Hans Meyer exklusiv: "Ich habe sehr gern in der Stadt gearbeitet und gelebt"

Interview Im Wendeherbst 1989 sorgte Hans Meyer mit einer ganz jungen FCK-Mannschaft für Furore im Europapokal. Im Gespräch mit der BLICK-Redaktion gibt der Trainerfuchs interessante Einblicke in seine damalige Gefühlslage und verrät zudem, wie man ihn noch einmal auf die Trainerbank locken könnte.

Herr Meyer, Welches Ereignis fällt Ihnen zuerst ein, wenn Sie an die Europapokal-Saison 1989/90 mit dem FC Karl-Marx-Stadt denken?

Hans Meyer: In dieser Saison war der FCK seit sehr, sehr langer Zeit wieder einmal international dabei. Und das gelang mit einer jungen, talentierten Mannschaft gegen wahrlich großartige Gegner - als Krönung Juventus Turin. Die Hochstimmung in der Mannschaft aber auch bei unseren Fans war unbeschreiblich. Ich denke aber ebenso daran, wie ich im Vorfeld der Partien gegen Juventus mit meinem Bruder zum Auswärtsspiel der Turiner nach Udine gereist bin, um mir die Mannschaft genauer anzuschauen. Erst während der zweiten Halbzeit und reichlich unnütze Notizen später bemerkten wir, dass Udine in den für Juventus typischen schwarz-weiß-gestreiften Trikots auflief und wir das falsche Team beobachtet hatten. Den Spielern haben wir das natürlich nicht erzählt.

Welche Spieler waren in den Europapokal-Schlachten dieser Saison die Eckpfeiler des Teams?

Es fällt mir schwer, einzelne Spieler herauszuheben. Wir haben, im wahrsten Sinne des Wortes, vom Kollektiv gelebt. Rico Steinmann und der oft unterschätzte Steffen Heidrich waren auf der Basis ihrer fußballerischen Möglichkeiten,sicher am meisten im Blickpunkt der Öffentlichkeit.

An welche Momente während Ihrer Zeit als Trainer denken Sie noch besonders gern zurück?

Ich hatte mit allen Mannschaften in den 40 Jahren Leistungsfußball viel Spaß und Freude. Chemnitz war dabei die jüngste Mannschaft im Durchschnitt, sehr talentiert und leistungswillig. Außerdem habe ich sehr gern fünf Jahre lang in der Stadt gearbeitet und gelebt, wegen einem sächsischen Menschenschlag, der mich fantastisch aufgenommen hatte und mit dem man sehr gut ausgekommen ist. Umso beunruhigender ist es, dass mich neuerdings Nachrichten aus der Stadt erreichen, die so gar nicht zu den Menschen passen, die mir dort en masse begegnet sind.

Kommt in Ihnen ein bisschen Wehmut auf, wenn Sie daran zurückdenken, was Vereine aus der DDR einst im Europapokal erreicht haben und wo sie heute stehen?

Ja, schon ein wenig - aber man brauchte kein Hellseher zu sein, um die Probleme, in die der Ost-Fußball, trotz riesiger Bemühungen, geraten würde, vorher zu sehen. Umso erfreulicher ist es natürlich, wenn mit Union Berlin der große Sympathieträger des Ostens, nach den großartigen Gastspielen der Cottbusser vor einigen Jahren, aufgestiegen ist und die Leipziger beim "Kampf" gegen die restliche Republik unterstützt.

Der Chemnitzer FC ist trotz laufender Insolvenz direkt wieder in Liga 3 aufgestiegen. Wie aktiv verfolgen Sie diese Entwicklung ?

Ich bekomme vom Club als Mitglied regelmäßig Informationen. Außerdem ist das Interesse anallen Mannschaften, wo ich gearbeitet habe, permanent vorhanden.

Was müsste ein Verein heute tun, damit er Hans Meyer noch einmal für ein Himmelfahrtskommando auf die Trainerbank zurückbekommt?

Im Kontrakt müsste man mir einen Komfort-Rollator stellen, in meinem Büro eine Schlafmöglichkeit für zwei Stunden Mittagsschlaf sichern und eine Diätköchin (auf keinen Fall die damalige Chemnitzer Küchenchefin Sieglinde Renner mit ihrem überaus schmackhaften, aber eben kalorienreichen Essen) beschäftigen. Wenn dann noch geklärt wäre, dass der Vereinspräsident nicht einen Leichtathleten als Berater verpflichtet, verzichte ich - bekannterweise ja geldgierig - sogar auf ein Honorar.

 

BLICK beleuchtet in einer Sonderserie zwei Highlights in der Vereinshistorie des FC Karl-Marx-Stadt/Chemnitzer FC. Lesen Sie morgen im vierten Teil die Erinnerung von Lutz Wienhold, der im Turiner Nebel die Führung für den FCK besorgte.