Integration: Mehr Offenheit wäre wünschenswert

Flüchtlinge Die Migrationsbeauftragte Etelka Kobuß im Interview

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Etelka Kobuß, die Migrationsbeauftragte. Foto: Andreas Seidel

2001 riefen die Vereinten Nationen den 20. Juni zum internationalen Weltflüchtlingstag aus. In den vergangenen zwei Jahren wurde das Thema Flüchtlinge wieder hart und kontrovers diskutiert. Etelka Kobuß, die Migrationsbeauftragte der Stadt Chemnitz, sprach mit BLICK-Reporterin Sina Jurkowlaniec über die Situation in Chemnitz.

Um das Thema Flüchtlinge ist es stiller geworden. Wo sehen Sie den Grund dafür?

2015 und 2016 lagen die Aufnahmezahlen deutlich höher, als dies aktuell der Fall ist. 2015 belief sich die tatsächliche Zahl der Asylsuchenden nach Angaben des Bundesministeriums auf rund 890.000. Zwischen Januar und Dezember 2016 dagegen nur noch auf 280.000 asylsuchende Menschen.

Das Thema ist ganz einfach nicht mehr so präsent in der Öffentlichkeit und das merkt man hier ganz deutlich. Der Schwerpunkt der Arbeit hat sich von der Unterbringung und Versorgung als primäre Aufgabe nun auf die Integration verlagert. Es ist gut und tut gut, sich wieder auf die Inhalte konzentrieren zu können.

Wie läuft die Integration in der Stadt?

Bezüglich der Bemühungen um die Integration von Zugewanderten geht Chemnitz schon seit vielen Jahren einen guten und für andere Kommunen beispielhaften Weg. Unsere Behörden und Träger sind gut miteinander vernetzt und bereit, auf aktuelle Herausforderungen zeitnah zu reagieren.

Außerdem haben viele Menschen mit zugepackt. Auch, wenn Nörgler oft lauter sind: Die Helfer und Unterstützer waren mehr. Es sind in der Zeit unglaubliche Projekte auf die Beine gestellt worden.

Neben unzähligen Deutschkursen gibt es Begegnungsmöglichkeiten für Frauen mit Kindern und die Sportvereine engagieren sich für Geflüchtete. Das sind wichtige Angebote. Integration lebt vom Austausch und Miteinander.

Wo sehen Sie aktuell Probleme?

Als Problem kann ich die Schwierigkeiten bei dem Familiennachzug benennen. Die Sorge um die Zurückgelassenen ist groß und für viele ist es unverständlich, warum alles so viel Bürokratie und vor allem so viel Zeit braucht. Dieser Zustand lenkt ganz klar von der Integration ab.

Alles andere sehe ich nicht als Problem, eher als eine Herausforderung, die wir gemeinsam zu bewältigen haben. Es freut mich beispielsweise sehr, dass die Sächsische Staatsregierung nun schnellstmöglich eine Lösung für die Bildungsfragen der volljährige junge Erwachsene finden will. Darauf warten wir seit Jahrzehnten. Bildung ist nicht nur integrationsfördernd, sie kann auch eine Chance sein für Flüchtlinge, die wieder heimkehren wollen.

Mit welchen Initiativen arbeiten Sie zusammen?

Integration ist - und damit auch meine Arbeit - eine Querschnittsaufgabe. Daher bin ich bemüht, möglichst mit allen Vereinen, Initiativen, Behörden und Institutionen gut zusammenzuarbeiten. Wir alle sind aufeinander angewiesen, niemand kann die Arbeit Integration alleine stemmen. Und natürlich wollen alle Akteure die Chemnitzer Bürger mit einbeziehen.

In Zusammenarbeit mit beiden Kammern wird der Weltflüchtlingstag am 20. Juni durchgeführt und natürlich gibt es einzelne, kleinere Projekte, die in einem kleineren Kreis vorbereitet und realisiert werden. Aber im Grunde geht es immer darum, möglichst viele Angebote zu machen.

Flüchtlinge brauchen einen Job und Perspektiven, um sich hier ein neues Leben aufbauen zu können. Wie werden sie dabei unterstützt?

Integration auf dem Arbeitsmarkt ist primär Aufgabe der Arbeitsagentur. All die Maßnahmen, die für Arbeitslose allgemein zur Verfügung stehen, wurden für Flüchtlinge geöffnet.

Bildungsträger haben zudem ihre Angebote auf diese, für sie neue Zielgruppe, mit angepasst. Die Kammern bemühen sich, ebenfalls Angebote zu machen. Sei es Vermittlung von Praktikumsmöglichkeiten und die Sensibilisierung von Arbeitgebern.

Was würden Sie sich mit Blick auf die Flüchtlinge von den Chemnitzern wünschen?

Einfach mehr Offenheit. Es geht hier nicht um irgendwelche Gruppen. Es geht um Menschen.

Es sollte uns allen bewusst sein, dass Migration etwas ganz normales und überhaupt nicht neues ist. Unsere Geschichte ist geprägt von Bewegung und von Wechsel. Lassen wir uns einfach gut miteinander leben und auskommen.