Hat Chemnitz überhaupt das Zeug zur Kulturhauptstadt?

News Im Oktober entscheidet sich, wer den Titel holt

Nachgedacht mit Anika

Seit 1985 vergibt die Europäische Union den Titel "Kulturhauptstadt Europas" und seit 2004 an sogar zwei europäische Städte in unterschiedlichen Ländern. Im Jahr 2025 werden die Sieger nach langer Zeit wieder aus Deutschland und auch Slowenien kommen. Bisher haben erst drei deutsche Städte in der Geschichte den Titel erhalten: West-Berlin (1988), Weimar (1999) und Essen (2009). Mit dem Titel "Kulturhauptstadt Europas" geht neben der medialen Aufmerksamkeit und dem stolzen Preisgeld von etwa 1,5 Millionen Euro auch ein kulturelles Wachstum der Städte einher. Ziel ist es, die kulturelle Entwicklung zu fördern und einzelne Städte in ihrem Charakter für Touristen hervorzuheben.  

Im Oktober kommt ein Teil der Jury nach Chemnitz

Im August 2016 hat die Stadt Chemnitz erstmals die Idee zur Bewerbung zur europäischen Kulturhauptstadt geäußert. Im Januar 2017 hat der Stadtrat entschieden und die Weichen für die Bewerbung im Folgejahr gestellt und musste sich gegen sieben andere Städte durchsetzen. Im Dezember 2019 durfte Chemnitz erstmals jubeln, als es in die zweite Runde der Bewerbung gekommen ist. Hannover, Hildesheim, Magdeburg und Nürnberg stehen neben Chemnitz auf der Shortlist und konnten sich gegen Dresden, Gera und Zittau durchsetzen. Nun geht es langsam in die heiße Phase des Wettbewerbs, bevor Mitte Oktober 2020 vier Jurymitglieder nach Chemnitz reisen und sich die Stadt anschauen werden. Die finale Entscheidung , wer den Titel "Kulturhauptstadt Europas 2025" aus Deutschland gewinnt, wird voraussichtlich am 28.10. bekannt gegeben. Das eigens für die Kulturhauptstadt zusammengestellte Team ist derzeit dabei das Bewerbungsbuch fertig zu stellen und Ideen für eine kulturelle Weiterentwicklung für die kommenden sowie das Festjahr 2025 zu entwickeln.

"Was ist das größte Problem von Chemnitz?"

Doch hat Chemnitz überhaupt das Zeug zur Kulturhauptstadt? Denn die wird man nicht einfach so, indem man schöne Architektur hat. Wobei Chemnitz damit sicherlich nicht so sehr punkten würde. Es geht darum, die Bürger und Bürgerinnen zum Umdenken zu bewegen. Einen ersten Schritt macht die Stadt, indem sie eine Umfrage erstellt hat, an der möglichst viele Chemnitzer und Chemnitzerinnen teilnehmen sollen. Die Frage lautet: "Was ist das größte Problem in Chemnitz". Aus diesen Antworten, die möglichst ehrlich sein sollen, werden Ideen zur Verbesserung und Lösung der Probleme umgesetzt. Jeder darf und soll zu Wort kommen, in der Innenstadt bei Straßenumfragen. Das finde ich gut, denn das kann Veränderung bringen. Nur müssen sich genau die stillen Leutchen, die ihre Meinungen nur hinter vorgehaltener Hand flüstern, jetzt zu Wort trauen.

Chemnitz war in den letzten Jahren gerade durch den schlechten Ruf als "Nazistadt" bekannt geworden. Außerdem habe ich das Gefühl, dass noch dazu kommt, dass viele Leute die Stadt als "hässliche, kleine Großstadt, die versucht mit Dresden und Leipzig mitzuhalten, es aber nicht schafft" sehen. Doch ist Chemnitz viel mehr als das! Zumindest sehe ich das so. Chemnitz ist eine Stadt, die noch in ihrer Entwicklung steht. Sie hat tolle Museen, Freizeitangebote und eine kleine süße Innenstadt, in der im Sommer immer etwas los ist. Es gibt das Weindorf, das Hutfestival, die Fete de la Musique, den Parksommer, die Filmnächte, Am Kopp, das Kosmos, tolle Restaurants, Bars und Cafés und und und. Für jede Altersklasse ist etwas dabei.

Chemnitz - der Außenseiter mit Charakter

Ich finde Chemnitz ist eine Stadt, die gern den Außenseiterposten zugeschoben bekommt, obwohl in ihr so viel Charakter steckt. Ja es gibt triste, graue Mauern, aufgrund der Industrievergangenheit; es gibt sehr viele ältere Menschen und viele Studierende, wobei der Campus "scheinbar" eines der wenigen modernen Gebiete in der "Stadt der Moderne" überhaupt zu sein scheint. Es gibt den Brühl, der familienfreundlich wiederbelebt wird; es gibt den Stadtpark, der zum Picknicken einlädt; es gibt günstige Mieten und den Karl-Marx-Kopf, der an DDR-Zeiten erinnert. Doch gibt es in Chemnitz auch eine tolle Kunst- und Musikszene und viele Vereine, die ihre Kraft in diese Stadt und die Dinge, die sie lieben, stecken. Wenn ich an #wirsindmehr und #kosmoschemnitz zurückdenke, wird mir ganz warm ums Herz. Was diese Stadt gemeinsam erschaffen hat, war phänomenal. Gerade das Kosmos hatte so viele Workshops, Vorträge, Konzerte und die verrücktesten Ideen zu bieten. Das war echt etwas, was für immer in meinem Gedächtnis bleiben wird.

Wer ist Chemnitz' größter Konkurrent im Wettbewerb?

Ich glaube Chemnitz hat gegenüber den anderen Städten einen Vorteil, weil es direkt ans Erzgebirge grenzt, was seit letztem Jahr sogar den Titel Unesco Welterbe trägt. Die einzigartige Natur mit Elbsandsteingebirge liegt direkt vor unseren Füßen. Außerdem haben wir es nicht weit in andere tolle Städte, wie Prag, Dresden oder Leipzig, die auch zu Tagesausflügen einladen. Gut Magdeburg befindet sich unweit des Harz' und Berlin, vielleicht ist die Stadt als einzige weitere ostdeutsche Stadt unser größter Konkurrent.

Ja es gibt viel zu verbessern, zum Beispiel, dass es immer noch keine ICE-Anbindung gibt; dass vielen kleinen Geschäften, Clubs, Restaurants und Bars das Leben hin und wieder schwer gemacht wird oder dass eines der coolsten Festivals, das Kosmonaut, gestorben ist; dass Gelder vielleicht häufig in die falschen Richtungen geflossen sind ist auch problematisch. Das größte Problem, was ich jedoch sehe, bleibt das Image der Stadt und die Kluft zwischen den politischen Fronten. Chemnitz ist mehr als negative Schlagzeilen und muss das zeigen. Chemnitz hat das Zeug dazu, den Titel zu gewinnen und braucht ihn auch dringend. Ich hoffe, dass die Kulturhauptstadtsbewerbung Menschen dazu bringt, über ihre Stadt nachzudenken und vielleicht sogar die Bürgerinnen und Bürger zusammen rücken lässt. Ich hoffe das sehr.