Elf Rohrbrüche in Chemnitz: Wie steht es um das Trinkwassernetz

Elf Rohrbrüche in gut einem halben Jahr sorgen in Chemnitz für Aufsehen. Der Versorger sieht dennoch keine außergewöhnliche Häufung und spricht von einem langfristigen Rückgang der Schäden.

Chemnitz

Es sprudelt in Chemnitz – doch leider an den falschen Stellen. Wer in diesem Jahr die Meldungen verfolgt, könnte den Eindruck gewinnen, das städtische Wasserleitungsnetz habe ein massives Problem. Allein im laufenden Jahr zählte BLICK.de bereits elf Wasserrohrbrüche im Stadtgebiet.

Häufung in den vergangenen Wochen

Besonders in den vergangenen Wochen entstand der Eindruck einer Häufung: Allein bis Mitte Juli zählte BLICK.de drei weitere Rohrbrüche.

Am 17. Juli mussten Polizei und Feuerwehr in den frühen Morgenstunden zur Neefestraße (B173) ausrücken, die infolge eines Rohrbruchs zeitweise gesperrt werden musste. Nur wenige Tage zuvor, am 11. Juli, platzte ein Trinkwasserrohr auf der Eislebener Straße. Wiederum eine Woche vorher, am 4. Juli, schossen in der Dorotheenstraße in der Nacht erhebliche Wassermassen über die Fahrbahn

Wenn Straßen und Häuser betroffen sind

Die Folgen für Anwohner und Verkehr können erheblich sein. Ein besonders schwerer Vorfall ereignete sich im April auf der Zwickauer Straße: Dort schossen regelrechte Wasserfontänen aus der Fahrbahn, drangen in angrenzende Gebäude ein und unterspülten die Straße derart massiv, dass Fahrzeuge abgeschleppt werden mussten und eine wochenlange Vollsperrung folgte.

Auch auf der Chemnitzer Straße im März, auf der Theaterstraße im Januar oder nachts auf dem Kaßberg im Mai hieß es für die Anwohner immer wieder: Wasserhahn zu, Straße gesperrt.

Frust am Trinkwasserwagen

Wenn die Leitungen trocken bleiben, muss die Wasserversorgung über Tankwagen sichergestellt werden. Dass dies nicht immer reibungslos funktioniert, zeigte sich Ende April auf der Otto-Planer-Straße, wo es gleich zu zwei Rohrbrüchen kam.

Anwohner kritisierten, dass der Ersatzwasserwagen dort ungünstig platziert gewesen sei. Teilweise hätten vor allem ältere Bewohner mehr als 300 Meter mit schweren Eimern zurücklegen müssen, um sich für den Tag zu versorgen.

Die große Frage vieler Chemnitzer

Angesichts von elf Vorfällen in gut einem halben Jahr stellt sich für viele Chemnitzer die Frage, wie es um das Rohrnetz wirklich steht. BLICK fragte deshalb beim zuständigen Versorger Eins Energie nach.

So groß ist das Chemnitzer Trinkwassernetz

Nach Angaben des Unternehmens umfasst das Chemnitzer Trinkwassernetz eine Gesamtlänge von rund 1.500 Kilometern. Durch jährliche Investitionen im niedrigen zweistelligen Millionenbereich sei der Zustand des Rohrnetzes seit 1990 kontinuierlich verbessert worden.

Heute befinde sich das Leitungsnetz insgesamt in einem guten Zustand. Gemäß den einschlägigen Regelwerken liege die Schadensrate des Chemnitzer Trinkwassernetzes im mittleren Bereich.

Zahl der Schäden hat sich etwa halbiert

Eins Energie erklärt zugleich, dass seit Jahren ein kontinuierlicher Rückgang der Rohrschäden zu verzeichnen sei. Diese Entwicklung sei vor allem auf die konsequente Netzerneuerung sowie die intensive Netzüberwachung zurückzuführen.

So habe sich die Zahl der Wasserrohrbrüche in den vergangenen 20 Jahren etwa halbiert. Die Tendenz sei weiterhin rückläufig.

Leitungen im Schnitt 40 Jahre alt

Ganz ohne Handlungsbedarf ist die Lage aber nicht. Nach Angaben des Versorgers sind noch nicht alle älteren Trinkwasserleitungen erneuert. Deshalb bestehe auch künftig weiterer Investitionsbedarf, um die Versorgungssicherheit langfristig auf hohem Niveau zu gewährleisten.

Die Leitungen sind demnach im Schnitt 40 Jahre alt. Die Nutzungsdauer liege jeweils bei mindestens 80 Jahren.

Diese Ursachen nennt der Versorger

Die Zahl der Rohrschäden schwankt im Jahresverlauf. Als Gründe nennt Eins Energie altersbedingten Verschleiß, Materialermüdung sowie Qualitätsmängel bei Material und Verlegung. Das betreffe insbesondere Leitungen, die noch in der DDR-Zeit errichtet wurden.

Hinzu kommen klimatische Einflüsse. Im Winter können Frostschäden auftreten. Im Sommer können langanhaltende Trockenperioden zu einer Austrocknung des Bodens führen. Dieses Phänomen werde auch als „Sommerfrost“ bezeichnet. Durch den Feuchtigkeitsverlust verändere sich die Bodenstruktur. In der Folge könnten sich Leitungen setzen oder verschieben, wodurch das Risiko von Rohrbrüchen steige.

Auch eine zunehmende Bautätigkeit kann laut Unternehmen durch Fremdeinwirkungen zu Schäden an Versorgungsleitungen führen.

Keine außergewöhnliche Häufung aus Sicht von Eins

Trotz der jüngsten Vorfälle sieht Eins Energie aktuell keine außergewöhnliche Häufung von Rohrschäden. Das Unternehmen verweist darauf, dass Wasserrohrbrüche heute deutlich intensiver medial begleitet würden als noch vor einigen Jahren.

Dadurch könne in der öffentlichen Wahrnehmung der Eindruck entstehen, dass solche Ereignisse häufiger auftreten, obwohl die tatsächliche Entwicklung einen kontinuierlichen Rückgang der Schadensfälle zeige.

So werden Fremdschäden reguliert

Bei größeren Havarien entstehen mitunter erhebliche Schäden an Privateigentum. Dazu erklärt Eins Energie, dass austretendes Wasser verschiedene Beschädigungen verursachen könne. Das Unternehmen nehme diese Schäden auf und suche bei Fremdschäden gemeinsam mit den Betroffenen und dem Haftpflichtversicherer nach Lösungen.

Jeder Einzelfall werde sorgfältig geprüft. Dabei würden unter anderem die Ursache des Schadens und die Haftungsfrage bewertet. Bestehe eine Ersatzpflicht, würden berechtigte Ansprüche selbstverständlich erstattet.

Warum Wasserwagen nicht immer nah stehen

Auch zur Kritik an der Ersatzversorgung auf der Otto-Planer-Straße äußerte sich der Versorger. Man bedauere jede Versorgungsunterbrechung und setze alles daran, die Trinkwasserversorgung so schnell wie möglich wiederherzustellen.

Mobile Wasserwagen würden in der Regel möglichst zentral für einen betroffenen Straßenzug platziert. Bei der Standortwahl werde darauf geachtet, dass die Wasserentnahme sicher und gefahrlos erfolgen könne und keine zusätzlichen Verkehrsbehinderungen entstünden.

Hilfe für Menschen mit eingeschränkter Mobilität

Da dem Unternehmen keine Informationen zum Alter oder zur Mobilität seiner Kunden vorlägen, könne nicht in jedem Fall für alle Betroffenen ein kurzer Weg zur Wasserentnahmestelle sichergestellt werden. Eins Energie bittet deshalb darum, sich im Rahmen der Nachbarschaftshilfe gegenseitig zu unterstützen.

Wer den Wasserwagen wegen eingeschränkter Mobilität nicht selbst erreichen kann, soll sich telefonisch über die kostenlose Störungsnummer des Netzbetreibers inetz unter 0800 1111 489 30 an die Zentrale Netzleitstelle wenden. Nach Angaben des Unternehmens werde dann gemeinsam eine individuelle Lösung gefunden, um die Versorgung sicherzustellen.

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