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Kann ein Algorithmus den Studienabbruch prophezeien?

Digital Chancen und Herausforderungen des neuen Karlsruher Algorithmus

Am Karlsruher Institut für Technologie wurde erst kürzlich ein Algorithmus entwickelt, der mit Hilfe von Leistungsübersichten und biografischen Daten Studienabbrüche mit hoher Wahrscheinlichkeit schon in den ersten Semestern erkennen kann. Doch welche Chancen und Herausforderungen ergeben sich beim Einsatz von Algorithmen in der Universitäts- und Berufswelt? Diese Frage kann Christian Papsdorf, Inhaber der Juniorprofessur Techniksoziologie der Technischen Universität Chemnitz, beantworten.

Bei biografischen Entscheidungen wird es problematisch

Zwar findet Papsdorf, dass Algorithmen in einfachen Fällen wie der Produktauswahl auf Basis von Gewohnheiten bereits verlässlich arbeiten können, allerdings von der komplexen sozialen Wirklichkeit oft überfordert seien. Deshalb hält er den ungeprüften Einsatz digitaler Instrumente zur Beurteilung und Vermessung von Menschen für verantwortungslos.

Sehr einflussreich beim Algorithmus der Karlsruher ist die Beziehung zwischen der Anzahl an bestandenen Klausuren und einem Studienabbruch. Zwar schätzt Papsdorf diese Art der von Hilfsmittel positiv ein, da die Studierenden auf diese Weise mehr Informationen bekommen können. Allerdings sei es ein großes Problem, dass Menschen dazu tendieren, solche Empfehlungen weniger als Empfehlung und mehr als Aufforderung sehen und diese eins zu eins umsetzen. Gerade wenn es um biografische Entscheidungen geht, sei dies sehr problematisch, so Christian Papsdorf.

Der Einzelne ist gefragt

Auch negative Erfahrungen, wie ein Studienabbruch, können langfristig Kompetenzen ausbilden und die Persönlichkeit beeinflussen, indem sie langwährende Motivationen ausbilden. Es sei auch fraglich, ob durchgeplante Biografien überhaupt erstrebenswert seien. "Meines Erachtens ist auf dem Arbeitsmarkt immer häufiger der 'ganze Mensch' gefragt. Es sollte also auch Raum dafür geben, sich auszuprobieren, quer zu denken oder zu studieren, einen Irrweg zu gehen und sich das oft zitierte 'einzigartige' Bewerberprofil anzueignen", führt Papsdorf aus.

Auch von Arbeitgebern wird Berwertungssoftware, die auf Algorithmen basieren, stärker bei der Suche nach passenden Kandidaten und Kandidatinnen genutzt. Diese sieben dann die Bewerberinnen und Bewerber nach einfachen Kriterien wie Abschlussnote, Alter oder bestimmten biografischen Stationen aus. Hier können Algorithmen eine hilfreiche Unterstützung sein, meint Papsdorf. "Gleichwohl können Algorithmen heutzutage nur die 'einfachen Fälle', das heißt solche mit klar strukturierten Informationen und festen Kriterien, verlässlich bearbeiten und operieren häufig mit Wahrscheinlichkeiten. Die soziale Wirklichkeit ist aber komplex. Oft noch zu komplex für Algorithmen."

Das Schweigen der Politik

Der Techniksoziologe plädiert für eine gesamtgesellschaftliche Diskussion über den Einsatz digitaler Technologien wie Algorithmen zur Entscheidungsfindung. Aktuell nehme der Wissenschaftler eine verhältnismäßig starke Auseinandersetzung mit dem Thema innerhalb der Gesellschaft wahr.

Überraschend ignorant gegenüber Algorithmen sei jedoch die Politik: "Hier wird oft nach der Formel: 'Je mehr Digitalisierung, desto mehr Wohlstand' operiert, anstatt die Auswirkungen auf die Lebenswirklichkeit der Menschen zu betrachten."

Daher hält Papsdorf die Einführung eines eigenen medienpädagogischen Schulfachs für dringend notwendig, um Schülerinnen und Schüler möglichst früh aufzuklären. Ignoranz oder gar Resignation gegenüber der fortschreitenden Digitalisierung dürfe keine Option sein.



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