"Zu schrill, zu laut, zu viel Klamauk": Schlagerstar Nicole rechnet mit dem ESC ab

War früher wirklich alles besser? Wenn es um die Entwicklung des Eurovision Song Contest und nach Nicole geht, dann auf jeden Fall. Martina Mack führte für BLICK.de ein Gespräch mit dem Schlagerstar.

Martina Mack: "Nicole, Ihr neues Album und Ihre Tournee im November haben Sie unter das Motto "Carpe Diem" gestellt. Wie kamen Sie auf diesen Titel?"

Nicole: "Man sollte sich bewusst machen, dass unser Leben endlich ist, und dass man einfach jeden Tag so gut es geht, genießen soll. Man weiß nicht, was morgen ist, deshalb sollte man im Hier und Jetzt leben. Ich versuche das, auch wenn es nicht immer leicht ist."

Nicole kann sich nicht mehr mit dem ESC identifizieren

Martina Mack: "'Ich gratuliere mir' heißt das Lied - mit dem Sie an Ihren Erfolg beim ESC erinnern und an andere Momente Ihres Lebens. Seit 'Ein bisschen Frieden' sind 42 Jahre vergangen. Wie kommt Ihnen die lange Zeit im Rückblick vor?"

Nicole: "Die Zeit ist unfassbar schnell vergangen. Für mich ist es, als wäre es erst gestern gewesen. Ich habe vor kurzem mit Ralph Siegel telefoniert und ihm zu seinem 79. Geburtstag gratuliert - am gleichen Tag wurde Bernd Meinunger, der damals den Text von 'Ein bisschen Frieden' geschrieben hat, 80 Jahre alt. Und auch bei mir steht ein runder Geburtstag an. Ich frage mich manchmal schon, wo ist die Zeit geblieben?"

Martina Mack: "Nach Ihrem Sieg beim ESC haben Sie als Künstlerin unglaublich viel erlebt…"

Nicole: "Ich erinnere mich an jeden Augenblick, speziell an diesen 24. April 1982, als ich als letzte Teilnehmerin für Deutschland auf die Bühne gegangen bin. Das läuft dann bei mir ab wie in einem Film - und zwar jedes Jahr zur ESC-Zeit. Es ist ein Moment für die Ewigkeit, den man nie vergisst."

Martina Mack: "Wie sehen Sie den ESC heute?"

Nicole: "Ich bin da langsam raus, das ist nicht mehr meine Welt. Heute ist dieser Wettbewerb nur noch laut und bizarr. Es wird von Jahr zu Jahr schlimmer. Das Liedgut ist sekundär, es steht nur noch die Show im Vordergrund, und zwar je schriller, desto besser. Wir hatten damals alle die gleiche Bühne. Die konnte man auch nicht rauf- und runterfahren. Es gab weder Tänzer noch Schlittschuhläufer um einen herum. Heute hat jeder Titel ein anderes Bühnenbild. Damals gab es nur das Orchester, die Bühne und jeder musste rausgehen und zeigen, was er kann. Als die Jury beschlossen hat, dass alle in Englisch singen können und nicht mehr in ihrer Landessprache, ging es bergab mit dem ESC. Früher sind auch großartige Persönlichkeiten wie Toto Cotugno aufgetreten - das hatte eine ganze andere Qualität."

Martina Mack: "An welche besonderen Momente Ihrer Karriere erinnern Sie sich sonst gerne?"

Nicole: "Ich habe unglaublich viel von der Welt gesehen. Im August 1982 war ich eine Woche in Israel auf Einladung der Regierung. Ich hatte dort drei Auftritte mit 'Ein bisschen Frieden.' Dass wir an dem Abend meines Siegs 12 Punkte aus Israel bekamen, war eine Sensation. Diese Reise nach Israel hat mich unglaublich beeindruckt. Und als ich im Oktober 1982 volljährig wurde, saß ich gerade im Flugzeug nach Tokio und habe dreimal meinen Geburtstag gefeiert, weil wir durch drei verschiedene Zeitzonen flogen. Alle paar Stunden wurde ich wieder 18. Somit konnten wir dreimal anstoßen auf meine Volljährigkeit (lacht). Ich hatte auch einmal einen großartigen Auftritt bei 'Stars in der Manege', wo ich an einem Vertikalseil herumgeschleudert wurde. Zuerst sollte ich eine Hunde-Dressur machen, das habe ich aber abgelehnt. Das war gar nicht mein Ding."

Martina Mack: "War die Seil-Nummer nicht gefährlich?"

Nicole: "Es sollte natürlich spektakulär rüberkommen. Dazu kam ein rumänisches Pärchen zu mir ins Saarland, und wir haben vier Tage lang die Seil-Nummer bei uns in der Turnhalle einstudiert. Im Dezember 1982 ging es dann nach München. Ich hing also im Circus Krone bei 'Stars in der Manege' an diesem Seil. Der Schauspieler Gustl Bayrhammer hat die Show moderiert. Vor dem Auftritt musste ich im Hotel 'Bayerischer Hof' noch fit gespritzt werden. Ich leide nämlich unter einer Pferdehaar-Allergie. Damit ich überhaupt in die Manege konnte, bekam ich eine Dosis Cortison verpasst. Das war alles sehr aufregend, aber am Ende habe ich es geschafft und die Nummer wirkte spektakulär (lacht)."

Über Freundschaft und die Liebe:

Martina Mack: "Auf dem neuen Album singen Sie das Lied 'Gute Freunde'. Wie wichtig sind Ihnen die Freunde?"

Nicole: "Meine Freunde sind mir absolut wichtig. Einen guten Freund kannst du auch nachts um halb drei anrufen und er ist für dich da und erfindet keine Ausrede. Freundschaft ist bedingungslos, fragt nicht nach Zeit. Ich lade mir gerne Gäste ein und bekoche sie. Der Entertainer Alfred Biolek hat einmal den Satz gesagt: 'Wer nicht selbst für das Mahl seiner Gäste sorgt, ist es nicht wert Freunde zu haben.' Das habe ich mir gemerkt. Ich war auch mal in seinem Kochstudio. Man sagt mir nach, dass ich sehr gut koche, und ich liebe es, Leute um mich zu haben. Wie oft sieht man sich auf der Straße und sagt: Wir müssen irgendwann man etwas machen - aber wann ist irgendwann? Irgendwann ist nur ein Wort und ich finde, man muss es dann auch machen. Das sind dann oft die schönsten Abende, wo man gesellig zusammensitzt, lacht und sich freut, dass man gute Freunde hat."

Martina Mack: "Sie sind immer in Ihrer Heimat im Saarland geblieben. Konnten Sie trotz Ihrer Karriere und den vielen Reisen Ihre Schulfreundschaften pflegen?"

Nicole: "Ja, das habe ich. Unser Jahrgang 1964 ist der Beste! Ich glaube, in unserem Ort gibt es keinen Jahrgang, der so verbunden ist wie wir. Wir haben uns vor kurzem erst getroffen, waren im Park und haben gegrillt. Einmal im Jahr treffen wir uns alle und zelebrieren das, und dieses Jahr ist ja auch ein ganz besonderes Jahr, weil wir alle 60 Jahre alt werden. Meine beste Freundin aus der Klasse wurde nun auch 60, zurzeit komme ich gar nicht mehr aus dem Gratulieren heraus."

Martina Mack: "Am 25. Oktober darf man Ihnen gratulieren, da werden Sie 60 Jahre alt. Mit welchen Gefühlen sehen Sie diesem Geburtstag entgegen?"

Nicole: "Eigentlich bin ich gelassen, denn es ändert sich ja nur eine Zahl, aber nicht der Mensch. Ich bleibe die gleiche Nicole, auch wenn ich 60 bin. Irgendwo muss man es halt festmachen, dass man älter wird, und das sind die Zahlen. Im Herzen oder im Geist fühle ich mich jung. Mit 50 habe ich gesagt, die Hälfte ist rum. Jetzt ist mehr als die Hälfte meines Lebens rum. Ich glaube nicht, dass ich 120 werde (lacht). Der älteste Mensch zurzeit ist 119 Jahre alt, das habe ich vor kurzen gegoogelt. Ich mache mir darüber nicht allzu viele Gedanken. Ich denke mal, der liebe Gott wird es schon richtig machen."

Martina Mack: "Wie denken Sie grundsätzlich über das Altern?"

Nicole: "Jedes Jahrzehnt, jede Dekade hat seinen Reiz und einen gewissen Zauber. Allerdings möchte ich nicht mehr 20 sein, denn dann wüsste ich nicht das, was ich jetzt schon weiß. Kind zu sein, war schön, erwachsen werden auch. Mutter zu werden und eine Familie zu gründen, hat mich sehr erfüllt, genauso wie meine Karriere als Sängerin. Ich habe mir alles erfüllt, was ich mir je erträumt habe - und noch viel mehr. Man muss das in den Dimensionen sehen, wie ich das erlebt habe. Das ging ja alles Schlag auf Schlag, immer höher, immer schneller, immer weiter. Ich durfte die ganze Welt bereisen. Ich fühle mich absolut privilegiert. Ich erinnere mich noch an einen Dreh in Kuba. Wir sind dort an Orte gekommen, wo man als normaler Tourist niemals hingekommen wäre. All das habe ich meinen Beruf zu verdanken. Ich habe in meinem Leben sehr viel Glück gehabt mit meiner Karriere und mit meiner Familie. Dafür bin ich sehr dankbar."

Diagnose Blutkrebs - Was hat sich verändert?

Martina Mack: "Sie wurden 2020 mit der Diagnose Brustkrebs konfrontiert. Wie hat die Krankheit den Blick auf das Leben verändert?"

Nicole: "Das war sehr einschneidend und hat meinen Blick auf das Leben sehr verändert. Es ist nicht selbstverständlich, dass man 60 werden darf. Jeder Tag ist ein Geschenk. Das wissen die wenigsten oder machen es sich nicht bewusst. Wenn jemand zu dir kommt und sagt: Du hast jetzt nur noch 24 Stunden zu leben - wie nutzt du die? Mit wem nutzt du diese 24 Stunden? Was oder wer ist es wert, diese kostbare Zeit mit dir zu verbringen? Du merkst auf einmal, dass keine Zeit mehr da ist, die Dinge zu tun, die du tun wolltest. Das müssen sich viel mehr Menschen einfach bewusst machen. Es ist wichtig, jetzt zu leben, das Leben genießen, Freude zu haben. Es ist dieses "Savoir-vivre", zu wissen, wie man lebt. Die Franzosen machen uns das gerne vor. Die sitzen gerne mal vier Stunden beim Essen, lachen und feiern das Leben. Von ihnen können wir uns etwas abgucken."

Martina Mack: "Wie werden Sie ihren 60. Geburtstag feiern?"

Nicole: "Ich werde nicht zu Hause sein an meinem 60. Geburtstag. Ich schnappe meine Familie, die Kinder und Enkelkinder und wir fliegen eine Woche lang in die Sonne. Das wird ein ganz lässiger Urlaub, eine entspannte Party. Wir bleiben in Europa und genießen die letzten Sonnenstrahlen im Herbst. Danach geht es ja schon los mit den Vorbereitungen zu meiner Tournee ab 13. November."

Martina Mack: "Haben Sie schon fleißig geprobt für die Tournee?"

Nicole: "Ja, wir waren vier Tage lang in St. Peter-Ording und haben geprobt. Ich fühle mich gut, bin in Form. Wir haben ein fast komplett neues Programm. Dieses Mal habe ich auch ganz alte Titel aus den 80-er rausgekramt. Es sind wirklich kleine Perlen, die sich da versteckt haben. Lieder, wie 'Lass mich nicht allein' oder 'Wenn die Blumen weinen könnten', das war 1983 ein riesengroßer Hit. Auch 'Nie nie mehr', ein Anti-Kriegslied. Diese Lieder haben in der jetzigen Zeit ja wieder Hochkonjunktur. Das Lied 'Where have all the flowers gone', ein Anti-Kriegslied, das der amerikanische Sänger Pete Seeger 1955 geschrieben hat, wurde in der Version von Marlene Dietrich 'Sag mir, wo die Blumen sind' ein paar Jahre später auch international populär. Das war 1962, kurz vor der Kuba Krise. Natürlich sind auch meine Klassiker dabei, 'Ein bisschen Frieden', 'Flieg nicht so hoch mein kleiner Freund' und mein Hit 'Papillon'. Meine Fans lieben diesen Song, es ist ein ganz besonderes Lied. Wir haben aber auch viele der neuen Lieder von 'Carpe Diem' im Programm."

Martina Mack: "'Für immer dein Kind' gehört zu den neuen Songs. Haben Sie das Lied Ihrer Mutter Marlies gewidmet?"

Nicole: "Nein, nicht speziell. Aber es passt natürlich auch auf sie, auf alle Mütter. Es ist Fakt, dass man nur eine Mama hat und welch wichtige Person sie im Leben eines jeden Menschen ist. Egal, was passiert, für sie bleibt man für immer Kind. Ich mag das Lied, es stammt von meinem neuen Team, und es ist eine sehr persönliche Story. In dem neuen Team sind einige junge Leute aus Hamburg dabei. Sie haben auch das Lied 'Was wäre, wenn…' geschrieben, das ist ein bisschen im Stil von 'Rosenstolz.' Mein neues Album ist sehr farbenfroh, was die Musikstil-Richtungen angeht."

Martina Mack: "In dem Lied 'Was wäre, wenn' thematisieren Sie auch die soziale Kälte, die man aktuell in der Gesellschaft spürt. Wie empfinden Sie die persönlich?"

Nicole: "Genau so, wie ich es gesungen habe. Wenn man im Bus oder in der Straßenbahn ist, unterhält sich niemand mehr mit dem anderen. Jeder starrt auf sein beklopptes Handy. Das fängt bei den Kindern schon an und hört bei den älteren auf. Meine Mutter ist da die Ausnahme. Das liegt aber daran, dass sie ihr Handy meist nicht bei sich hat und sich auch damit schwertut, es zu bedienen (lacht). Aber von zehn Leuten sitzen acht da, und spielen am Telefon herum, tippen oder machen Spiele. Es ist schrecklich. Man fragt sich, was hat man früher ohne das Ding gemacht? Wir haben als Kinder noch gespielt, sind draußen herumgetollt, im Winter Schlitten gefahren oder haben Schneemänner gebaut. Wenn man heute einer 13-jährigen das Handy abnimmt, ist es eine Katastrophe."

Über den Glauben an Gott:

Martina Mack: "Eines der Lieder, die Sie selbst komponiert haben, heißt 'Nur durch Gottes Hand'. Wie gläubig sind Sie?"

Nicole: "Ich bin sehr gläubig, bin aber keine notorische Kirchengängerin. Am liebsten gehe ich zur Andacht in die Kirche, wenn niemand drin ist. Dann herrscht komplette Stille, ich kann meine Zwiegespräche mit Gott führen und ihn bitten, im großen Urlaub die Hand über uns zu halten. Danach fühle ich mich beruhigter, bin entspannter."

Martina Mack: "Hat Ihnen Ihr Glaube auch bei Ihrer Krankheit geholfen?"

Nicole: "Mein Glaube hat mir sehr geholfen in dieser Zeit. Ich habe mich beschützt gefühlt und diese Hand über mir gespürt. Ich hatte Gottvertrauen und wusste, er wird mir helfen, ich schaffe das. Und so war es auch, ich bin wieder gesund."

Martina Mack: "Sie haben sogar einmal eine Audienz beim Papst bekommen?"

Nicole: "Richtig, auch dieses Erlebnis bleibt unvergessen. Papst Benedikt hat uns in Rom empfangen. Damals waren wir in freudiger Erwartung, Großeltern zu werden. Es war der 2. Februar 2011. Ich lief am Petersplatz noch schnell in einen Laden und habe einen silbernen Engel gekauft für das Baby. Ich habe dann unsere Eheringe, den silbernen Engel und das Kreuz mit Schutzsteinen, das ich immer um den Hals trage, in meine Hände gelegt und ihn gefragt, ob er diese Sachen bitte segnen könne. Dann habe ich ihn noch gebeten, meinen Mann und mich zu segnen. Das hat er getan. Er hat uns mit den Fingern ein Kreuz auf die Stirn gemalt, und ich erinnere mich noch heute daran, dass seine Hände ganz warm waren. Ich habe in meinem Leben noch nie so warme Hände gespürt. Sie waren unnatürlich warm, das war absolut außergewöhnlich. Und er trug die typischen roten Papst-Schuhe (lacht)."

Martina Mack: "Mittlerweile haben Sie schon zwei Enkelkinder…"

Nicole: "Ja, meine große Enkeltochter ist schon 13, die kleine Lilli ist jetzt 9 Jahre alt. Ich bin sehr viel mit den beiden zusammen, wir hüpfen auf dem Trampolin, spielen draußen. Die Oma kann da noch gut mithalten (lacht)."

Martina Mack: "Sie haben dieses Jahr nicht nur einen runden Geburtstag, sondern auch den 40. Hochzeitstag. Wie haben Sie dieses besondere Ehejubiläum gefeiert?"

Nicole: "Wir haben dort gefeiert, wo wir unsere Hochzeitsfeier gemacht haben. Bei uns im Nachbarort. Es war sehr schön, nur wir beide, bei einem romantischen Dinner."

Martina Mack: "War nicht auch eine tolle Reise an Ihren Sehnsuchts-Ort Kapstadt geplant?"

Nicole: "Doch, wir waren schon im Winter in Kapstadt, weil dort dann Sommer ist. Ich liebe Kapstadt. Wer einmal dort war, ist für immer infiziert. Ich mag dieses wundervolle Licht, aber vor allem die herzlichen Menschen. Man wird von fremden Leuten eingeladen, die man gerade erst kennengelernt hat. Plötzlich sitzt man mit ihnen beim Barbecue auf der Terrasse, das ist uns immer wieder passiert."

Martina Mack: "Wie fühlt es sich an, 40 Jahre verheiratet zu sein?"

Nicole: "Es fühlt sich so an, als hätten wir gestern erst geheiratet (lacht). Ich finde, wir können sehr stolz sein, dass wir schon so lange glücklich sind. Gerade in der Branche ist das nicht selbstverständlich. Wie viele haben sich in der Zeit schon ein paar Mal getrennt und inzwischen den vierten Ehemann oder die vierte Ehefrau. Bei uns passte es einfach von Anfang an. Es war auch so, dass wir uns nicht lange gesucht, sondern relativ schnell gefunden haben. Und es hat sich gleich richtig angefühlt. Der liebe Gott hat zu mir gesagt: 'Nimm ihn, er ist es. Du musst nicht weitersuchen!' Und so war es auch. Ich glaube nicht an Zufälle. Es war Bestimmung, dass wir uns gefunden haben. Das Schicksal hat es so gewollt und ich bin der beste lebende Beweis dafür, dass auch jung geschlossene Ehen halten können."

Martina Mack: "Was macht diese große Liebe aus?"

Nicole: "Ich bin der Meinung, dass man schon viele Gemeinsamkeiten haben sollte. Bei uns ist das so. Wir sind sehr gesellig, humorvoll. Wir haben auch eine ähnliche Weltanschauung, und einen ähnlichen Sinn, was Recht und Unrecht anbelangt. Ich finde auch Respekt ist eines der Zauberworte. Man kann ruhig anderer Meinung sein, aber man muss auf hohem Niveau streiten können."

Martina Mack: "Fliegen auch mal Teller und Tassen bei Ihnen?"

Nicole: "Nein, niemals. Es fällt auch nie ein derbes Wort unterhalb der Gürtellinie, das hat kein Stil. Wir diskutieren sachlich. Winfried hat mich immer unterstützt, er war immer an meiner Seite - gerade auch während meiner Krankheit war er eine große Stütze. Er bleibt allerdings lieber im Hintergrund. Er möchte nicht so gerne auf Fotos, er mag auch keine roten Teppiche. Er sagt immer: Du bist hier die Hauptperson, du bist die Person des öffentlichen Interesses, ich bleibe im Hintergrund, das muss genügen. Er hat mich aber meistens zu meinen Auftritten begleitet. Meine Eltern und meine Schwiegereltern haben in der Zeit die Kinder betreut. Wir waren schon immer ein gutes Team."

Martina Mack: "Was macht Sie glücklich?"

Nicole: "Meine Familie. Wenn alle sich einig sind, es keinen Streit gibt und Harmonie herrscht. Ich bin ein sehr harmoniebedürftiger Mensch. Schlechte Schwingungen mag ich nicht, die tun mir nicht gut. Da sind wir wieder bei "Carpe Diem". Ich möchte den Tag genießen und das kann ich nicht, wenn es mir nicht gut geht und die Stimmung schlecht ist. Und deshalb tue ich alles dafür, damit es mir gut geht."

Martina Mack: "Stimmt es, dass Sie Ihre jüngste Tochter Joëlle noch bei sich im Hause haben?"

Nicole: "Ja, sie ist jetzt 27 und lebt noch bei uns. Sie genießt das Hotel Mama noch ein bisschen. Ist ja auch nicht das Schlechteste (lacht)."

Martina Mack: "Sind Ihre Kinder auch künstlerisch ambitioniert?"

Nicole: "Nein, meine älteste Tochter Marie-Claire ist examinierte Logopädin mit allen Examen, die man haben kann. Sie kann sich kaum retten vor Anfragen. Sie hat zwei Praxen und man glaubt gar nicht, wie viele Menschen mittlerweile Sprach-Probleme haben. Viele Kinder oder auch ältere Menschen, die nach einem Schlaganfall wieder neu lernen müssen, zu sprechen. Joëlle arbeitet im Ministerium für Kunst und Kultur - ein bisschen Kunst ist also dabei (lacht). Außerdem ist sie eine großartige Fotografin. Sie hat vor kurzem ganz tolle Bilder gemacht von ihrer Mama - nach meiner Anweisung. Sie konnte das sehr gut umsetzen. Ihre Fotos werden jetzt auch für das Album verwendet."

Martina Mack: "Wie geht es bei Ihnen weiter, was ist noch geplant in diesem Jahr?"

Nicole: "Ich freue mich erst einmal auf die Tournee. Die Leute werden verabschiedet mit dem Lied 'Carpe Diem' und ich bin sicher, sie werden rausgehen ins Foyer und sagen: 'Recht hat sie!' Du weißt nicht, was morgen ist, es kann alles Mögliche passieren. Es ist uns zu wenig klar, dass wir unser Leben jetzt genießen sollten. In dem Film 'Bucket List', der Geschichte der beiden Krebskranken, die von Jack Nicholson und Morgen Freeman gespielt werden, heißt es ja: 'Das Beste kommt zum Schluss'. Ich bin da anderer Meinung: Nein, das Beste kommt eben nicht immer zum Schluss. Man muss es sich jetzt so schön wie möglich machen. Meine Tournee geht bis Ende November, dann kommt Weihnachten und im Januar geht es wieder für zwei Wochen nach Kapstadt. Ich mache die Dinge, die ich machen will, jetzt und nicht irgendwann. Das habe ich gelernt nach meiner Krankheit und mein Leben dahingehend verändert."

Martina Mack: "Haben Sie sonst noch etwas verändert?"

Nicole: "Ich habe gelernt, es nicht immer allen Leuten recht machen zu müssen. Man sollte öfter mal das Wort mit den vier Buchstaben benutzen als das Wort mit den zwei Buchstaben."

Martina Mack: "Was wünschen Sie sich selbst zum 60. Geburtstag?"

Nicole: "Ich wünsche mir nur, gesund zu bleiben. Alles andere brauche ich nicht."

Zu schrill, zu laut, zu viel Klamauk

Nicole gewann am 24. April 1982 im nordenglischen Kurort Harrogate die 27. Ausgabe des damals hierzulande noch "Grand Prix Eurovision de la Chanson" genannten Wettbewerb. Mit der Ralph-Siegel-Komposition "Ein bisschen Frieden" holte sie den Sieg erstmals nach Deutschland. Sie trat damals mit weißer Gitarre und bodenlangem Kleid auf, dessen punktuelle Pailletten im Scheinwerferlicht wie Sterne funkelten. Show? Keine. Nicole saß auf einem Barhocker und sang ihre Friedenshymne unschuldig und aufrichtig hinaus in die Welt. Nach ihrem Dafürhalten wäre so etwas heute undenkbar und absolut chancenlos.

Nicole: Beim ESC "muss es heute ja bauchfrei sein"

"Heute wäre so ein hochgeschlossenes Kleid ja schon out. Da muss es ja mindestens bauchfrei sein. Ein kurzer Rock und eine Perücke gingen auch noch. Meine Haare waren ja echt damals", meinte sie im Interview und kritisierte, dass bei den Wettbewerbsbeiträgen heute die Show zu sehr im Vordergrund stünde. Damit könne sie sich nicht anfreunden. "Es ist mittlerweile schrill, es ist laut, es ist für mich manchmal beängstigend. Es gewinnen Titel, wo ich weder ein Liedgut noch großartigen Gesang feststelle", beklagte Nicole. Dabei handele es sich beim ESC doch in erster Linie um einen Liederwettbewerb: "Da geht es doch um das beste Lied, die beste Komposition, den besten Text und die beste Interpretation. Das Ganze muss eine Einheit sein."

"Die sehen das als Gag": Nicole beklagt beim ESC den fehlenden Ernst

Nicole bemängelte auch die Einstellung vieler Beteiligten, die den nötigen Respekt und Ernst vermissen ließen. "Ich habe manchmal das Gefühl, dass da Menschen auf der Bühne stehen, die das als Gag sehen", sagte sie. Sie selbst sieht den ESC als "die größte Musik-Sendung, die es weltweit überhaupt gibt". Sie räumte aber ein, dass selbstverständlich Inszenierung eine Rolle spiele - auch damals bei ihrem überraschenden, aber deutlichen Sieg (61 Punkte Vorsprung). So habe Ralph Siegel ihre weiße Gitarre ganz bewusst ausgewählt, denn die tauchten damals eher selten in Showprogrammen auf. "Es war keine schwarze oder keine braune Gitarre, sondern eine weiße." Ganz gezielt: "Als Zeichen für den Frieden."

Auch 42 Jahre nach ihrem Auftritt, der sie zum Star machte, ist Nicole noch im Geschäft. Am 25. Oktober, an ihrem 60. Geburtstag, veröffentlicht sie ihre neue Single "Ich gratuliere mir". Am 15. November erscheint dann mit "Carpe Diem" ein neues und insgesamt 30. Studio-Album. Bereits zwei Tage zuvor startet in Plauen ihre Tournee. Bis Ende November wird sie die Konzertreise durch 13 deutsche Städte führen.

Habt ihr eine Meinung zu diesem Artikel oder einen Fehler entdeckt? Dann weist uns gern darauf hin.

Auch interessant für dich