Für den FC Karl-Marx-Stadt und den Chemnitzer FC haben allerhand Spieler die Schuhe geschnürt. Einige davon sind den Himmelblauen auch nach ihrer Karriere treu geblieben. Einer davon ist Torsten Bittermann, der von 1982 (zunächst im Jugendbereich) bis 2002 durchgängig das himmelblaue Trikot trug. Durch einen Zufall rutschte "Bitti" nach 3 Jahren zum Abschluss der Spielerkarriere in Dresden in die Rolle des Co-Trainers, welche er - so war es anfänglich angedacht - nur vorübergehend begleiten sollte. Wenn man so will, hält der vorübergehende Zustand immer noch an. Der 57-Jährige ist zwar kein Co-Trainer mehr, aber übt seit 2014 stattdessen die Rolle als Mannschaftsleiter aus.
BLICK.de-Redakteur Marcus Hengst sprach mit Torsten Bittermann über den harten Hund Hans Meyer, seinen härtesten Gegenspieler, den Drei-Jahres-Deal mit Christoph Franke und welchem Spieler "Bitti" richtig der Arsch versohlt hat!
Hallo Torsten, vor 60 Jahren wurde der FC Karl-Marx-Stadt - der heutige Chemnitzer FC - gegründet. Was verbindest du mit diesem Verein und mit welchen drei Worten würdest Du ihn beschreiben?
Ich bin eigentlich schon mein ganzes Leben mit dem FCK bzw. CFC verbunden und gehe - wenn ich mich da nicht verrechnet habe - in meine 41. Saison. Wenn Du so viel Zeit mit einem einzigen Verein verbringst, dann wird er zu Deinem Herzensverein. Für mich ist der Klub auf der einen Seite menschlich und familiär, und auf der anderen ambitioniert und zielstrebig. Unser Slogan Ehre, Treue Leidenschaft verkörpert das auch ganz gut.
Du bist 1982 als junger Spieler zum FC Karl-Marx-Stadt gekommen. Im ersten Jahr standet ihr noch im grauen Mittelfeld und dann ging es voran mit guten Platzierungen. Wie war das für dich, als junger Spieler zum FCK zu kommen?
Wir haben damals als 14-Jährige ehrfurchtsvoll zur ersten Mannschaft hinaufgeblickt und in der Mensa die Spieler und Trainer getroffen, die jeden Tag zum Mittagessen kamen und eine eigene Tafel hatten. Jürgen Bähringer, Joachim Müller, Uwe Hess oder Frank Uhlig zu sehen, war für uns junge Spieler immer sehr bewegend. Zugleich aber auch Ansporn, an dieser Tafel ebenfalls einmal Platz zu nehmen. Bei mir war der Übergang dann ziemlich überraschend, ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass Heinz Werner mir eine Chance gibt. Er wusste aber um die Stärke des FCK-Nachwuchs und hat die Talentiertesten hochgezogen. Dass ich einer davon war, hat mich unglaublich gefreut. Denn damals war es unglaublich schwer, in die erste Männermannschaft zu kommen. Denn die DDR-Oberliga war einfach eine ganz andere Welt als die Juniorenliga. Beim ersten Trainingslager mit Heinz Werner haben wir Jungspunde erst einmal Bälle tragen müssen. Die Nominierung wertete ich als Zeichen, dass der Trainer irgendetwas in mir gesehen hat, was ich scheinbar selbst nicht gesehen habe.
Du hast Heinz Werner angesprochen, dann kam Hans Meyer und sorgte für große Erfolge vor und nach der Wende. Was war Meyer für ein Trainertyp und wie hat er euch so erfolgreich gemacht?
Als ich gehört habe, dass der Meyer kommt, hatte ich anfänglich überhaupt kein gutes Gefühl, denn er konnte nicht wirklich mit jungen Spielern umgehen, galt zudem als ein sehr harter Hund. Unser Glück war, das sage ich auch immer wieder, Christoph Franke, der als Co-Trainer den Hans in die richtige Spur im Umgang mit uns jungen Spielern gebracht hat. Christoph kam ja selbst aus dem FCK-Nachwuchs, das war unser Vorteil. Meyer und Franke haben hervorragend zusammengepasst und sich gegenseitig ergänzt. Das war letztlich das Erfolgsrezept in jenen Jahren.
Für euch ging es auf die europäische Bühne. Gibt es da irgendein Spiel, das Dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Viele denken immer als erstes an die Partien gegen Juventus Turin. Für mich sind aber zwei Heimspiele besonders in Erinnerung geblieben: Zum einen gegen Boavista Porto. Ausverkauftes Haus, schönes Wetter, und wir gewinnen mit 1:0. Und dann wäre als zweites das 4:1 gegen den FC Sion zu nennen. Dauerregen, tiefer Boden und ein sensationelles Ergebnis. Bei diesem Spiel habe ich einen richtigen Sahnetag erwischt und eines der besten Spiele im FCK-Dress bestritten. Generell waren die Reisen ins Ausland großartig und lehrreich.
Stichwort Highlights im Pokal: Es gab da ja das Spiel gegen die Amateure von Hertha BSC. War das vielleicht die bitterste, schmerzlichste Niederlage in Deiner Karriere?
Für uns war das natürlich total bitter, aber an dem Tag haben wir unsere Leistung einfach nicht auf den Platz gebracht. Vor weit mehr als 50.000 Zuschauern hast Du Dein eigenes Wort nicht hören können. Wir waren einfach überfordert, aber das hat zu der Gesamtsituation gepasst: Du hast die Anreise nach Berlin einen Tag eher, Du bist in aller Munde, Du spielst ein Halbfinale vor großer Kulisse gegen eine Mannschaft, die Dir eigentlich unterlegen sein sollte. Und mit den ganzen Nebenerscheinungen sind wir überhaupt nicht klargekommen. Das war sehr enttäuschend. Das war eine bittere Stunde.
Der CFC war in den 1990er viel in der zweiten Liga unterwegs, 1996 folgte der Abstieg: Du bist geblieben und mit den Himmelblauen drei Jahre später wieder aufgestiegen. Was war das für eine Zeit?
Als wir 1996 aus der 2. Liga abgestiegen sind, ist so ziemlich jeder Spieler weggegangen, der sich nicht mit dem CFC verbunden fühlte. Es blieben letztlich nur die Spieler übrig, die hier wohnten - und mit diesen hat Christoph Franke dann eine Mannschaft aufgebaut. Ich kann mich noch genau erinnern: Er hat mich gefragt, ob ich dabei bin. Und er hatte ein klares Konzept, eine klare Vorstellung. Er sagte zu mir, in drei Jahren wollen wir angreifen und aufsteigen. Und dann sind wir das Thema angegangen und hatten zum ersten Training 15 Spieler zusammen, von denen der größte Teil aus dem eigenen Nachwuchs entstammte. Unser Teamgeist hat uns zusammengeschweißt, uns ausgezeichnet. Christoph hat das vorher als Co-Trainer unter Meyer und später auch bei Reinhard Häfner Erlernte nun in führender Funktion erfolgreich umsetzen können. Am Ende war der Abstieg 1996 zwar bitter, aber für einen Neuanfang unausweichlich und notwendig.
Du hast von 1982 bis 2002 durchgängig für den FCK bzw. CFC gespielt, dabei staatliche 387 Partien bestritten und als Verteidiger 27 Tore erzielt. Was waren Deine drei schönsten?
Tatsächlich kann ich mich nicht mehr an jedes Tor ganz genau erinnern. Gegen den FC Sachsen Leipzig habe ich bei einem Heimspiel mal einen Doppelpack gemacht. Eigentlich war ich mehr für Kopfballtore bekannt, Nationaltorhüter Andreas Köpke konnte ich mit einem schönen Schuss aus der zweiten Reihe überwinden. Und gegen Greuther Fürth ist mir beim 5:0 der Führungstreffer nach drei Minuten gelungen. Meinen damaligen Gegenspieler Daniel Felgenhauer habe ich erst kürzlich getroffen und wir haben uns darüber noch einmal unterhalten. Er sagte zu mir: "Du hast mir damals den Arsch versohlt."
Du hattest gerade mit Daniel Felgenhauer einen Gegenspieler genannt, der Deine Leistung in hohen Tönen lobte. Wer war wiederum Dein härtester bzw. unangenehmster Gegenspieler?
Das trifft, so ehrlich muss ich sein, vor allem auf Thomas Vogel zu. Der hat damals in Erfurt gespielt und mir immer Sorgen bereitet. Ansonsten habe ich mich nie verrückt gemacht, wie manch ein anderer Spieler. Hans Meyer kam zu mir und hat mich gefragt, ob ich gegen Andreas Thom spielen will. Und ich sagte: Klar will ich gegen ihn spielen! Am Ende haben wir das Spiel gegen den BFC gewonnen.
Auf der anderen Seite hast Du auch mit vielen Mitspielern zusammengespielt. Von wem hast Du am meisten gelernt und wer hat Dich in jungen Jahren zur Seite genommen?
Als ich in die erste Männermannschaft gekommen bin, da hatte ich mit Jürgen Bähringer und Michael Glowatzky eine Fahrgemeinschaft. Die haben mich aus Werdau immer mit zum Training genommen. Auch Peter Keller war in meinen Anfangsjahren ein wichtiger Anker. Danach bin ich mehr und mehr meinen Weg allein gegangen.
Könnte der damalige "Bitti" mit dem Fußball mithalten, welcher sich in den letzten zwei Jahrzehnten entwickelt hat?
Das glaube ich nicht, denn der heutige Fußball ist athletischer und technischer geworden, insgesamt spielen deutlich mehr taktische Anforderungen eine Rolle. Bei uns gab es das alles noch nicht. Damals haben wir mit Libero gespielt. Irgendwann dann die Dreier- oder Viererkette. Neben der Taktik haben sich mittlerweile vor allem das Tempo des Spiels und die Schnelligkeit der Spieler verändert. Wenn Du etwas langsamer gewesen bist, konntest Du das Defizit mit anderen Qualitäten wettmachen. Heutzutage haben es Spieler ohne Schnelligkeit verdammt schwer, in den hohen Ligen zu spielen.
2005 bist Du zum CFC zurückgekehrt. Nach deiner aktiven Karriere warst du lange Zeit Co-Trainer, dann bist Du Mannschaftsleiter geworden. Wolltest Du diesen Weg an der Seitenlinie eigentlich einschlagen?
Nein, gar nicht. Das war ein absoluter Zufall. 2005 hat mich Dr. Hänel angerufen und ich sollte als Unterstützung im Marketing beim CFC anfangen. Zwei Wochen vorher hatte der damalige Cheftrainer Dietmar Demuth allerdings noch keinen Co-Trainer an seiner Seite, und da haben sie mich gefragt, ob ich vorübergehend Co-Trainer werden will. Da ich als ehemaliger Spieler noch im Saft stand und viele Dinge mitmachen konnte, habe ich zugesagt. Nach einem Jahr ist der damalige Mannschaftsleiter Hermann Kretschmann von seinem Posten zurückgetreten.
Damit war ich - wieder nur vorübergehend - auch noch Mannschaftsleiter und bin in diese Rolle hineingewachsen. Unter Karsten Heine wurden die Anforderungen an einen Mannschaftsleiter stark erhöht. Beide Posten konnte ich nicht mehr in der Qualität ausüben, weswegen ein neuer ein neuer Co-Trainer geholt wurde. Seitdem bin ich nur noch Mannschaftsleiter. Aktuell teile ich mir diesen Posten. Während ich mich um die administrativen Dinge kümmere sowie gegenüber der Geschäftsstelle Zuarbeiten leiste, kümmert sich Henry Büttner um die Ausstattung der Spieler.
War die verrückteste Geschichte in dieser Zeit?
Da sind vor allem die Reisen ins Ausland zu nennen, die haben immer ihre Reize. Als wir 2018 im Trainingslager in Spanien waren, haben wir einen Transporter mit Trainingsmaterialien vollgestopft. Olaf Renn und Holger Hiemann sind zwei Tage vorher losgefahren und haben die fast 2.000 Kilometer bis nach Salou abgespult. Das war wirklich verrückt, denn wir mussten genau überlegen, was im Vorfeld auf die Reise gehen kann und was in Chemnitz noch für das Training benötigt wird. Am Ende hat alles gut funktioniert. "Oleg" und "Hieme" sind sicher hin und hergekommen. Ich selber hätte das aber nicht machen wollen.
Was wünschst Du dem Chemnitzer FC für die Zukunft?
Ich würde mir schon wünschen, dass wir mittelfristig wieder so konkurrenzfähig sind, um die vierte Liga verlassen zu können. Das ist aber ein Prozess, den man nicht von heute auf morgen schaffen kann, der muss über mehrere Jahre wachsen, und bei dem vieles einfach auch passen muss. Aber wir sind dazu in der Lage und die Strukturen im Verein sind hervorragend. Alle ziehen an einem Strang. Und zum 60. Geburtstag wünsche ich unseren Herzensverein alles Gute!
Und zum Schluss möchten die BLICK.de-Leser gern wissen - Wie setzt sich die Legenden-Elf mit Torsten Bittermann zusammen?
Ananiev - Bähringer, Frank Sorge, Mehlhorn, Barsikow - Erler, Rico Steinmann, Joachim Müller, Ballack - Fink, Eberhard Vogel. Trainer: Hans Meyer
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