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Abtreibung: Recht auf Selbstbestimmung oder Recht auf Leben?

Diskussion Das denken die Chemnitzer über Schwangerschaftsabbruch

Abtreibung - ein kontroverses Thema, was auch die Chemnitzer beschäftigt. Haben Frauen wirklich das Recht auf Selbstbestimmung und Freiheit oder ist das Recht auf Leben wichtiger? Kann man das überhaupt so pauschal beantworten? Fakt ist: Schwangerschaftsabbruch gilt auch im Jahr 2018 noch nach Paragraph 218 offiziell als eine "Straftat gegen das Leben", die mit Gefängnis bestraft werden kann und nur unter bestimmten Bedingungen straffrei bleibt.

Demonstranten kämpfen weltweit für Selbstbestimmung der Frau

In den letzten Monaten war das Thema "Abtreibung" so präsent wie nie. In Polen sind im Frühjahr tausende Menschen auf die Straße gegangen, um gegen einen neuen Gesetzesentwurf zu demonstrieren, der keine kranken und missgebildete Föten als Grund für einen Abbruch mehr anerkennt. Das bedeutet, dass Frauen nur noch abtreiben dürften, wenn ihr eigenes Leben unmittelbar bedroht ist oder sie durch Inzest oder Vergewaltigung schwanger geworden sind.

Doch nicht nur in Europa entstehen hitzige Diskussionen. Erst vor zwei Tagen gingen 40.000 Demonstranten unter der Bewegung "Aborto Legaly Seguro" ("Legale und sichere Abtreibung") in Santiago de Chile auf die Straße, um für das Recht auf uneingeschränkte Selbstbestimmung zu kämpfen.

Die Situation in Sachsen

Doch wie sieht das Ganze in Deutschland, speziell in Sachsen eigentlich aus? Frauen haben es auch bei uns nicht leicht, im Fall der Fälle einen Abbruch vornehmen zu lassen. Je nach Wohnregion gibt es wenige Ärzte, die Schwangere behandeln würden. Listen, wie viele Ärzte überhaupt im Bereich Schwangerschaftsabbruch praktizieren, gelangen nicht an die Öffentlichkeit, wenn es sie denn überhaupt gibt.

Außerdem verbietet Paragraf 219a im Strafgesetzbuch, dass Ärzte öffentlich informieren dürfen, wenn sie Abbrüche vornehmen, da sie keine "Werbung" für diese Dienstleistungen machen dürfen. Tun sie es doch, können sie mit Gefängnis- oder Geldstrafen rechnen.

2,2 % mehr Abtreibungen im ersten Quartal

Was kann ich tun, wenn ich betroffen bin? Wenn eine Frau feststellt, dass sie schwanger ist, dann sollte sie zu allererst den Besuch beim Frauenarzt wagen. Oft können Gynäkologen erste Anlaufstellen für weitere Information sein. Wenn sich eine Frau sicher ist, dass die Schwangerschaft vorzeitig beendet werden soll, dann geht dies straffrei, wenn man vor der 12. Woche bei der Schwangerenkonfliktberatung vorspricht und die eigene Situation offen legt. Nach dem Gespräch muss eine Bedenkpause von drei Tagen eingehalten werden, bevor der Abbruch durchgeführt werden darf.

Das statistische Bundesamt meldete im 1. Quartal 2018 rund 27.000 Abtreibungen in Deutschland, 1.418 davon in Sachsen. Die Tendenz ist in Deutschland steigend, es gab 2,2 % mehr Abbrüchen als im entsprechenden Vorjahreszeitraum.

Was denken die Chemnitzer?

BLICK hat Frauen und Männer aus Chemnitz befragt, wie sie zu Schwangerschaftsabbrüchen stehen. Der 23-jährige Marcel K. antwortet: "Ich finde, jeder Mensch sollte so gut es geht, über sich und seinen Körper selbst entscheiden." Marcel glaubt, dass man als Eltern die Aufgabe habe, das Beste für sein Kind zu wählen und ihm einen guten Start ins Leben zu bereiten. "Wenn dies aufgrund der aktuellen Situation nicht möglich wäre, wäre die Entscheidung des Abbruchs wahrscheinlich die bessere", ist er sich sicher.

Die 21-jährige Michelle L. hat eine andere Meinung: "Grundsätzlich gesehen finde ich Abtreibung nicht gut. Dann soll man halt vorher aufpassen und die Konsequenzen tragen. Ich finde es nur, wenn es wirklich in den ersten Wochen der Schwangerschaft nach intensiven psychologischen Beratungen entschieden wird, akzeptabel, aber dennoch nicht gut. An sich ist das eine Lösung, auf die ich selbst nie zurückgreifen würde, aber ich habe Verständnis, wenn es Leute aus besonderen Gründen machen."

"Es ist nicht an mir, über ein Leben zu entscheiden"

Ähnlich sieht das die 22-jährige Hanan F.: "Ich bin der Meinung, dass kein Kind umgebracht werden sollte, einfach weil es zumindest hier in Deutschland genügend Mittel gibt, ein Kind aufzuziehen und zu betreuen. Die Eltern müssen es ja nicht behalten. Andererseits kann ich auch verstehen, dass eine Frau dazu vielleicht nicht in der Lage ist, wenn ein traumatisches Erlebnis dahinter steckt. Am Ende denke ich einfach, dass es nicht an mir ist, über ein Leben zu entscheiden. Ich habe das Kind quasi ins Leben geholt, also muss ich die Verantwortung auch tragen. Ich kann verstehen, wenn andere das anders sehen."

Für Abtreibung spricht sich der 21-jährige Moritz W. aus: "Abtreibung sollte in Ausnahmefällen erlaubt sein, wo beispielsweise eine Frau vergewaltigt wurde, selbst noch im Kindesalter ist oder ohne wirtschaftliche Perspektive lebt. Abtreibung sollte aber auch grundsätzlich im Ermessen der Frau liegen."

"Die Entscheidung sollte die Frau selbst treffen"

Auch die 33-jährige Anja P. ist ähnlicher Meinung: "Eine Schwangerschaft geht mit erheblichen Veränderungen einher, die Gesundheit und weiteres Leben, vor allem der Frau, betreffen. Die Entscheidung für oder gegen die Fortsetzung einer Schwangerschaft sollte von der Frau selbst getroffen werden. Alles andere wäre ein Eingriff in ihre Persönlichkeitsrechte." Anja ist außerdem für die Abschaffung der Paragraphen 218 und 219, da sie findet, dass diese Frauen in einer Notlage kriminalisiert und in ihren Rechten einschränkt werden. "Die Entscheidung zu einem Abbruch trifft keine Frau einfach so", fügt sie hinzu.

Die Umfrage zeigt deutlich, dass man sich auch hierzulande nicht einig ist und das noch viel Aufklärungsbedarf und Raum für öffentliche Diskussion zum Thema eingeräumt werden sollte. Letztendlich hat jede betroffene Frau in Deutschland, anders als in anderen Teilen der Welt, die Chance einen Schwangerschaftsabbruch unter besonderen Bedingungen durchführen zu lassen. Dass dieser Weg für Frauen noch immer steinig und alles andere als einfach ist, sollte wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gelangen.



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