister, aber in seiner Rolle bleibt er einmalig, einzigartig, dieser Girwidz. Obwohl, einzigartig, aber dazu später mehr.

Michael Brandner als Reimund Girwidz seit Beginn der Serie "Hubert und Staller"

Der Schauspieler Michael Brandner gibt den Reimund Girwidz. Die Rolle besetzt er seit Beginn der Serie "Hubert und Staller" im November 2011. Seit 2019 heißt sie "Hubert ohne Staller", weil sich Staller (gespielt von Helmfried von Lüttichau) verabschiedete. Hubert, also Christian Tramitz, ist geblieben, der Girwidz sowieso. Brandner gesteht im Brustton glaubhaftester Überzeugung: "Ich bin sehr glücklich mit der Rolle. Es gibt keine bessere Aufgabe in diesen Zeiten, als Leute dazu zu bringen, zu lächeln. Wenn wir mehrfach am Tag auf verschiedenen Sendern ausgestrahlt und von Millionen Menschen angesehen werden, was gibt es da noch zu sagen außer danke."

Aktuell laufen die letzten vier Folgen der 12. Staffel

Am 12. November ist die 189. Folge der Serie der Start der 13. Staffel im Vorabend-Programm der ARD. Aktuell werden mittwochs die letzten vier Folgen der zwölften Staffel gezeigt. BLICK.de hat den Mimen in einem Münchener Café getroffen, mit ihm über die Serie, über dessen Buch "Kerl aus Koks" und dessen Engagement im Berufsverband Schauspiel sowie in der Akademie für Fernsehen gesprochen. Um es vorweg klarzustellen: So amüsant und ulkig der selbstverliebte Girwidz erscheint, so klar und konsequent ist Brandner in seinen Aktivitäten für sowie Ansichten und Haltung zu Recht und Gerechtigkeit.

Unterschiedliche Charaktere in über 300 Produktionen gespielt

Brandner hat bis heute in über "300 Produktionen gespielt, die Rolle in dieser Serie ist eine von vielen verschiedenen." Das sagt er so gelassen, weil er eben aus einem reichhaltigen Talent unterschiedlichste Charaktere als Rolle hieven kann. Über seinen Girwidz sagt er auch: "Ich ziehe mir Rollen an, ein Kostüm, dann bin ich das. Wenn ich jetzt an meiner Rolle noch basteln sollte, nein, das mache ich nicht."

Mitwirken an den Inhalten

Die Schauspieler der Serie sind dabei mehr als nur Empfänger der Anweisungen von Regie und Drehbuchtext. Brandner weiß das zu schätzen: "Wir wirken mit an den Inhalten. Es gibt ganz viel Boden, auf dem wir als Schauspieler steppen können. Die Kamera sieht sofort, wenn etwas nicht stimmt. Den Schauspieler, der seinen Text denken muss, den sehe ich sofort. Wenn etwas hakt beim Spielen, dann probieren wir das solange, bis es passt. Das ist ja auch Sinn der Sache."

Ab Februar wird die 14. Staffel gedreht

Der arme Girwidz lebt immer noch allein, der goldene Stern ist (noch) nicht auf seine Schulterklappen zurückgekehrt. Die Fans der Serie werden sich auf jeden Fall darauf freuen dürfen, denn Brandner verrät: "Ab Februar kommenden Jahres drehen wir die 14. Staffel." Für eine Folge benötigt das Serien-Team gut acht Tage Drehzeit, Brandner ergänzt: "Dabei drehen wir aber zumeist auch Szenen aus mehreren Folgen hintereinander, sodass eine reine Drehzeit nur schwer zu definieren ist. Ich hoffe, dass wir diese Serie noch viele Jahre drehen werden."

Sein Buch "Kerl aus Koks"

So eine Vielzahl an Jahren hat Brandner in seinem Buch "Kerl aus Koks" beschrieben. So kam er zum Erstling: "Meine Agentinnen haben nach dem Hören vieler Geschichten, die ich so erzählte, gesagt, dass man das aufschreiben muss. Über einen Literaturagenten gelangte das dann zum Verlag. Mehr ist es eigentlich nicht." Doch, es ist mehr, es ist viel mehr. Es ist ein Mehr, das die Freude an jedem gelesenen Wort eskalieren lässt. Es ist wohl eine Vehikel-Biografie geworden, um den Begriff Autobiografie zu vermeiden. Brandner erklärt es so: "Ich habe Paul Brenner sehr gut als Vehikel für das Buch nutzen können." Paul Benner ist die Figur des Buches, die zu 80 Prozent von Brandner entlang dessen Erinnerungen von Seite zu Seite bewegt wird. Es sind Bewegungen, die Emotionen wecken, die Neugier stiften, die mit zahlreichen Sätzen veritable Geschenke sind.

Besondere Begegnungen

Beispiele, die solche besondere Begegnungen mit den Worten, die Brandner gefunden hat belegen: "Auf ein Lied, fand er, konnte man sich freuen wie auf einen Menschen. Es machte dasselbe Kribbeln im Bauch." Oder: "…und ein bisschen schämte er sich dafür, dass er sich nicht schämte." Oder auch: "Die Familie fiel auseinander wie eine Handvoll Nägel, aus deren Mitte man den Magneten entfernt hatte." Und: "Bisher hatten seine Träume nie viel Raum gebracht, weil er mit Leben beschäftigt war." Und das sowieso: "Cora hatte die schönsten Augen der Welt. Die schönste Seele auch. Man konnte unmöglich Augen wie Cora besitzen, ohne zugleich die schönste Seele zu haben."

Brandner nimmt Leser mit

Brandner nimmt den Leser an die Hand, um mit ihnen die Wege zu erlaufen, auf denen er gestolpert ist, die er hüpfend vor Freude querte, an dessen Rändern er verweilen wollte und beinahe zu oft auch verweilen musste. Er gesteht dazu: "Wenn eine Katze neun Leben hat, habe ich acht davon bereits aufgebraucht." Das Buch spiegelt die entsprechenden Ereignisse eindrucksvoll, im Gespräch offenbart Brandner dann, warum er nach knapp drei Jahrzehnten nach dem letzten eines solchen Ereignisse immer noch unter den Lebenden, in seinem Fall unter den äußerst Lebendigen weilt: "Ich habe seit knapp 30 Jahren eine Lebensgefährtin, die sehr gut auf mich aufpasst." Das muss also Caro sein, seine heutige Frau Karin, wollte ich wissen. Brandner lächelte glücksherzseelig: "Kann schon sein."

Balance zwischen mild und mächtig

Brandners Vielfalt im Gebrauch von Metapher und simplem Wort bedient die Balance zwischen mild und mächtig, Amplituden beider Adjektive platziert er auf den insgesamt 335 Seiten seines Buches auffällig selten. Der Autor: "Ich schreibe so, weil ich das eben bin. Ich bin so. Das ist in mir drin. Ich schreibe ja auch Gedichte." Eines davon - mit dem Titel Meer unter der Zeile VERDICHTETES ZUM ABSCHLUSS - hat er im Buch verewigt, das mit den Verszeilen schließt: "Dramatisch/Auf Diät gesetzt/Schwimmt letztlich/auch der Frust davon."  

Zweites Buch?

Es wird weitergehen mit dem armen Girwidz in Wolfratshausen. Es wird vielleicht sogar ein zweites Buch von Brandner geben, wobei der Vehikel-Biograf gesteht: "Ich habe viel gedreht inzwischen. Es gab Privates, das Zeit gekostet hat. Ich sitze bereits dran, aber mehr kann ich nicht sagen. Wenn man so etwas macht, braucht man einen Hintern aus Beton. Dafür braucht man Zeit. Ich bin aber ein sehr ungeduldiger und unruhiger Mensch."

Mitbegründer des Bundesverbandes Schauspiel

Brandner belässt es nicht beim Spielen, beim Schreiben. Er gestaltet, er will verändern. In 2006 war er Mitbegründer des Bundesverbandes Schauspiel. Für seine engagierte Arbeit in und mit diesem Berufsverband (zählt heute 3500 Mitglieder) erhielt er 2020 das Bundesverdienstkreuz. Im Dezember 2010 war er Mitbegründer der Deutschen Akademie für Fernsehen, die sich für die Entwicklung des deutschen Fernsehens als bedeutender Anteil der deutschen Kultur engagiert. Brandner sagt: "Kultur muss anregen, muss aufregen. Sie darf nicht sättigen."

Gründung in Berlin

Den Berufsverband hatte Brandner damals in Berlin gegründet, seine Schauspiel-Kollegen Jasmin Tabatabai, Antje Schmidt, Matthias Brandt, Oliver Broumis, Hans-Werner Meyer und Herbert Knaup waren dabei. Eine gemeinsame Errungenschaft besitzt für Brandner besondere Bedeutung: "Dem Verband kam eine entscheidende Rolle zu bei der Gründung der unabhängigen Vertrauensstelle 'Themis'gegen sexuelle Belästigung und Gewalt in der Film- und Theaterbranche.

Brandner bleibt einmalig

Was auch kommt, was passieren wird, Brandner bleibt einzigartig. So einmalig, wie Girwidz einmalig ist. Halt, da war noch etwas aufzuklären: In München gibt es einen zweiten Girwidz. Statt in fiktiver Rolle praktiziert der als Professor Doktor der Didaktik der Physik, der Arbeitsort ist die Ludwig-Maximilians-Universität in München. Der Unterschied im Namen ist marginal: Während der Erklärer der Naturwissenschaft ein Raimund mit ai ist, schreibt sich der degradierte Polizeirat als Reimund mit ei. Und: Nein, beide kennen sich nicht, zumindest der Rollen-Girwidz denkt darüber nach, diese Anonymität mit einem Kennenlernen beenden zu wollen.

Zum Polizeirat befördert

Übrigens: In Anerkennung für andauernde und immer wiederkehrende humoristische sowie satirische Darstellung intensiver Polizeiarbeit hat BLICK.de Raimund Girwidz ehrenhalber wieder zum Polizeirat befördert, ihm zwei Schulterklappen mit dem goldenen Stern überreicht. Jetzt muss er das nur noch den Produzenten und der Polizeirätin Sabine Kaiser (Katharina Müller-Elmau) verklickern. Aber auch das wird Brandner bzw. Girwidz irgendwie gelingen.

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