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Sachsen

In Chemnitz werden 27 neue "Stolpersteine" an 13 Orten verlegt

Erinnerung OB Sven Schulze nimmt an der Verlegung der Stolpersteine teil

Am heutigen Donnerstag werden in Chemnitz 27 neue Stolpersteine an insgesamt 13 Orten verlegt. Die Stolpersteine sollen an Menschen erinnern, die Gräueltaten von Nazis ausgesetzt waren. 

Projekt läuft schon fast 30 Jahre

Das Projekt "Stolpersteine" geht auf den Künstler Gunter Demnig aus Köln zurück. Erkonzipierte die "Stolpersteine" im Jahr 1993 und konnte bereits ein Jahr später die ersten davon in seiner Heimatstadt verlegen. Inzwischen erinnern über 43.500 "Stolpersteine" in mehr als 1000 Orten in Deutschland und Europa an die Opfer.

Oberbürgermeister Sven Schulze nimmt teil

Oberbürgermeister Sven Schulze nahm an den ersten beiden Verlegungen teil: "Das Projekt Stolpersteine holt persönliche Schicksale aus der Anonymität. Wir erfahren, wer einst hier lebte und welches Schicksal die Chemnitzerinnen und Chemnitzer durch den Terror des NS-Regimes erleiden mussten. Es wird in den einzelnen Biographien deutlich, wie grausam die systematische Ausgrenzung, die Hetze und der Mord an Millionen von jüdischen Bürgerinnen und Bürgern war. Das dürfen wir nie vergessen und nie wieder darf weggeschaut werden, wenn Menschen andere Menschengruppen etwas antun wollen. Die Stolpersteine sind so mehr als ein Mahnmal, sie sind eine tägliche Erinnerung auf all unseren Wegen." 

Die Verlegeroute zum Nachlesen:

9 Uhr - Alexanderstraße 1, heute Ludwig-Kirsch-Straße 1 

Familie Rotstein lebte mit fünf Kindern in einer kleinen Wohnung auf dem Sonnenberg. Für Vater Jankel Rotstein, der im September 1942 im Ghetto Warschau verhungerte, liegt bereits ein Stolperstein an dieser Adresse. Die älteste Tochter Marianne Rotstein musste in verschiedenen jüdischen Arbeitseinsatzlagern arbeiten und wurde 1944 nach Theresienstadt deportiert. Ihr Bruder Roland Rotstein wurde am 13. Februar 1945 zusammen mit dem Bruder Siegmund Rotstein ebenfalls nach Theresienstadt deportiert. Die Geschwister überlebten das Ghetto und ebenso die dort zuletzt ausgebrochene Typhusepidemie. Sie kehrten am 9. Juni 1945 nach Chemnitz zurück. Marianne Rotstein wanderte anschließend in die USA aus. Roland Rotstein lebte später in Niedersachsen und Berlin

Patin: Marion Rotstein 

Zirka 9.35 Uhr - Zschopauer Straße 74 

Zita und Leo Sonder wurde am 8. September 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert und am 29. Januar 1943 nach Auschwitz überstellt. Für Zita Sonder, die kurz nach der Ankunft starb, liegt bereits ein Stolperstein an der Zschopauer Straße 74. Leo Sonder überlebte Auschwitz und kehrte gemeinsam mit seinem Sohn Justin im Juni 1945 nach Chemnitz zurück. 

Patin: Kerstin Claus 

Zirka 10.10 Uhr - Oststraße 93, heute Augustusburger Straße 121 

Adolf Wilhelmis Verfolgung begann bereits lange vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933. Er wurde vom Amtsgericht Chemnitz im Dezember 1932 erstmals wegen homosexueller 

Kontakte zu einer Geldstrafe von 50 Reichsmark verurteilt. Es folgten weitere Verurteilungen und Haft, unter anderen in Bautzen, Plauen, Zwickau und Siegburg. Nachdem Adolf Wilhelmi die volle Strafe verbüßt hatte, wurde er nicht freigelassen, sondern im Mai 1942 in das KZ Buchenwald bei Weimar deportiert. Im Juli desselben Jahres wurde er in das KZ Dachau bei München weiterdeportiert, wo er am 26. August 1942 ermordet wurde. 

Paten: Bündnis 90 / Die Grünen Kreisverband Chemnitz 

Zirka 10.30 Uhr Apollostraße 25, heute hinter Haus Gustav-Freytag-Straße 26 

Der Kaufmann Max Meschulim Neger, der ursprünglich aus der Ukraine stammte, gründete in den 1920er Jahren eine kleine Strumpfwarenfabrik. Als polnischer Staatsbürger wurden er, seine Frau Charlotte Neger und der gemeinsame Sohn Siegfried Neger am 28. Oktober 1938 nach Polen ausgewiesen. Sie siedelten sich in der Stadt Lemberg (Lwów) an. Nachdem Lemberg am 30. Juni 1941 von der deutschen Wehrmacht besetzt wurde, verliert sich die Spur der Familie. Fast alle Lemberger Juden wurden unter anderem in dem von den Nationalsozialisten eingerichteten Sammellager Lemberg in den darauffolgenden Jahren ermordet - sehr wahrscheinlich auch Familie Neger. 

Paten: Karla Müller, Martin Niemann, Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer des Georgius-Agricola-Gymnasiums 

Zirka 10.50 Uhr - Gustav-Freytag-Straße 3 

Marek Muszkatblat war russischstämmiger Jude und hatten die polnische Staatsangehörigkeit. Frühzeitig engagierte er sich politisch, so trat er 1929 der KPD bei. Wegen kommunistischer Betätigung wurde Marek Muszkatblat am 20. April 1932 von den Leipziger Universitätsbehörden exmatrikuliert. Bereits im März 1933 wanderte Marek Muszkatblat nach Frankreich aus und lernte seine künftige Frau Tyla Wajdenbaum, verh. Muszkatblatt kennen. Nach dem Waffenstillstand von Compiègne vom 22. Juni 1940 schlossen sich die Eheleute dem französischen Widerstand, der Resistance, an. Beide wurden verhaftet und unabhängig voneinander in das Sammellager Drancy eingeliefert und von dort aus in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. 

Paten: Omas gegen Rechts, Steffen Vogel und Beate Ressel 

Zirka 11.10 Uhr - Stollberger Straße 39, heute Stollberger Straße 25 

Jacob Metsch war Abteilungsleiter im Warenhaus H. & C. Tietz und dort für Leder-, Schreib- und Galanteriewaren verantwortlich. Am 28. Juli 1919 vermählte er sich mit Jenny Kupferberg. Die Eheleute Metsch hatten zwei Söhne: Heinz Bernhard und Werner Ludwig. Die Familie wohnte bis 1936 im Haus Pornitzstraße 1, bevor sie auf dem Kapellenberg in der Stollberger Straße 39 ein neues Heim fand. Am 15. April 1942 wurden die Eheleute gezwungen, in das "Judenhaus" Apollostraße 18 umzuziehen. Am 10. Mai 1942 wurden Jenny und Jacob Metsch in das Ghetto Belzyce bei Lublin deportiert und ermordet. Am 27. Februar 1943 wurde Werner Ludwig Metsch - gemeinsam mit Justin Sonder - über das Lager Hellerberg bei Dresden nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Bernhard konnte im April 1939 nach England auswandern. 

Paten: Susen Döbelt, Astrid Günther und Stephan Nobis, Peer Fiedler 

Zirka 11.30 Uhr - Platanenstraße 8, heute Marianne-Brand-Straße 8 

Franz Philipp Schreiber gehörte zu einer alteingesessenen jüdischen Fabrikantenfamilie in Chemnitz. Der "Judenboykott" der Nationalsozialisten traf die Firma Seidler & Schreiber mit voller Härte. Im März 1939 wurde die Weberei stillgelegt. Franz Philipp Schreiber erkannte damals die Gefahr, die seiner Familie seitens des NS-Staates drohte. Die Söhne Konrad und Klaus wurden nach England gebracht. Am 20. Juli 1939 emigrierten Franz und Charlotte Schreiber mit ihrer Tochter Vera Schreiber nach Frankreich. Wenige Wochen nach ihrer Ankunft in Paris wurden sie verhaftet Am 19. Mai 1940 konnten sie nach Nizza flüchten. Ihre zehnjährige Tochter Vera brachten sie in Sicherheit in ein nahegelegenes Kloster. Im Jahr 1944 wurden Franz und Charlotte Schreiber im Untergrund entdeckt und gemeinsam mit ihrer Tochter Vera in das Sammellager Drancy eingeliefert. Von dort aus wurden sie am 27. März 1944 nach Auschwitz deportiert und ermordet. 

Paten: Förderverein Industriemuseum, Tina und Martin Böhringer, Andreas Nitschke

Zirka 11.45 Uhr - Heinrich-Beck-Straße 7 

Am 10. Mai 1942 wurde Elsa Hauptmann gemeinsam mit über tausend Juden aus Mitteldeutschland in das Ghetto Belzyce bei Lublin deportiert, wo sie in den darauffolgenden Wochen ermordet wurde. Ihre beiden Töchter Marianne Hauptmann und Helga Hauptmann konnten vor den Nationalsozialisten fliehen. Marianne Hauptmann emigrierte 1939 nach England, Helga Hauptmann nach Shanghai. Beide Töchter siedelten Ende der 1940er Jahre in die USA über. 

Pate: Dr. Hans-Joachim Kandler 

Zirka 13 Uhr - Gerhart-Hauptmann-Platz 2 

Arthur Sigler wurde während der Novemberpogrome 1938 verhaftet und nach Buchenwald verschleppt. Unmittelbar nach seiner Rückkehr willigte der Unternehmer in den "Verkauf" seiner Strumpffabrik ein. Einige Monate später wurde er erneut verhaftet und längere Zeit im Gefängnis auf dem Kaßberg festgehalten. In der Zwischenzeit war es den Eheleuten Arthur und Hedwig Sigler gelungen, ihre beiden Kinder mit einem Kindertransport nach London rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Sie selbst wurden am 13. Juli 1942 "nach dem Osten", wie es in der Deportationsliste der Gestapo hieß, deportiert und ermordet. 

Paten: Eva Maria Josiger, Franziska Schubert und Robert Meier 

Zirka 13.20 Uhr - Barbarossastraße 39 

Anfang des Jahres 1936 zog die Zahnmedizinerin Dr. Margot Bähr nach Chemnitz. Sie begann, bei dem jüdischen Zahnarzt Hans Stein als Zahntechnikerin zu arbeiten. Dr. Margot Bähr wohnte zunächst zur Untermiete im Haus Friedrichstraße 17, bevor sie in der Barbarossastraße 39 ein Zimmer fand. Im Oktober 1938 vermählte sie sich mit Heinrich Hochherr, dem Sohn eines Tabakfabrikanten aus Heidelberg. Im Folgejahr wurde ihre Tochter Suzanna Carola geboren. 

Um ihren Beruf weiter auszuüben, floh Dr. Margot Hochherr mit ihrer Familie nach Holland. Als die Wehrmacht Holland im Mai 1940 besetzte, wurden sie kurz darauf verhaftet und in das Durchgangslager Westerbork verschleppt. Von dort aus wurde die Familie am 15. Juli 1942 unter dem Kommando "Arbeitsdienst Ostpreußen" in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und später ermordet. 

Pate: Dr. Christian Flade 

Zirka 13.40 Uhr - Leonhardtstraße 23 

Martha Helene Nestler, geb. Bachmann, war eine der vielen Menschen, die im NS-Staat aufgrund von psychischen Krankheiten oder Behinderung diskriminiert und in einer der "Euthanasie"-Anstalten ermordet wurden. Im Jahr 1931 war sie Patientin der Nervenheilanstalt Chemnitz. Am 3. Mai 1932 wurde Helene Nestler auf Veranlassung ihres Ehemannes in der Heil- und Pflegeanstalt Zschadraß aufgenommen. Sie gehörte zu den ersten Patienten, die in einem Sammeltransport ("Aktion T4") am 8. August 1940 zur Vergasung in die Tötungsanstalt Sonnenstein verlegt und mit hoher Wahrscheinlichkeit am selben Tag ermordet wurden. 

Patin: Renate Baldyga 

Zirka 14 Uhr - Altendorfer Straße 7 

Der Kommunist Max Anton Schuster gehörte einer Widerstandsgruppe in Chemnitz an. Er wurde im Herbst 1944 verraten und verhaftet. Sie wurden von der Gestapo und im Gefängnis auf dem Kaßberg verhört. Max Schuster wurde am 1. Dezember 1944 mit fünf weiteren Personen (unter anderem Walter Malecki) mit einem Bahntransport der Staatspolizeistelle Chemnitz in das KZ Flossenbürg überstellt. Einige Tage später wurden die Häftlinge nach Leitmeritz (tsch. Litomerice) verbracht. Dort befand sich ab dem 25. März 1944 das größte Außenlager des KZ Flossenbürg. Körperlich geschwächte Häftlinge wurden bei mangelhafter Ernährung und kaum gesundheitlicher Betreuung durch die SS-Bewacher zu Tode geschunden. So auch Max Schuster, der am 3. Januar 1945 starb.

Pate: ver.di Bezirk Sachsen West-Ost-Süd 

Zirka 14.30 Uhr - Innere Klosterstraße 10, heute Innere Klosterstraße 6 

In einer 8-Zimmerwohnung im Haus Innere Klosterstraße 10 lebte die kinderreiche Familie von Salomon Kupfermünz und Rachela Kupfermünz, geb. Zmigrod. Ein Raum wurde als Kontor des Strumpf- und Textilwarenhandels genutzt. Mitten in der Weltwirtschaftskrise musste Salomon Kupfermünz jedoch sein Geschäft aufgeben. Die Eheleute konnten sich von diesem Schicksalsschlag nicht wieder erholen. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten bestärkte sie in ihrem Entschluss, das Land zu verlassen. Ob die ganze Familie im August 1933 zunächst nach Frankreich ausgewandert war, konnte bislang nicht festgestellt werden. Aufgrund eines dortigen Gesetzes, wonach alle Ausländer ohne Beschäftigung Frankreich wieder verlassen mussten, siedelten die Eheleute nach Polen über. Sie lebten fortan in Bendzin. Zu Kriegsbeginn wohnten fast 25.000 Juden in der Stadt, die später in einem Ghetto "leben" mussten. Das Ghetto wurde im Sommer 1943 von den NS-Besatzern geräumt. Salomon Kupfermünz wurde in dieser Zeit getötet. Rachela Kupfermünz wurde in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und dort 1944 ermordet. 

Paten: Dr. Hans-Joachim Strauß, Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer der Montessori-Schule Chemnitz