"Geh' bloß nicht nach Chemnitz" - und wie die Realität aussieht

Erfahrungen Vorurteile erheben oft falschen Anspruch auf Wirklichkeit

Yannicks Sprachrohr

Realität ist subjektiv. Diesen Umstand mag man begrüßen, oder auch verfluchen. In jedem Fall ist es falsch, anderen die eigene Wahrnehmung ohne Rücksicht auf Verluste aufdrängen zu wollen - vor allem wenn es darum geht, ganze Städte oder Regionen zu diskreditieren. So erging es mir als zugezogener Westler schon des Öfteren, auch in Chemnitz.

Aus Vergangenheit wird Gegenwart

Es geht hier nicht nur um Vorurteile über eine Stadt im Allgemeinen, sondern auch um den klassischen Ost-West Konflikt per se. Tragisch, wenn man bedenkt, dass ich mit diesen historischen Begebenheiten und daraus folgenden Spaltungen und Ungleichheiten überhaupt nichts am Hut hatte. Und eigentlich auch nicht haben sollte. So aber werde ich durch meine Entscheidung, vom geographischen Westen in den geographischen Osten zu ziehen, gleichzeitig in schwelende Konflikte und Wunden des historischen Westens (und Ostens) hineingezogen, mit denen ich nicht nur nichts am Hut habe, nein, sie interessieren mich auch einfach nicht.

Warum? Weil ich eine Stadt kennenlernen möchte, wie ich einen Menschen kennenlerne. Bestenfalls unbelastet, damit meine eigene subjektive Wahrnehmung nicht durch die tausender anderer unfreiwillig in eine Richtung beeinflusst wird. Eine Einstellung, die viele nicht verfolgen wollen oder können und sich deshalb gar nicht erst auf einen Umzug in von Vorurteilen belastete Städte einlassen. Hier liegt die eigentliche Tragik, denn sie geben ihrer eigenen Wahrnehmung gar keine Chance. Und damit einer ganzen (wirtschaftlichen) Stadt und Region.

Ja, auch ich wurde gewarnt. Es war die Zeit des Aufruhrs rund um den Tod von Daniel H., als ich zwecks Studium beschloss, nach Chemnitz zu ziehen. Es waren nicht nur die überregionalen Medien, sondern auch Menschen in meinem Umfeld, die mich mit fragendem Blick anschauten, sobald ich meine Entscheidung kundtat. Irgendwann waren auch meine ehrlichen Absichten und Prioritäten von den heimtückischen Effekten der Mundpropaganda geschwächt: mir war es unangenehm, von meinem bevorstehenden Umzug zu sprechen.

..und wie die Wirklichkeit dann aussieht

Es stellte sich jedoch (wiedermal) als falsch heraus, solchen von Medien und subjektiven Gefühlen durchmischten Meinungen zu viel Beachtung zu schenken. Ich war angenehm überrascht, von der Universität und auch von der Stadt insgesamt. Wäre ich auch angenehm überrascht gewesen, wäre ich nicht mit solchen negativen Erwartungen hergezogen? Ganz klar: ja. Ich erwische mich oft dabei, ein gutes Gefühl zu haben, wenn ich an Chemnitz und meine Wohnung denke. Eine Wohnung, deren Größe und Zustand mich in den meisten anderen Städten in den Ruin treiben würden.

Eigene Erfahrungen lohnen sich!

Mir kommt es so vor, als würden viele der Chemnitzer noch dichter zusammenstehen, wenn der Druck von außen größer wird. Ich jedenfalls wurde überall mit offenen Armen aufgenommen und habe eine Universität kennengelernt, deren Lehre und Ausstattung kein Grund zur Bescheidenheit gibt. Das gleiche gilt auch für viele der Menschen, die ich kennenlernen durfte. Potenzial nach oben gibt es stets; das ist keine Frage. Trotzdem sollte sich jeder, dem bei "Chemnitz" oder "Osten" eine blitzschnelle (negative) Assoziation in den Kopf schießt, fragen, wer nun das Zepter in der Hand hat: Man selbst oder die unzähligen Meinungen fremder Leute.