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Alte Bücher in neuen Zeiten

Die BLICK-Reportage Antiquar Wolfgang Gebhardt ist Händler und Idealist

Es ist ein Relikt aus vergangener Zeit, und es füllt ein ganzes Regal. Schwer, mit grünem Buchrücken, Ausgabe 1929. Der Große Brockhaus wartet im Antiquariat Max Müller auf seinen Käufer. Genau wie die Goethe-Bände aus dem Volksverlag Weimar, Erscheinungsjahr 1958, wie der Gottfried Keller, die Lyrikhefte. "Typographische Dichterporträts" sind als bibliophile Rarität in einer Glasvitrine zu bestaunen. Museumsatmosphäre, aber ohne Besucher. Wolfgang Gebhardt sitzt nachdenklich am Schreibtisch seines Ladens und liest E-Mails. Vor drei Jahren hat der 54-Jährige das alteingesessene Antiquariat übernommen. Erst im November ist er mit 30.000 Bänden aus der hochwassergeschädigten Reitbahnstraße in die Dresdner Straße 14 umgezogen, Plattenbau mit Blick aufs Contiloch.

Dann kam das Internet

"Auch wegen der günstigen Miete" erklärt Gebhard. Denn wer heute mit gebrauchten Büchern handelt, muss rechnen können. "Und ein Idealist sein." Gebhardt lehnt sich zurück, verschränkt die Arme über dem Kopf und kommt ins Schwärmen. Er erzählt vom Vorkriegs-Leipzig, von vielen Verlagen, von der ausgeprägten Lesekultur. Früher. Aber früher ist nicht heute und Chemnitz nicht Leipzig, nicht Dresden, sondern für dies Geschäftsfeld eher ein hartes Pflaster. "Arbeiterstadt", sagt man. Es fehlen geisteswissenschaftliche Traditionen. Technisches, Maschinelles dominiert, auch an der Hochschule. Wohl auch deshalb würden nur wenige Studenten und Professoren Gebhardts Geschäft betreten. Insgesamt, so schätzt er, seien höchstens zehn Prozent der Kunden ortsansässig.

Ihn selbst - geboren bei Halle - hat es in den Wirren der Wendezeit nach Chemnitz verschlagen. 1991 bekam der studierte Philosoph einen Job in der Büchergilde Gutenberg an der Augustusburger Straße. Ein paar Jahre später war Schluss mit dem Angestelltenleben. Es wurde ein erstes Geschäft eröffnet. Selbstständigkeit. Gebhard denkt wieder laut über früher nach. Der Umbruch - und Einbruch - kam mit dem Internet, zunächst langsam, dann lawinenartig. "Wo einst spontan gekauft wurde, greift man heute schnell zum Smartphone und vergleicht Preise. Ich führe aber keinen Ein-Euro-Shop." Das Preisniveau brach mit der Zeit ein, bei E-Bay ist alles billiger. Auch Gebhardt verkauft nun den Großteil seiner Ware über digitale Kanäle.

Stolz aufs große Angebot

Draußen vorm Laden eilen Passanten vorbei, gehen zur neuen Treppe, die zum Sonnenberg führt. Das Restaurant nebenan ist schon lange dicht. Drinnen zeigt Gebhardt auf Bilder an der Wand. Historische Stiche, Öl auf Leinwand, Zeichnungen. Sie hingen schon im Laden an der Reitbahnstraße. Es riecht nach Holz und bedrucktem Papier. Gediegenheit, Geist und Wissen auf 100 Quadratmetern. Der Antiquar ist stolz auf seine vielen Fotobände, die Kunstbücher, auch aufs Regionale wie Bergbau und Brauchtum, das gerade in Chemnitz und Umgebung hin und wieder einen Käufer findet. Gebhardt besucht regelmäßig Messen und tauscht sich dort mit Kollegen aus.

"Zurzeit drängt alles nach Berlin." Er will bleiben, ein Stück Tradition erhalten, nicht nur nackte Zahlen im Kopf haben. So lange es geht. Mit Literatur umzugehen, sei eben etwas sehr Schönes, sagt er und blickt rüber zum Bord mit den SchillerBänden. "Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst."