Steffen Hallaschka: "Ich mag Kulturpessimismus nicht"

Im Interview zu "2023! Menschen, Bilder, Emotionen" Es ist eine Premiere für Steffen Hallaschka: Am Donnerstag, 7. Dezember, wird der 51-Jährige erstmals durch den RTL-Jahresrückblick "2023! Menschen, Bilder, Emotionen" führen. Im Interview spricht er über die Highlights und Schwierigkeiten der vergangenen Monate und die Herausforderungen der Presse in Krisenzeiten.

Es hätte ein wahrlich freundlicheres Debüt-Jahr für Steffen Hallaschka geben können: Am Donnerstag, 7. Dezember, um 20.15 Uhr moderiert der 51-Jährige erstmals den RTL-Jahresrückblick "2023! Menschen, Bilder, Emotionen". Die knapp vierstündige Sendung lässt ein Jahr Revue passieren, das vom Krieg in der Ukraine, den Angriffen in Gaza, dem Klimawandel und den wirtschaftlichen Unsicherheiten geprägt war. Wie schafft es der "stern TV"-Moderator Steffen Hallaschka, angesichts der momentanen Weltlage nicht die eigene Zuversicht zu verlieren? Inwiefern hilft ihm die journalistische Arbeit gar bei der Verarbeitung der Krisen? Das und mehr verrät der zweifache Vater im Interview.

teleschau: Herr Hallaschka, was für ein Jahr war 2023 für Sie?

Steffen Hallaschka: Es war für mich ganz persönlich ein gutes Jahr, weil ich die Erleichterung der Nach-Pandemie-Zeit genossen habe. Es war privat ein großer Segen, sich wieder frei zu bewegen und mehr Freunde zu treffen. Es war auch beruflich eine Chance, nicht mehr nur über Krankheiten und Inzidenzen zu reden. Stattdessen kehrten Unterhaltung und bunte Themen in unsere Köpfe und damit auch in unser Studio zurück. Das sage ich wohl wissend, dass es global gesehen kein tolles Jahr war, aber ich habe wirklich das Beste daraus gemacht.

teleschau: Was war Ihr persönliches Highlight?

Hallaschka: Das war die Doku-Serie "Sterben für Anfänger", die ich gemeinsam mit Olivia Jones veröffentlichte. Die beschäftigte und bereicherte uns selbst wahnsinnig, weil sehr viel Persönliches darin steckt. Ende September bekamen wir den Deutschen Fernsehpreis dafür. Von dem tollen Echo konnten wir das ganze Jahr über zehren. So was tut dann auch mal ganz gut, Shitstorm kannte ich schon, aber Candystorm war mir in der Form neu.

teleschau: Global betrachtet geht mit 2023 ein weiteres Krisenjahr zu Ende ...

Hallaschka: Ich habe das Privileg, dass ich mit großen Krisenthemen immer auch beruflich umgehen darf. Das betone ich deshalb, weil es auch hilft, die Themen zu begreifen und zu verarbeiten. Ich kann mich noch gut erinnern, als wir 2001 nach 9/11 alle fassungslos waren. Als ich dann endlich wieder am Radiomikrofon sitzen, darüber berichten und Gespräche mit Korrespondenten und Experten führen durfte, war das sehr erleichternd.

teleschau: Inwiefern?

Hallaschka: Es hilft immer unglaublich, sich aus dieser Schockstarre zu lösen. Das war in diesem Jahr vor allem zuletzt beim Thema Israel so. Ich hatte wirklich tolle Begegnungen bei "sternTV", zum Teil mit jungen Jüdinnen und Juden in Deutschland, aber eben auch mit Israelis. Chanan Cohen war bei mir, der gleich fünf Personen aus seinem Umfeld an die Hamas verloren hat, die verschleppt wurden. Eine Person wurde getötet, seine krebskranke Schwester wurde vor wenigen Tagen freigelassen. Dieser persönliche Kontakt mit den Betroffenen hat mich sicher am meisten berührt.

Wo es ihm schwer fällt, die professionelle Distanz zu wahren

teleschau: Wie schaffen Sie es, solche Themen abends nicht mit nach Hause zu nehmen?

Hallaschka: Meistens hilft mir mein professioneller Auftrag auch dabei, mich davor zu schützen, dass mich das Thema nächtelang verfolgt. Meine Aufgabe ist in erster Linie, die Geschichte dieser Menschen zu erzählen, Informationen zusammenzutragen und die Geschehnisse für unser Publikum begreifbar zu machen. Das schafft eine wohltuende Distanz. Um einen etwas schrägen Vergleich zu wagen: Ein Chirurg kann seinen Job sicherlich auch nur machen, weil er sich nicht privat mit jeder Krankheitsgeschichte auseinandersetzt, die ihm auf dem OP-Tisch begegnet.

teleschau: Gab es trotzdem mal eine Geschichte, bei denen Ihnen die professionelle Distanz nicht so leicht fiel?

Hallaschka: Ja, die professionelle Distanz bröckelt immer dann, wenn auch die Medien und wir Journalisten unter Beschuss sind. Seit einigen Jahren schon werden wir in dem, was wir tun, immer mehr angezweifelt oder angefeindet. Es ist für mich schon erschreckend, dass es mit der AfD eine Partei im Bundestag gibt, die journalistische Arbeit da, wo sie kann, oder da, wo sie sich kritisiert sieht, diskreditiert. Das findet natürlich auch einen Widerhall in der Gesellschaft.

teleschau: Was meinen Sie?

Hallaschka: Wenn wir über Demonstrationen berichten, ob es jetzt um Zuwanderung geht, um Israel oder um Corona, dann treffen wir schon auf eine sehr, sehr feindselige Stimmung. "Lügenpresse" ist da noch eine der charmanteren Vokabeln, die einem entgegengeworfen werden. Da fühle ich mich ab und zu persönlich gemeint. Deshalb fällt es mir schwer, die professionelle Distanz zu wahren.

teleschau: Wie groß ist Ihre Sorge um die Zukunft der Medienwelt? Wird die journalistische Arbeit noch schwieriger werden?

Hallaschka: Unsere Arbeit ist schon schwieriger geworden, weil wir konkurrieren, ohne dass es ein gleichberechtigter Wettbewerb ist. Wir konkurrieren mit sozialen Medien und denjenigen, die ganz bewusst Fake News und Desinformationen in Kauf nehmen oder sie unschuldig weitertragen. Für uns bedeutet das, dass wir oft eine Umdrehung mehr gehen müssen, um Fakten von Fake News zu unterscheiden. Außerdem müssen wir unserem Publikum klarmachen, dass wir in unserem Job nicht einfach alles verbreiten, sondern nur das, was sich auch belegen lässt.

Fluch und Segen von Social Media

teleschau: Sehen Sie sich und Ihre Sendung "stern TV" in der Verantwortung, das Medienbewusstsein der Menschen zu stärken?

Hallaschka: Absolut! Das beweisen wir jeden Mittwoch. Wir sind der journalistischen Wahrheit verpflichtet. Allerdings ist unsere Arbeit leider nicht immer einfach. Ich persönlich hätte mir zum Beispiel anfangs kaum vorstellen wollen, dass sich Gil Ofarims Äußerungen aus seinem Instagram-Video als komplette Lüge entpuppen. Er war zweimal bei mir in der Sendung. Ich habe kritisch nachgefragt und habe ihm auch die Brücke gebaut, seine Aussage zu relativieren und vielleicht als das Ergebnis eines hitzigen Wortgefechts darzustellen. Das hat er alles nicht wahrgenommen. Gleichwohl haben wir die Situation beobachtet und über bestehende Zweifel berichtet. Der Fall zeigt einmal mehr, wie schwer es sein kann, bei solchen Themen zu berichten.

teleschau: Wie schaffen Sie es, nicht die Zuversicht zu verlieren?

Hallaschka: Ich bin professioneller Optimist. Ich mag Kulturpessimismus nicht. Es ist nicht so, dass soziale Medien ein einziger Fluch sind. Sie sind auch ein Segen, weil sie Menschen zusammenbringen, weil sie Leuten in Krisengebieten die Chance geben, sich Gehör zu verschaffen. Den ersten großen Siegeszug traten die sozialen Medien damals im arabischen Frühling an, als man merkte: Okay, in der Hand der richtigen Leute ist es ein unglaublich mächtiges Werkzeug, um Demokratie zu fördern. Aber das Gegenteil, die Demokratie zu vergiften, funktioniert natürlich genauso.

"Wenn es persönlich wird, wird es zu Hause auf dem Sofa nachvollziehbar"

teleschau: Vor dem Hintergrund des derzeitigen Weltgeschehens: Mit welchen Mitteln werden Sie versuchen, dass "2023! Menschen, Bilder, Emotionen" nicht komplett düster wird?

Hallaschka: Das ist natürlich unsere größte redaktionelle Aufgabe, eine Sendung zu schaffen, die das Jahr abbildet, aber auch keine Schlagseite bekommt. Am Ende soll im besten Fall eine unterhaltsame Sendung dabei herauskommen. Das sagt aber nichts über die Leichtigkeit oder die Schwere der Themen aus. Wir werden das, was schwer und vielleicht auch tragisch ist, mit dem gebotenen Ernst in der Sendung abbilden. Wir haben aber auch wunderbare Geschichten, bei denen sich das Publikum mitfreuen darf: Darüber, dass Menschen in tragischen Situationen ein Happy End erlebt haben. Da wäre zum Beispiel Manfred Genditzki, der des sogenannten "Badewannenmordes" beschuldigt war und in diesem Jahr seinen viel zu späten Freispruch erlebt hat. Außerdem haben wir die Basketballer bei uns in der Sendung, die - das darf man ja auch nicht vergessen - Weltmeister geworden sind.

teleschau: Auf welche Gäste darf sich das Publikum darüber hinaus freuen?

Hallaschka: Ich werde die Gelegenheit haben, mit Mick Jagger zu sprechen, der in diesem Jahr 80 geworden ist und damit spätestens jetzt den Status "Lebende Legende" erworben hat. Darüber hinaus werde ich eine Runde prominenter Freunde zu Gast im Studio haben, mit denen ich auf die Themen des Jahres zurückblicken werde. Ich freue mich auf Olivia Jones, Evelyn Burdecki ist dabei. Dann haben wir Tim Mälzer in der Sendung und Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die ich im Gegensatz zu den anderen zwar privat nicht kenne, über deren Zusage ich mich aber besonders freue, weil sie uns in diesem Jahr nochmal besonders deutlich gezeigt hat, was für eine resolute, couragierte und meinungsstarke Persönlichkeit sie ist. Das tut dem politischen Betrieb ganz gut.

teleschau: "Menschen, Bilder Emotionen" ist seit Jahrzehnten eine feste Größe im Fernsehprogramm. Was hebt sie von vergleichbaren Sendungen ab?

Hallaschka: Das Geheimnis steckt eigentlich schon im Titel: "Menschen, Bilder, Emotionen" sind genau die Schwerpunkte, auf die wir bei "stern TV" schon seit über 30 Jahren setzen, und beide Redaktionen arbeiten eng zusammen. Es geht schon immer darum, die Geschichten von Menschen zu erzählen. Denn wenn es persönlich wird, wird es zu Hause auf dem Sofa auch spürbar und nachvollziehbar.

teleschau: Werden Sie sich auch etwas von Günther Jauch abschauen, der die Sendung sehr lange und sehr erfolgreich führte?

Hallaschka: Das Profil, das er der Sendung gegeben hat, lebt weiter. Aber ich muss mir von ihm nichts abgucken, sondern konnte in 13 Jahren "stern TV" mein eigenes Profil und meine eigene Handschrift unter Beweis stellen. Deshalb werde ich mich einfach auf das verlassen, was ich am besten kann: Nämlich ein guter Gastgeber einer sehr vielfältigen Sendung zu sein.

"In vielerlei Hinsicht kann 2024 nur besser werden"

teleschau: Was wünschen Sie sich für das kommende Jahr 2024?

Hallaschka: Ich blicke optimistisch aufs neue Jahr. In vielerlei Hinsicht kann es nur besser werden. Ich wünsche mir, dass wir die größte Herausforderung unserer Zeit wirklich in Angriff nehmen, bevor es zu spät ist: Das Ökosystem und das Weltklima so weit in den Griff zu kriegen, wie es überhaupt noch möglich ist. Das ist glaube ich die größte Herausforderung, die wir haben, abgesehen davon, dass wir uns natürlich alle Frieden auf der Welt wünschen.

teleschau: Meinen Sie, wir werden die Kurve in der Klimakrise schaffen?

Hallaschka: Ich bin kein Prophet. Aber wenn man sich mit den Aussagen der Experten auseinandersetzt, leuchtet ein, dass es eigentlich keine Alternative dafür gibt. Die Rettung des Klimas ist auch wirtschaftlich sinnvoll. Wir müssen gar keine anderen Anreize schaffen. Die Klimakrise wird uns ungebremst viel teurer zu stehen kommen, als wenn wir uns jetzt mit großen Anstrengungen um den Erhalt einer lebenswerten Welt bemühen. Wenn man sich das mal klarmacht, dann ist es erstaunlich, dass die Welt nicht schon längst viel entschlossener versucht zu retten, was zu retten ist. Die Politik konzentriert sich leider viel zu oft auf die kurzfristigen Effekte.

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