"Ankunft aus der Hölle": Ein Familienvater über den Kriegsbeginn in der Ukraine und die Flucht nach Deutschland

Olexij Pitsch über seinen Aufenthalt mit seiner Familie im Mariupol während der ersten Monat der Besatzung

Chemnitz

Jeder Tag war ein Kampf. Jede Sekunde bedeutete Überleben. "Wir lebten von einem Tag auf den anderen. Wenn wir nicht getötet wurden, dankten wir Gott", sagt Olexij. Als sie schließlich den Bunker verließen, standen alle Häuser um sie herum in Flammen. Seine Tochter begann zu filmen, doch Olexij befahl ihr, das Handy auszuschalten - aus Angst, dass ein Scharfschütze das Licht sehen und schießen könnte.

Am 24. Februar jährt sich der Ukraine-Krieg zum dritten Mal. BLICK.de hat mit dem Zeitzeugen Olexij Pitsch über seine Erfahrungen seit der Besetzung von Mariupol gesprochen.

Olexij Pitsch, der in der Fabrik "Asowstal" in Mariupol arbeitete, konnte wie viele Ukrainer nicht glauben, dass es wirklich Krieg geben würde. Noch wenige Tage vor Beginn der Kämpfe besuchte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj das Werk und versicherte den Arbeitern, dass es keinen Krieg geben werde. Doch der 24. Februar 2022 veränderte sein Leben für immer.

Der erste Schlag

Olexijis ruhiges und geordnetes Leben - mit einer erfolgreichen Karriere als Abteilungsleiter bei Asowstal sowie einer glücklichen Familie - wurde in einem Moment zerstört, ebenso wie das Schicksal von Millionen Ukrainern. Er erinnert sich noch genau an den 24. Februar 2022: der graue Himmel, der Regen, die ersten Schüsse. An Flucht dachte Olexij nicht. In seiner Abteilung arbeiteten 150 Menschen und er fühlte sich für sie verantwortlich.

Am 27. Februar gingen seine Tochter und ihr Sohn zum Fußballtraining. Möglicherweise rettete ihnen das das Leben. In ihre Wohnung im sechsten Stock schlug eine Granate ein. Sie durchbrach die Wand, explodierte jedoch nicht. Sie mussten ihre Wohnung verlassen. Tage später stellte sich heraus, dass ihr Haus bald erneut beschossen wurde. Eine Granate traf den neunten Stock, die Druckwelle ließ das in der Wand steckende Geschoss explodieren. Das Gebäude wurde vollständig zerstört.

Leben unter Beschuss

Zunächst versteckte sich Olexij mit seiner Familie in der Wohnung seiner Tochter im Stadtzentrum. Sie blieben dort bis 15. März. An diesem Tag schlug um 5 Uhr morgens eine Streubombe ein, die auf das Gebäude abgeworfen wurde. Ein Feuer brach aus und sie mussten in den Keller fliehen. In einem engen Raum lebten sieben Menschen.

Überleben und Durchhalten war nicht einfach: Es gab einen Mangel an Lebensmitteln, humanitärer Hilfe, Wasser, Medikamenten und fehlende Kommunikation. Die Lebensmittelvorräte gingen schnell zur Neige. Olexij und sein Schwiegersohn suchten täglich nach Essen und Wasser.

Die ersten Begegnungen mit dem Tod

Anfang März war Olexij mit seinem Schwiegersohn wieder auf die Suche nach Essen. Ein Schiguli fuhr ihnen entgegen - direkt davor schlug eine Granate ein. Das war der Moment, indem Olexij dem Tod zum ersten Mal so nah gegenüberstand. In diesem Auto saß eine Familie.

Kein Tag verging ohne mit dem Tod konfrontiert zu werden. Oft sah er Leichen auf den Straßen. Er sah, dass viele der Toten hochgekrempelte Ärmel hatten, sodass man auf den Handgelenken ihr Todesdatum notieren konnte. Viele wurden in Massengräbern in Hinterhöfen beigesetzt - zumindest wussten die Nachbar, wer sie waren. Dennoch lagen etliche weitere Leichen verstreut auf den Straßen.

Das einzige, was Olexij und seine Familie ein wenig ablenkte war, dass sie jeden Abend ein Tagebuch über den vergangenen Tag schrieben. Sie fanden ein Buch von Arthur Conan Doyle und Alekseis Tochter las jeden Abend daraus vor. So schliefen alle mit den Geschichten über Sherlock Holmes und Dr. Watson ein.

Der 18. März - die Hölle auf Erden

"Es war die Hölle auf Erden", sagte Olexij. Die Frontlinie rückte immer näher, überall brannte es, es wurde mit allem geschossen, was möglich war. Zwei Tage lang konnten sie den Bunker nicht verlassen.

Einmal versuchte Olexij, doch kurz hinauszugehen, um Kleidung aufzuhängen. In diesem Moment schlug eine Granate nur zehn Meter von ihm entfernt ein. Er erlitt Brandwunden und Narben an Arm und Bein. 

Als sie schließlich den Bunker verlassen konnten, standen alle Häuser um sie herum in Flammen. Seine Tochter begann zu filmen, doch Olexij befahl ihr, das Handy auszuschalten - aus Angst, dass ein Scharfschütze das Licht sehen und schießen könnte.

Die letzten Tage in Mariupol

Am 25. März gelang es Olexij endlich, das Auto zu reparieren, um zu fliehen. Sie versahen es mit der Aufschrift "Kinder", doch selbst das hielt die Russen nicht davon ab, auf sie zu schießen. Sie machten sich auf den Weg in die nächstgelegene nicht besetzte Stadt, Saporischschja.

Auf dem Weg passierten sie zahlreiche Kontrollpunkte, etwa 40, an denen die Russen sie gründlich durchsuchten, sie ausziehen ließen und nach Waffenspuren oder Schwielen suchten, um Soldaten zu identifizieren.

Unterwegs sahen sie viele zerstörte und beschossene Fahrzeuge. An einem der Kontrollpunkte begann plötzlich ein Feuergefecht. Ein entgegenkommender Busfahrer, dessen Fahrzeug von Kugeln durchsiebt war, schrie: "Willst du leben - tritt aufs Gas!" Olexij drückte das Gaspedal durch. Sein Fahrzeug geriet dabei unter Beschuss. Ihr Sohn, der auf der Rückbank auf der Beifahrerseite Platz genommen hatte, überlebte nur dank eines Computers, der unmittelbar hinter der Kopfstütze befestigt war. Eine Kugel, die das Fenster durchsiebt hatte, war im Netzteil des PCs stecken geblieben. Wie durch ein Wunder überstanden alle Insassen diese Augenblicke unverletzt. Auch Olexijis Onkel, der hinter ihm fuhr und bereits einen Schlaganfall überlebt hatte, kam mit dem Schrecken davon.

Als sie endlich Saporischschja erreichten, fragten ukrainische Soldaten, woher sie kämen. Olexij antwortete: "Aus der Hölle." Sie waren schwarz vor Dreck und total erschöpft. Den Kindern gab man sofort Waffeln. Olexij war so gerührt davon, weil die Kinder schon lange nichts Leckeres mehr gegessen hatten.

Leben nach der Hölle

Als die Tochter von Olexij in Saporischschja Kontakt zu ihren Bekannten aufnehmen konnte, boten diese an, nach Oleksandrija - eine Stadt in der Zentralukraine -  zu fliehen. Der Ehemann der Tochter ihrer Bekannten, Direktor des dortigen Fußballvereins, nahm sie auf Räume des Sportclubs auf. Anfangs waren sie erstaunt, wie ruhig alles war: überall brannte Licht, die Menschen gingen ruhig umher, und es wurde nicht geschossen. Nachdem sie 10 Tage in Oleksandrija verbracht hatten, fuhr die jüngste Tochter nach Irland und die andere Tochter entschloss sich, nach Deutschland zu fahren. Der Ehemann der Tochter ging an die Front, und der Onkel nach Tschechien.

Auch Olexij hatte vor, an die Front zu gehen, aber aufgrund seines Gesundheitszustands war er für den Dienst untauglich. Zuerst versuchten Olexij und seine Frau, in Dnipro zu arbeiten, aber die stark erhöhten Mietpreise, die niedrigeren Gehälter und die ständigen Alarmsignale erinnerten ständig an das Erlebte. Sie dachten darüber nach, nach Mariupol zurückzukehren, da dort Unterkünfte angeboten wurden, doch dann erfuhren sie, dass sie die russische Staatsbürgerschaft annehmen müssten und viele andere Bedingungen daran geknüpft waren, mit denen sie nicht einverstanden waren. Sie beschlossen deshalb, über Russland über die Krim auszureisen, die Tochter wartete in Deutschland auf sie. Daher entschieden sie sich, nach Düsseldorf zu fahren, zu ihrer Tochter. Später zogen sie in ein Dorf in der Nähe von Frankfurt und danach nach Chemnitz.

Ein Hauch von Normalität

Die deutsche Gemeinschaft der Ukraine unterstützt sie, da Olexij deutsche Wurzeln hat. In Deutschland gewöhnte sich die Familie allmählich ein. Olexijs Enkel begann, in einem Fußballclub zu spielen.  Der stolze Großvater hielt die komplette Saison in einem Album fest. 

(Basierend auf Interviews, geführt von Oleksandra Patlai mit Pitsch am 11.11.2024.)

Auch interessant für dich