Karl-Marx-Stadt für immer im Herzen

Rückblick 40 Menschen, die früher in der Stadt gearbeitet haben, treffen erneut zusammen

Es ist noch finster in Hanoi, als sich der Bus in Bewegung setzt. An Bord eine Gesellschaft von Damen und Herren, die sich seit fast vier Jahrzehnten kennen. Ende 1980, Anfang 1981 sind sie in mehreren Gruppen von der Hauptstadt Vietnams aus in ein neues Leben, in ein ihnen fremdes Land, das damals DDR hieß, gestartet. Junge Frauen und Männer, die als Vertragsarbeiter gebraucht wurden, im VEB Großdrehmaschinenbau "8. Mai", dem Schleifmaschinenwerk und im VEB Modul Karl-Marx-Stadt, in Limbach-Oberfrohna, in Frankenberg und manch anderen Orten auch.

Die Hütte, in der "Onkel Ho" arbeitete

Der Bus macht halt in Tan Trao, der Wiege der vietnamesischen Augustrevolution und Gedenkort für Ho Chi Minh, einem Mann, den heute noch viele Vietnamesen verehren und dessen Porträt wie das eines Heiligen überm Altar in manch einer Wohnung hängt. Doch bei dieser Tour, so scheint es, geht es vor allem um Fotos vor der Hütte, in der Onkel Ho 1945 arbeitete. Genauso wie später in der Gaststätte in Tuyên Quang, einer Stadt in Nordvietnam. Hier wird vor einem großen Plakat posiert, das an die Zeit in Karl-Marx-Stadt erinnert, mehrfacher Garderobenwechsel bei den Damen inklusive. Reden werden gehalten, die Handys kaum weggelegt, Bilder verschickt und Live-Schaltungen, auch nach Chemnitz, per Smartphone gestartet. Für Uyen, längst in Frankenberg zuhause, ist es ein Wiedersehen nach mehr als drei Jahrzehnten. Da fällt das Erkennen manchmal schwer. Dann wird gefeiert, mit einem opulenten Mahl und Reisschnaps, versteht sich, und - für deutsche Ohren ob der Lautstärke schwer erträglich - mit Karaoke.

"Wir haben unsere Jugend in der DDR verbracht"

Reden kann man draußen. Mit Thinh, einem der Organisatoren des diesjährigen Treffens zum Beispiel, der als Bohrer im "8. Mai" arbeitete und den die Freundlichkeit ebenso wie die Hilfsbereitschaft der deutschen Kollegen beeindruckte. "Wir haben in der DDR unsere Jugend verbracht", sagt er. "Das hat uns geprägt. Wir alle möchten diese sechs Jahre in Karl-Marx-Stadt nicht missen", ist er sich mit seinen Kumpels einig. Deshalb treffen sich einige der Ehemaligen jedes Jahr im Oktober zum Gedenken an jene Zeit, zum 20. Mal in diesem Jahr.

Cuong, der sehr gut deutsch spricht - sicher auch, weil er die Online-Ausgabe der Freien Presse liest - konnte im Gegensatz zu den meisten anderen von seinen Berufserfahrungen auch später profitieren, arbeitete beispielsweise als CNC-Dreher auf Taiwan. Nicht alle Vietnamesen kehrten in ihre Heimat zurück. Einige der jungen Männer fanden in der DDR die Liebe ihres Lebens, heirateten, wurden Väter. Aber es mussten auch Väter zurück in die Heimat, die Kinder blieben in Karl-Marx Stadt. Vielleicht der beste Beleg, dass die vietnamesischen Arbeiter nicht eingesperrt waren, wie mitunter behauptet wird. "Im Gegenteil, ich habe das Leben genossen. Wir waren ständig in der Disko oder in der Bodega und der Milchbar", erinnert sich Hai. Seine damalige Freundin und ihr gemeinsamer Sohn haben ihn später in Vietnam besucht. Man schwelgt in Erinnerungen an Brat- und Bockwurst, erzählt von Fahrrädern und Mopeds, von Mehl und Zucker und vielem mehr, was per Container nach Vietnam zu den Familien verschifft wurde.

Nicht alle konnten teilnehmen

Nicht jeder kann bei dem Treffen dabei sein. Einige wohnen zu weit weg, andere können es sich finanziell nicht leisten. Und manche haben keinen Kontakt mehr, wie Ameise. Den alle so nannten, weil eben das sein Name im Deutschen bedeutet. "Auf uns, die wir aus dem armen Vietnam kamen, machte die DDR einen gewaltigen Eindruck. Die Sauberkeit, die Sicherheit, selbst das Wetter. Oder denk' nur an die Krankenversicherung. Die erste Zeit zurück in Vietnam war für mich sehr hart. In Karl-Marx-Stadt haben wir schwer gearbeitet, aber ich war glücklich. Hier habe ich keine finanzielle Not, aber so glücklich wie damals bin ich nicht."

Einige Tage später auf dem Flughafen Noi Bai: Es heben Maschinen nach Japan und Südkorea ab. An Bord junge Männer und Frauen aus Vietnam, die in diesen Staaten Arbeit gefunden haben, wie in vielen Ländern auf diesem Erdball auch.