Alle wollen ins Gefängnis

Aktion Großes Interesse bei letzter Besichtigungsmöglichkeit der Haftanstalt

Zum letzten Mal vor dem großen Umbau hatten interessierte Bürger am Samstag die Möglichkeit, das Kaßberg-Gefängnis in Augenschein zu nehmen. Und das Interesse war immens - eine lange Schlange bildete sich bis zum Eingang des Gebäudes. Die Besucher mussten Wartezeiten von bis zu einer Stunde in Kauf nehmen. Im Inneren konnten einzelne Zellen betreten werden, Zeitzeugen berichteten und eine Ausstellung informierte über Historie und Zukunft des Gebäudes.

Besondere Bedeutung in der DDR

Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts wurde die Haftanstalt auf dem Chemnitzer Kaßberg gebaut. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden unter anderem politische Häftlinge der Justiz sowie von der Gestapo verhaftete Kommunisten, Sozialdemokraten, Zeugen Jehovas und aus der Gemeinschaft ausgegrenzte Personen inhaftiert. Als größte der insgesamt 17 Untersuchungshaftanstalten der ostdeutschen Geheimpolizei kam dem Gefängnis auf dem Kaßberg seit Mitte der 1960er Jahre dann eine besondere Funktion zu: Es wurde zur zentralen Drehscheibe des deutsch-deutschen Häftlingsfreikaufs.

Nach dem Zusammenbruch der SED-Diktatur übernahm der Freistaat Sachsen die Gefängnisanlage. Er betrieb sie nach Modernisierungsmaßnahmen bis Ende 2010 als Justizvollzugsanstalt. Im Herbst 2011 gründeten Bürger den Verein Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis. Er setzt sich dafür ein, an das Leid jener Menschen dort zu erinnern, denen unter den nationalsozialistischen Gewaltherrschern sowie in den Jahren des Kommunismus größtes Unrecht widerfahren ist. Von Anfang an war es Ziel des Vereins, in einem Teil des ehemaligen Haftgebäudes eine Gedenkstätte zu errichten und zu betreiben.

Die Wohnungsbaugesellschaft Cegewo will das Gelände nun zu einem Wohnpark umgestalten. Seit Anfang des Jahres laufen bereits Abrissarbeiten, im Jahr 2022 soll das Projekt abgeschlossen sein. Der Verein Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis wird indes vom Freistaat im Vorhaben unterstützt, in einem Teil des Gebäudes eine Gedenkstätte entstehen zu lassen.