Groundhopping: Wie Corona die Fußball- und Reiselust einschränkt

Interview Fragen an einen Chemnitzer Fußballtouristen

Damals wie heute reisen die Menschen gern durch die Weltgeschichte. Ob an nahegelegene Orte oder in die weite Ferne. Feststeht: "Die größte Sehenswürdigkeit, die es gibt, ist die Welt - sieh sie dir an", formulierte bereits Kurt Tucholsky. Und genau jene Worte des deutschen Schriftstellers beherzigt Christoph Bauer seit seiner ersten Reise. Neben Land und Leuten steht für ihn ebenso der Fußball im Fokus. Der Grund dafür: Chris ist ein leidenschaftlicher Groundhopper, der die Welt mit dem Ziel bereist, in jedem Land, das er besucht, mindestens ein Fußballspiel zu sehen. Stand jetzt war er auf fünf Kontinenten unterwegs und hat 81 Länder besucht und außer in China auch stets ein Spiel gesehen. Ebenso für das Jahr 2020 standen neue Länder und Stadien auf der Reise-Agenda, doch dann kam die Corona-Pandemie dazwischen. BLICK-Redakteur Marcus Hengst sprach mit Christoph Bauer über Groundhopping, das Abenteuer Argentinien und den Blog "Globushopper".

Hallo Chris, zuallererst müssen wir etwas genauer erklären: Was sind Groundhopper und wie wird man eigentlich einer?

Hallo, das sind richtig verrückte Menschen! Groundhopper sammeln Stadien ("Grounds") wie Opa früher Briefmarken oder Geocacher heutzutage Caches. Ein Stadion gilt als "gesammelt", wenn man darin ein Fußballspiel gesehen hat. Das Hobby stammt aus England, wo bereits in den 1970ern bei Fußballenthusiasten das Ziel aufflackerte, die 92 Stadien der höchsten vier englischen Profiligen allesamt zu besuchen.

Ich bin vor rund zwölf Jahren erstmals abseits des Chemnitzer FC bewusst zu Fußballspielen gefahren. Dass ich nicht der einzige Verrückte bin, war mir am Anfang gar nicht klar. Heute weiß ich, dass abseits der aktuellen Krise schnell mal 500 und mehr deutsche Fußballfans nach Belgrad reisen, nur um dort das Stadtderby zu erleben.

Du selbst bezeichnest dich als reise- und sport- bzw. fußballverrückt. Wie fing eigentlich alles an und was bedeutet es für dich, regelmäßig in der Welt unterwegs zu sein?

Ich liebe Chemnitz als meine Heimat, aber fühle mich auch in der Welt zuhause. Das mag abgedroschen und furchtbar kitschig klingen, ist aber die Realität. Die Reiselust kam kurz nach dem Abi auf und wurde mit jedem Erlebnis stärker. Allgemein unterscheide ich mich von vielen Groundhoppern durch ein ausgeprägtes Reise-, Kultur- und Geschichtsinteresse. Während mancher Stadionsammler mit Hängen und Würgen gerade einmal dem Eiffelturm oder der Freiheitsstatue einen Besuch abstattet, ist das Verhältnis bei mir ausgewogener. Auch wenn mich dafür manch Groundhopper lynchen wird, aber bei aller Liebe für das runde Leder ist die Reise selbst wichtiger als eine möglichst hohe Anzahl an Grounds.

Und dennoch hat sich bei mir im Vergleich zum durchschnittlichen Fußballfan schon manch Schräubchen gelockert. Wer hat schon alle Stadien der holländischen Eredivisie als Sachse gesammelt, Fußball in Ländern wie Mosambik, Lesotho, Kirgisistan oder Brunei Darussalam gesehen und unzählige Nächte in Zug, Bus oder Auto verbracht?

In deiner Auflistung der Fortbewegungsmittel fehlt das Flugzeug. Kannst Du Dich noch erinnern, wohin Dich deine erste Reise führte? Und gab es da zufällig auch ein Fußballspiel, welches Du besucht hast?

Ganz zufällig. Im Ernst, mein erster Flug ging von Erfurt nach London und war ein Geschenk meiner Eltern zur Taufe im Alter von 15 Jahren. Fußball war damals tatsächlich kein Thema. Das sollte sich bereits wenige Monate später ändern, als mich mein Vater zu einer Firmenreise zum EM Finale 2004 als seine Begleitperson mitnahm. Die Airline ließ meinen Koffer im Nirwana verschwinden, dafür gewann der Fußball wieder ein Stück meines Herzens.

Die erste selbst organisierte Reise zu einem Fußballspiel ging nach Barcelona - ins größte Stadion Europas. Reichlich Mainstream, aber zweifelsfrei aufregend, da aufgrund eines Vulkanausbruchs der Flugverkehr in ganz Europa vorübergehend zusammenbrach.

Anfang März - als quasi in Deutschland die Ruhe vor der ersten Corona-Welle herrschte - ging es für Dich und vier Freunde nach Südamerika. Geplant hattet ihr drei Wochen, jedoch musstet ihr bereits nach wenigen Tagen eure Rundreise aufgrund von drohender Quarantäne abbrechen und vorzeitig wieder nach Hause fliegen. Wie habt ihr die europäischen Entwicklungen in Bezug auf Corona wahrgenommen? Und wie haben die südamerikanischen Nationen auf diese reagiert?

Europa war damals einen Schritt voraus. Als wir nach Brasilien flogen, hatte das Land vier bestätigte Infektionen, inzwischen sind es über drei Millionen, und Argentinien wiederum exakt eine. Wir schienen uns die perfekte Urlaubsregion rausgesucht zu haben. Nach einigen Tagen überschlugen sich aber innerhalb von Stunden die Ereignisse. Zu dem Zeitpunkt in Buenos Aires stationiert, kam fast stündlich die Schließung einer Nachbargrenze oder sonstige Horrormeldungen herein, bis Argentinien selbst verkündete, nur noch maximal drei Tage nach Europa zu fliegen.

Die demokratische Entscheidung für den sofortigen Reiseabbruch - vier unserer Gruppe wollten zurück, einer wäre das Risiko eingegangen - haben wir nie bereut, denn selbst die Rückholaktion der Bundesregierung hätte erst ein Vierteljahr später gegriffen. Argentinien war eines der letzten drei Länder, von denen Deutsche in die Heimat geflogen wurden.

Wenn ich dann noch darüber nachdenke, dass ich am Tag nach der Rückkehr die schönste Nachricht meines Lebens erhielt - Vater zu werden -, wird mir bei dem Gedanken ganz anders, ich hätte noch drei bis vier Monate in argentinischer Quarantäne verbringen müssen.

Mittlerweile ist ein halbes Jahr seit dem Abenteuer Argentinien vergangen - Rückblickend betrachtet: Was überwiegt - das Erlebte oder das Verpasste?

Die Vaterfreuden haben es natürlich viel leichter gemacht, die Enttäuschung der entgangenen Reiseerlebnisse zu schlucken. Wenn ich an den Zuckerhut, die Iguazu-Wasserfälle und manch noch geplantes Highlight denke, kommt ein wenig Trauer auf. Die Dankbarkeit für das Erlebte und die Rückkehr überwiegen aber zweifelsfrei.

Kurze Zeit später folgte in Deutschland der Lock-Down, dazu wurden sämtliche Flüge gestrichen, Grenzen geschlossen und Fußballspiele abgesetzt: Was macht ein Groundhopper eigentlich in so einer trostlosen Zeit?

Nun, die Decke fiel mir nicht völlig auf den Kopf, schließlich war ich beruflich nie in Kurzarbeit. Zunächst habe ich mir ein wenig Ruhe gegönnt, den Reiseabbruch sacken lassen.

Anschließend war es an der Zeit, ein lang ersehntes Projekt voranzutreiben. Seit Jahren habe ich immer wieder den Wunsch gehabt, einen eigenen Reiseblog zu gründen. Warum? Vielleicht ein wenig als Rückblick auf vergangene Touren. Vielmehr aber, um bei den Lesern die Begeisterung für das Reisen und den Fußball zu wecken. Natürlich in der Hoffnung, dass sie einige Anfängerfehler auslassen, die ich in den ersten Jahren gemacht habe.

Was wartet auf die Leser in deinem Blog noch?

Der Reiseblog "Globushopper" ist seit Mitte Mai aktiv und liefert eine nette Mischung. Von Reisetagebüchern bis zu Tipps für den nächsten Städtetrip; von Infos zum Ticketkauf bei den Boca Juniors hin zu grundlegenden Themen wie nötigen Visa-Beschaffungen oder optimalen Reisezielen in bestimmten Jahreszeiten. Natürlich wird der Inhalt in den nächsten Monaten und Jahren noch kräftig ausgebaut. Groundhopping spielt auf Globushopper eine Rolle, nimmt aber nicht den Löwenanteil ein.

Als der Ball dann endlich wieder rollte: Wohin hat Dich das erste Spiel geführt?

Not macht erfinderisch! Eigentlich bin ich nicht der große Freund von Fußballspielen auf dem Dorfplatz. Als Tschechien aber an einem Freitagmittag die Grenzen öffnete, musste ich am Folgetag 10.15 Uhr in der Kleinstadt Slaný am Spielfeldrand stehen.

Das Groundhopper-Klassentreffen war genial. Überall aus Deutschland reisten die bekannten Nasen nach Tschechien. Damals wählte ich auf Globushopper den Titel "The day after Corona" - leider sollte die überspitzte Überschrift nicht der Wahrheit entsprechen.

Der Flugverkehr hat sich auch mittlerweile wieder konsolidiert: Seit der Argentinien-Rückreise hast Du doch bestimmt schon wieder im Flieger gesessen, oder? Wenn ja, wohin ging es?

Fast wäre ich an der Frage gescheitert, doch exakt einmal ging es seit dem Lockdown tatsächlich über die Wolken. Riga in Lettland war der Ausgangspunkt einer einwöchigen Tour durch die zwei nördlicheren Länder des Baltikums. Von Wanderungen in Moor-Gebieten, einer Menge Fußball, Relikten der Sowjet-Zeit und Traumstränden der Ostsee in Pärnu und Liepaja war alles dabei.

Und zum dritten Mal war ich in Estlands Hauptstadt Tallinn - einer der schönsten Städte überhaupt. Der Märchenflair mit den 26 Türmen in der Stadtmauer rund um die "Old Town" ist genial.

Aktuell wird von der zweiten Corona-Welle gesprochen, die erneut Auswirkungen auf die Planung von Reisen hat. Anstatt mit dem Flugzeug auf die Färöer Inseln ging es für dich mit dem Bus nach Budapest - Wie kam es dazu?

Corona kostet eine Menge Nerven - in jeglicher Hinsicht. Der Trip auf die Färöer war als meine letzte Reise vor einer längeren Pause aufgrund der baldigen Geburt meines Sohnes geplant. Leider fiel er der Krise zum Opfer.

Der Kurztrip nach Budapest war dafür wieder ganz typisch ich. Als die Ungarn verkündeten, die Grenze für Deutsche in vier Tagen zu schließen, war ich innerhalb von zwei Stunden auf dem Weg in den Süden. Zwei Nächte in Bussen waren mir die nur 40 Stunden in Ungarn wert. Das Gefühl kurz nach der Ankunft am Samstagmorgen 7.20 Uhr auf der Fischerei-Bastei mit Blick auf die Donau war der Hammer, hatte ich doch eigentlich ein arbeitsintensives Wochenende im heimischen Garten angedacht gehabt.

Zum Schluss noch folgende zwei Fragen: Was waren bis dato deine drei kulturellen Highlights? Und welche drei Stadien die imposantesten?

Ich bin selbst überrascht, dass ich darauf eine eindeutige Antwort habe. Kulturell bleibt Machu Picchu für mich die klare Nummer eins. Zehn Jahre habe ich von der Inka-Stadt in den peruanischen Anden geschwärmt, bis ich sie endlich vor Augen hatte. Weitere Knaller waren die fast 100 Kilometer breite Salzwüste "Salar de Uyuni" in Bolivien, Chinas weltberühmte Mauer oder die Halong Bucht in Vietnam.

Die imposantesten Fußballstadien sind für mich jene, deren bröckelndes Mauerwerk jahrzehntelange Geschichte erzählt und die Tribünen daher nicht den Einheitsbauten des 21. Jahrhunderts entsprechen. Klassiker sind die Krefelder Grotenburg oder das Brünner Fußballstadion Za Lužánkami. Aber natürlich erzeugen auch die Highlights normaler Fußballfans, wie das Dortmunder Westfalenstadion, Camp Nou in Barcelona oder das - leider stark modernisierte - Maracanã in Rio Gänsehaut.

Weitere Träume sind längst fokussiert. Beispielsweise würde ich unfassbar gern den Krater von Derweze in Turkmenistan sehen - ein seit 50 Jahren loderndes Flammeninferno mitten in der Wüste. Und dann wäre ja noch die Antarktis, da wird es nur mit dem Fußball eng.

Danke für das interessante Interview!