"Bei unserem Nationaltorwart geht es nur darum, dass er gesund ist"

WM-Start Interview mit der Trainerlegende Hans Meyer

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Hans Meyer plaudert gern über Fußball - hier zur Einweihung des neuen Chemnitzer Stadions mit Stadionsprecher Olaf Kadner. Foto: Harry Härtel

Wenn am heutigen Donnerstag in Russland die Fußball-Weltmeisterschaft startet, wird auch Hans Meyer ganz genau hinschauen. Der 75-Jährige, der einst mit dem FC Karl-Marx-Stadt große Europapokal-Schlachten schlug und mit dem 1. FC Nürnberg 2007 sensationell den DFB-Pokal gewann, ist als Präsidiumsmitglied von Borussia Mönchengladbach noch immer ins aktive Fußballgeschehen eingebunden und hat von seinem Feuer für das runde Leder nichts verloren. BLICK-Verlagsleiter Lutz Wienhold sprach mit ihm über das größte Sportereignis der Welt und den Fußball in der Region.

Hans Meyer, ich gehe davon aus, dass Sie sich einige Spiele der Weltmeisterschaft anschauen werden. Welche Mannschaften zählen für Sie zu den Favoriten?

Neugierig bin ich auf Brasilien, Spanien, Frankreich und Argentinien, die für mich zum Kreis der Favoriten zählen. Die deutsche Mannschaft wird es schwer haben, den Titel aus dem Jahr 2014 zu verteidigen - unmöglich ist es aber sicherlich nicht.

Gibt es Außenseiter, denen Sie eine besondere Rolle im Turnier zutrauen?

Ich denke, dass Mannschaften wie Kroatien, Belgien und Mexiko für Überraschungen sorgen können und werden. Darauf bin ich sehr gespannt.

Planen Sie, Spiele des Turniers persönlich zu besuchen?

Ich mache es mir, wie die Politiker auch - nur aus anderen Gründen - daheim bequem. Vielleicht kommt es noch zu einem Schnellschuss bei einem interessanten Endspiel.

Bei der Auswahl des deutschen Kaders für die WM hat man nicht selten das Gefühl, dass es 80 Millionen Bundestrainer gibt. Hätten Sie beispielsweise Spieler wie Leroy Sane oder Mario Götze mit zum Turnier nach Russland genommen?

An dieser Diskussion beteilige ich mich nicht. Ich habe 40 Jahre lang wöchentlich schwere Entscheidungen treffen müssen. Oder glaubst du, es war für mich einfach, ab und an den fußballerisch schwächeren Torsten Bittermann spielen zu lassen und den technisch viel besseren Lutz Wienhold auf die Bank zu setzen? Vielleicht hättest du mir ab und an auch mal ein kleines Körbchen Eier ins Trainerzimmer stellen sollen (lacht).

Ist es richtig, mit Manuel Neuer, der in den letzten Monaten nahezu keine Spielpraxis sammeln konnte, als Nummer Eins ins Turnier zu gehen?

Bei unserem Nationaltorwart geht es nur darum, dass er gesund ist und bleibt. Mangelnde Spielpraxis zählt bei einem Spieler seiner Klasse nicht.

Nun noch ein Blick in die Region: Wie schätzen Sie die Leistung der Mannschaft von Erzgebirge Aue ein, die sich bereits über einen so langen Zeitraum in der 2. Bundesliga hält?

Nach der Wende gab es zwei Mannschaften, die aus den schwierigen Startbedingungen für Ostmannschaften, sehr lange sehr viel gemacht haben. Ich ziehe vor Energie Cottbus und Erzgebirge Aue den Hut - und wünsche beiden weiterhin viel Erfolg.

Auch das Abschneiden des FSV Zwickau mit dem erneuten Klassenerhalt in der dritten Liga war erfreulich.

Ein sehr gutes Beispiel, dass auch sehr tief gefallene Mannschaften mit fleißiger Arbeit, Visionen, Kreativität und ein bisschen Glück wieder auf bezahlten Fußball hoffen können.

Zum Schluss bitte noch Ihre Einschätzung zur gegenwärtigen Situation bei Ihrem alten Verein Chemnitzer FC: Aus Ambitionen, in die 2. Bundesliga aufzusteigen wurde der Abstieg in Liga 4 und die Insolvenz - wie konnte es aus Ihrer Sicht dazu kommen?

Ich bin zu weit weg, um mir ein fundiertes Urteil erlauben zu dürfen. Natürlich habe ich es verfolgt und auch mitgelitten. Ich glaube, zwischen Anspruch, Erwartungen und gesundem Geschäftsgebaren gibt es bei vielen Mannschaften der dritten Liga Diskrepanzen. Erfurt und Chemnitz sind da wohl nur die Spitze des Eisberges...

Haben Sie Hoffnung, dass der Chemnitzer FC in den nächsten Jahren in den Profifußball zurückkehren kann?

Was ich hoffe, ist sekundär. Die große Anhängerschar muss daran glauben und gemeinsam mit den Akteuren auf dem Feld und den Verantwortlichen für die sportlichen und okönomischen Belange eine Einheit bilden, dann werden sich die Hoffnungen, verbunden mit dem neuen Aufstiegsmodus, auch erfüllen.

Was macht Hans Meyer im Moment, wenn es keinen Fußball gibt?

Essen, Trinken, Lesen, Presseschau, Schach spielen, Schwimmen oder Radfahren, Administration am Computer, Home Banking, E-Mail-Korrespondenz, Kolumnen schreiben, längere Reisen planen und auch durchführen sowie Pflichten aus meiner Präsidiumsmitgliedschaft bei Borussia Mönchengladbach erfüllen.

Wenn man dann noch acht Enkel, drei Kinder und eine junge Lebensgefährtin hat, die alle mit Recht Zeit beanspruchen, sollte die Öffentlichkeit aufhören, sich Sorgen um meine Langeweile zu machen...

Hans Meyer, vielen Dank für das Gespräch!