Gänsehautflair und Selfie-Boom mit Jan Ullrich: European Peace Ride lockte Menschenmassen an

Trotz Regen, 500 Kilometern und müder Beine feierten Tausende den Zieleinlauf in Chemnitz. Vor allem Jan Ullrich sorgte beim European Peace Ride für Jubel, Gänsehaut und einen regelrechten Selfie-Ansturm.

Chemnitz

Der Zieleinlauf der 200 Starter des European Peace Ride hätte schöner nicht sein können. Das Jutta Müller Eissportzentrum war dicht bevölkert von begeisterten Radsportfans. Sie alle warteten nicht nur auf die verrückten Radsportler, die seit dem Start am Freitag satte 500 Kilometer in den Beinen hatten, sondern auch auf das wohl größte deutsche Radsport-Idol. Jan Ullrich hatte die regenreiche, letzte Etappe der Friedensfahrt ab Dresden am Morgen mit angetreten und wurde, wie schon im letzten Jahr von kleinen und großen Fans und Autogrammjägern förmlich herbeigesehnt.

Die wohl sportlichste „Radtour“ ohne Stoppuhr

Mit dem Sonderzug ging es für die 200 Pedalritter aus Deutschland, Tschechien, Polen und Österreich am Freitagmorgen in Zittau los. Mit dabei war eine Abordnung von Gästen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, die einen originelle Netzwerktour inklusive Workshops in der Erzgebirgsbahn und schließlich den Start des sechsten European Peace Ride erleben konnten. Über eine malerische Tour durch Polen endete die erste Etappe für die Radsportler schließlich in Liberec. „Radfahren für den Frieden, sportliche Herausforderung ohne Platzierungen und das gemeinsame Erreichen des Ziels, das sind unsere Botschaften. Wir überwinden nicht nur geografische Grenzen, sondern auch körperliche. Unser EPR ist eine sportliche herausfordernde Radtour ohne Stoppuhr“, fasste EPR-Tourchef Kai Winkler zusammen.

Herzensempfang in Glashütte und Gänsehauteinfahrt vor der Frauenkirche

Früher Start mit dem Strampeln fast bis auf den Gipfel des Jeschken bei Liberec stand auf dem knüppelharten Morgenprogramm der zweiten Etappe. Nach der Erholung vom langen Aufstieg folgte der nächste Kracher und es ging hoch hinauf auf den Erzgebirgskamm. Ein kurzer, aber sehr herzlicher Empfang in der Uhrenstadt Glashütte zeigte eindrucksvoll, wie wertgeschätzt die Macher, Starter und alle Helfer des EPR sind. Nach insgesamt 180 Kilometern freuten sich schließlich unzählige Menschen vor der Frauenkirche auf die Einfahrt der 200 Sportler. Und immer wieder ertönte die Hymne der „alten“ Friedensfahrt und sorgte für nostalgische Gefühle. Überwältigt vom Empfang kamen die Radsportverrückten, umrahmt von Menschenmassen ins Ziel. Fürstlich wurden die Biker schließlich im Stallhof am Residenzschloss empfangen. „Dass die Fahrräder unserer Sportler in der legendären Pferdeschwemme abgeparkt und im Verkehrsmuseum über Nacht bewacht werden, ist wirklich eine Ehre für alle“, sagte Kai Winkler.

Letzte Etappe mit Jan Ullrich und Ekstase an der „Steilen Wand“

Früh zeitig war es vorbei mit der fürstlichen Ruhe für die Räder und die Fahrer. Im strömenden Regen startete die dritte und letzte Etappe. Und dann war er da: Jan Ullrich, der einzige deutsche Sieger bei der Tour de France. Der 52-Jährige kam natürlich wie alle im grün-weißen Outfit des EPR und mischte sich nach den ersten Autogrammen als einer von vielen bestens gelaunt in die Menge des Pelotons. „Vor Regen habe ich immer Respekt gehabt. Nehmt mich einfach mit, wir schaffen das schon zusammen“, scherzte der 52-Jährige vor dem Start. Immer wieder jubelten Menschen am Straßenrand, hielten „Ulle“-Botschaften, Peace-Zeichen oder Fähnchen nach oben. Nach zünftigem Empfang und Verpflegungsstopp an der Hochschule Mittweida ging es zum gefürchteten Zwischenziel der Etappe. An der berüchtigten Steilen Wand von Meerane warteten Menschenmassen auf die Radsportler. Flair wie zu besten Friedensfahrtzeiten herrschte an dem 248 Meter langen und zwölf Prozent steilen Anstieg, der schon immer gefürchtet war. „Das war doch früher flacher, alter Schwede“, scherzte Jan Ullrich nach dem legendären Steilstück.

Zielfahrt nach Chemnitz und Wahnsinnsempfang

Vom Bad der Menge gings wieder auf ruhigeren Straßen in Richtung Chemnitz und direkt ins Jutta Müller Eissportzentrum. In der Geburtsstadt des European Peace Ride war der Wahnsinn dann perfekt. Rund ums Eisschnellauf-Oval warteten Hunderte Radsportbegeisterte schon auf die Friedensfahrer. Zuvor bekamen die 20 Starter des Inklusions-Peace Rides tosenden Applaus. Die teils schwerstbehinderten Menschen und ihre Begleiter hatten auf Spezialbikes satte 220 Kilometer abgespult und echte Härte bewiesen. Und auch die Teilnehmer des Stadtradelns kamen pünktlich an als es schließlich laut wurde im weiten Rund. 500 Kilometer waren geschafft. Wie befreit rollten die von den Menschenmassen beeindruckten Radler durch das Spalier der tosenden Menge. Und nach mehr als acht Stunden auf dem Sattel begaben sich Jan Ullrich, Tour de France Etappensieger Marcus Burghardt und Cyclocross-Weltmeister Mike Kluge sowie der ehemalige Kapitän der DDR-Rad-Nationalmannschaft Thomas Barth auf den Autogrammmarathon. „Das mit den Handyfotos gabs damals nicht“, scherzte Barth, da „Ulle“ als hochbegehrtes Fotomotiv immer wieder für Selfies in die Smartphones lächeln durfte.

Jubel bei strömendem Regen – Der European Peace Ride geht weiter

Und dann kam der Regen zurück, doch Kai Winkler sorgte für dennoch für kurze Partystimmung. „Der European Peace Ride findet auch 2027 statt. Es geht von Chemnitz, direkt zur Prager Botschaft, dann über Budweis nach Wien“, hatte er kaum ausgesprochen und der Jubel entfachte. Trotz absoluter Erschöpfung sagten die ersten Radverrückten direkt zu. Eine Euphorie, die erahnen lässt, dass diese Internationale Friedensfahrt ebenfalls auf dem besten Weg zum Kultstatus ist.


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