Hat Chemnitz das Zeug zur Kulturhauptstadt?

Auszeichnung Kampf um den Titel: Chemnitz und Dresden im Vergleich

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Das Opernhaus auf dem Chemnitzer Theaterplatz. Foto: Thomas Schmotz

In etwa sieben Jahren ist es soweit - dann wissen wir, welche deutsche Stadt zur Europäischen Kulturhauptstadt gekürt wird. Es treten jedes Jahr zwei Länder an. 2025 sind das Slowenien und Deutschland. Bisher brachte die Bundesrepublik drei Kulturhauptstädte hervor: 1988 West-Berlin, 1999 Weimar und 2010 Essen.

Wie stehen die Chancen?

Mit von der Partie ist diesmal auch Chemnitz. Im Januar 2017 beschloss der Stadtrat, eine Bewerbung einzureichen. Seither hagelt es Kritik, man könne sich damit ins Lächerliche ziehen. Doch stehen die Chancen der Stadt so schlecht? Oder besteht sogar die Möglichkeit eines Siegs?

Größter Konkurrent: Dresden

2019 müssen die Bewerbungen eingereicht werden, danach wird eine Vorauswahl getroffen. Sieben weitere deutsche Städte wollen bisher Kulturhauptstadt werden. Unter anderem bewerben sich Magdeburg, Nürnberg, Hannover, Pforzheim, Hildesheim und Kassel um den Titel. Außerdem gibt es einen Konkurrenten aus dem eigenen Bundesland: Dresden.

Doch was fällt eigentlich alles unter den Begriff "Kultur"? Um das zu beantworten, formulierte die Europäische Kommission elf Bewertungskriterien, an denen sich die Bewerber orientieren können.

Chemnitz fördert kleine Projekte

Zum einen sollen innovative Kunstbereiche und der kulturelle Dialog gefördert werden. Um diese Anforderungen zu erfüllen, reichte das Chemnitzer Kulturhauptstadtbüro Ende November insgesamt 17.000 Euro an Fördermitteln an elf kleine Projekte aus - beispielsweise wurde das Theatergastspiel "Der elektrische Reiter", ein Poetry-Slam zum Thema Kulturhauptstadt und spezielle Führungen auf dem Sonnenberg unterstützt. Dresden hingegen investierte 20.250 Euro in ähnliche Projekte. Zehn von ihnen erhielten also 2025 Euro für die Umsetzung.

Sozialismus und Jugendstil vs. Barock

Eine Kulturhauptstadt sollte auch an der Entstehung von bestimmten Stilrichtungen oder künstlerischen Strömungen beteiligt gewesen sein. Das ehemalige Karl-Marx-Stadt sticht natürlich durch die sozialistisch geprägten Bauten hervor. Aber auch der Jugendstil ist in Chemnitz präsent: das "sächsische Manchester" blühte im Zuge der Industriellen Revolution regelrecht auf, so auch diese künstlerische Strömung. Noch heute kann man vor allem auf dem Kaßberg die Jugendstilquartiere bewundern. Natürlich kann auch die Elbflorenz mit ihren beeindruckenden Bauten in der Innenstadt punkten. Der Dresdner Barock des späten 17. Jahrhunderts prägt das Bild der Stadt heute noch.

Kostenlos Kultur genießen

Kulturgut sollte zudem für jedermann zugänglich sein, um die Bürger für dessen Wert zu sensibilisieren. Anfang des Jahres 2018 bewilligte der Chemnitzer Kulturausschuss den Ankauf zweier Skulpturen. Diese sollen den künftigen Friedensplatz zieren. Insgesamt wird sich dieses Vorhaben auf rund 64.000 Euro belaufen.

Studierende der Technischen Universität Chemnitz haben außerdem die Möglichkeit, ihr Kulturticket zu nutzen. Damit gibt es freien Eintritt in die Kunstsammlungen, ins Industriemuseum und ins Naturkundemuseum. Auch die Programme der Theater Chemnitz können kostenlos besucht werden. Dieses regelrechte Privileg wird den Studierenden in Dresden nicht zu teil.

Europaarbeit ist ausbaufähig

Bedeutsam ist auch die Vernetzung innerhalb Europas. Was hat Chemnitz in diesem Bereich bereits getan? In letzter Zeit nicht besonders viel. Im Rahmen des Projekts Europäische Kulturhauptstadt 2025 soll aber bald ein gemeinsames Vorhaben zwischen Chemnitz, Timisoara (Rumänien), Rijeka (Kroatien) und Novi Sad (Serbien) vorgestellt werden. Insgesamt hat Chemnitz aber sechs Partnerstädte in Europa und ist Mitglied bei EUROCITIES und dem Rat der Gemeinden und Regionen Europas.

In Sachen Städtenetzwerke und Europaarbeit geht der Punkt wohl aber eher an Dresden: POLIS, Klimabündnis/ICLEI, WHO Gesunde Städte und verschiedenste EU-Programme sind nur ein paar Beispiele für die Vernetzung der Stadt mit Europa.

Man muss genauer hinsehen

Letztendlich ist die Angst einiger Chemnitzer, durch die Bewerbung ins Lächerliche gezogen zu werden, unbegründet. Im Vergleich zum anderen Konkurrenten aus Sachsen sind einige Punkte sicherlich noch ausbaufähig. Allerdings bemüht die Stadt sich mittels verschiedenster Projekte, Kultur zu fördern und bestehendes Kulturgut auszubauen.

Auf den ersten Blick lösen die grauen Straßen der Stadt vielleicht keinen "Wow"-Effekt aus. Chemnitz hat aber durchaus seinen Charme, wenn man genau hinsieht. Kultur befindet sich hier nicht nur in einem Ballungsgebiet, sondern man kann diese auch in den kleinen Gassen und Nebenstraßen entdecken. Zudem zählt bei der Bewertung durch die Jury das Gesamtpaket und nicht ausschließlich die äußere Fassade.