Eine sehr persönliche Reise: Warum ich 30 Jahre auf dieses Konzert gewartet habe

Im Brauclub zurück zum Lärm meiner Jugend

Chemnitz

Als sich dieser Typ aus Seattle im April 1994 mit einer Schrotflinte das Leben nahm, beschäftigte Harry Styles seine Eltern noch mit Windeln. Meine Generation lernte Kapitalismus spielerisch am Kaugummi-Automaten kennen, Michael Jackson stand sein „Wetten, dass..?“-Moment noch bevor, und ich rang mit den Pausenschlägern meiner Schule. Von Kurt Cobain hatte ich gehört – wirklich verstanden habe ich ihn erst einige Jahre später. Doch als mich Nirvana 1996 erwischten, ließen sie mich nicht mehr los. Live gesehen habe ich das Trio also nie. Nirvana existierten für mich nur aus der Konserve: erst auf Kassette, dann CD, Streaming, schließlich Vinyl. Entsprechend mischten sich Vorfreude und Skepsis, als ich am vergangenen Wochenende diese Lieder meiner Jugend endlich live hören sollte – interpretiert von der tschechischen Tribute-Band „In the name of Cobain“ im Brauclub. Man mag zu Coverbands stehen, wie man will: An diesem Abend wurde Nostalgie nicht bedient, sondern behutsam zelebriert. Doch von vorne:

Perfekter Einstieg in die Neunziger

Die Vorband Smacktric darf an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Das Quartett rollt dem Hauptact an diesem Abend musikalisch den roten Teppich aus – eine liebevolle Verbeugung vor dem Rock der 90er. „Self Esteem“, „Basket Case“, „Creep“ und schließlich „Killing in the Name“, getragen von einer stimmgewaltigen Frontfrau, wecken in mir die Lust auf mehr. Kurze Umbaupause. Ich rücke direkt vor die Bühne, will alles aufsaugen, alles hören. Man wird schließlich nicht jünger. Womit wir bei der Altersfrage wären…

Generation Grunge überraschend lebendig

Ich blicke mich um und sehe viele junge Gesichter. Das macht mich stolz – stellvertretend für Cobain, Novoselic und Grohl. Grunge ist offenbar kein Museumsstück, sondern generationsübergreifend lebendig. Was verbindet diese Emo-Frau mit Nirvana? Hat der Typ dort drüben auch Kassetten in Endlosschleife gehört? Vor der Bühne steht eine junge Frau mit der ikonischen weißen Cobain-Brille – ein Statement, das mich schmunzeln lässt. Links von mir eine Dame in Rot, Weißwein in der Hand. Passt das? Warum eigentlich nicht. Seit wann müssen Nirvana-Fans Flanell tragen?

Zwischen Perfektion und Kontrollverlust

Zwei gehäutete Engel vom In Utero-Cover stehen als lebensgroße Puppen auf der Bühne – ein Versprechen, dass es nicht nur um Hits gehen wird. Auch wenn sich später viele Nevermind-Songs in die Setlist schleichen. Die Band legt los, ich habe das erste Knie im Rücken. Es wird nicht das letzte bleiben. Egal. Die Songs klingen fast zu perfekt, zu nah an den Alben. Und genau da liegt der kleine Bruch: Nirvana live war nie glatt. Konzerte hatten Ecken, Kanten, Ausfälle – nicht selten nutzte Cobain die Bühne als Therapie. Dieses Chaos fehlt. Aber die Wucht dieser Songs bleibt.

Ich bin wieder in den 90ern

Am Mikro steht ein Mann, der dem Original verblüffend nahekommt. Er kann schreien, flüstern, kippt zwischen verzerrtem Geschrammel und zarten Unplugged-Momenten. Ich frage mich, welche persönliche Nirvana-Geschichte er wohl trägt. Cobain hat ihn offensichtlich geprägt – so sehr, dass daraus eine Band wurde. Bevor ich den Gedanken zu Ende führen kann, fliegt mir wieder jemand aus dem Moshpit in den Rücken. Blaue Flecken gibt‘s heute gratis. Und mir ist alles egal. Ich bin wieder in den 90ern.

Nicht denken, einfach sein

„Find us on Facebook or Instagram“ – dieser Satz holt mich kurz zurück. Da ist er… der Kommerz, den Kurt immer verachtete. Und ich mittendrin. Ein Teil davon. Ich fühle mich kurz schlecht. Sehr kurz. Denn als bei „Smells Like Teen Spirit“ alles endgültig ausrastet, lasse auch ich los.

Ich stecke das Handy weg. Keine Notizen mehr. Für den Rest des Abends reicht es, einfach da zu sein.

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