Sekunden zwischen Leben und Tod: So erlebt ein Chemnitzer Lebensretter Badeunfälle

Ein Experte der Wasserrettung erklärt, welche Badegefahren viele unterschätzen, woran man einen Menschen in Not erkennt und wie im Ernstfall richtig geholfen wird

Chemnitz

„Sobald der Melder geht, beginnt das Kopfkino“, sagt Philipp Baumgart, Leiter Einsatz der DLRG Chemnitz. Noch bevor die Einsatzkräfte am Wasser eintreffen, kreisen die Gedanken bereits um die entscheidenden Fragen: Wo befindet sich die Person? Ist sie noch an der Oberfläche? Kommen wir noch rechtzeitig?

Was ein Wasserretter jedem Badegast mit auf den Weg geben möchte

Im Interview erzählt der erfahrene Wasserretter, welche Momente ihn besonders prägen, warum sich tragische Badeunfälle immer wieder ereignen und welche Fehler Menschen am Wasser unbedingt vermeiden sollten.

Seine Worte wirken nach den tragischen Ereignissen an der Talsperre Pöhl, über die wir berichtet haben, besonders eindringlich. Denn sie zeigen: Die größte Gefahr geht oft nicht vom Wasser aus – sondern davon, dass Menschen seine Kraft unterschätzen.

„Wenn Selbstüberschätzung lebensgefährlich wird“

Wenn Philipp Baumgart über Badeunfälle spricht, fällt ein Wort immer wieder: Selbstüberschätzung.

„Das betrifft Kinder ebenso wie Erwachsene – leider meist verstärkt durch Alkohol und Drogen.“

Viele Menschen glaubten, sie seien gute Schwimmer. Doch das sei oft ein Irrtum.

„Als sicherer Schwimmer gilt man erst, wenn man das Deutsche Schwimmabzeichen in Bronze abgelegt hat. Das Seepferdchen ist lediglich ein erster Zwischenschritt.“

Besonders auffällig sei dabei ein Muster.

Männer überschätzen sich besonders häufig

„Leider sind von der Selbstüberschätzung meistens Männer und Jungen betroffen.“

Doch nicht nur die eigene Kondition werde häufig überschätzt. Auch viele Badegäste suchen bewusst unbewachte Badestellen auf, weil es dort ruhiger ist. Im Ernstfall fehlt dort jedoch die wichtigste Hilfe: ausgebildete Rettungsschwimmer.

Gefahren beginnen oft schon vor dem Sprung ins Wasser

An heißen Sommertagen beobachtet Baumgart immer wieder denselben Fehler.

Menschen liegen lange in der Sonne und springen anschließend ohne Abkühlung ins Wasser.

„Geht niemals aufgeheizt ins Wasser, sondern kühlt euch vorher ab.“

Der plötzliche Temperaturwechsel könne den Kreislauf massiv belasten.

Unterschätzte Gefahr Stand-up Paddling und Bootfahren

Auch Stand-up-Paddling oder Tretbootfahren bergen Risiken, die viele unterschätzen.

Wer stundenlang in der Sonne unterwegs war und anschließend ins Wasser springt, könne sein Herz-Kreislauf-System an die Belastungsgrenze bringen. Hinzu kommen Wind, Strömungen oder plötzlich aufkommende Wetterumschwünge, die insbesondere auf größeren Seen schnell gefährlich werden können.

Ebenso wichtig sei es, Warnhinweise ernst zu nehmen.

„Die rote Flagge bedeutet absolutes Badeverbot.“

Woran erkennt man einen Menschen in Not?

Viele stellen sich Ertrinkende so vor wie im Fernsehen: Sie schreien laut und winken verzweifelt mit den Armen.

„In der Realität ist genau das Gegenteil der Fall.“

Beim Ertrinken blockiert die Stimme

Beim Ertrinken kommt es häufig zu einem sogenannten Stimmritzenkrampf.

„Dadurch wird die Stimme blockiert.“

Anstatt um Hilfe zu rufen, versuchen Betroffene nur noch reflexartig, den Kopf über Wasser zu halten. Die Arme drücken auf die Wasseroberfläche, um den Körper oben zu halten. Der Körper befindet sich häufig nahezu senkrecht im Wasser.

„Ertrinken erfolgt meist ruhig und geräuschlos.“

Gerade deshalb werden Notlagen oft viel zu spät erkannt. Kleine, flache Armbewegungen oder eine ungewöhnliche Kopfhaltung seien häufig die einzigen Anzeichen dafür, dass ein Mensch um sein Leben kämpft.

So helfen Sie richtig – und bringen sich nicht selbst in Gefahr

Wer einen Menschen in Not entdeckt, sollte nicht sofort kopflos ins Wasser springen.

Für Baumgart beginnt jede Rettung an Land

„Als Allererstes: Hilfe holen und andere Personen darauf aufmerksam machen, dass man jetzt eine Rettung startet.“

Passanten sollten sofort den Notruf 112 wählen. Ist niemand in der Nähe, müsse man zunächst selbst den Notruf absetzen.

Erst danach sollte eine Rettung versucht werden – und auch nur dann, wenn man sich diese körperlich wirklich zutraut.

Besonders wichtig sei ein weiterer Grundsatz

„Die ertrinkende Person immer mit ausreichend Abstand ansprechen.“

Menschen in Todesangst handeln instinktiv.

„Sie klammern sich reflexartig am Retter fest und können diesen mit unter Wasser ziehen.“

Deshalb gelte: Wenn möglich, lieber einen Rettungsring, ein Seil, einen Ast oder einen anderen Gegenstand reichen, statt ungesichert ins Wasser zu gehen.

Fünf Regeln, die Leben retten können

Aus seiner Erfahrung fasst Baumgart die wichtigsten Verhaltensregeln für Badegäste zusammen:

  • Nie überhitzt ins Wasser gehen, sondern den Körper vorher langsam abkühlen.
  • Warnflaggen und Hinweise von Rettungsschwimmern unbedingt beachten.
  • Kinder niemals unbeaufsichtigt lassen – Ertrinken geschieht oft innerhalb weniger Augenblicke.
  • Schwimmhilfen nicht überschätzen. Schwimmflügel oder Westen ersetzen keine Aufsicht und machen niemanden automatisch sicher.
  • Die eigene Kondition realistisch einschätzen und die Kraft von Wasser und Strömungen niemals unterschätzen.

Wenn aus Alarm Routine wird – aber nie Gleichgültigkeit

Seit 2010 engagiert sich Philipp Baumgart ehrenamtlich bei der DLRG Chemnitz. Was mit der Begeisterung fürs Schwimmen begann, wurde zu einer Aufgabe, die Verantwortung, Teamgeist und Belastbarkeit verlangt.

„Das Schwimmen hat mir schon immer großen Spaß gemacht. Die Kombination aus sportlicher Aktivität und der Möglichkeit, Menschen zu helfen oder im Ernstfall Leben zu retten, begeistert mich bis heute.“

Wenn der Alarm kommt, zählt jede Sekunde

Wenn der Melder auslöst, gibt es keinen Raum für Emotionen.

„Wie weit draußen befindet sich die Person? Kommen wir noch rechtzeitig? Wie voll ist die Wasserkante? Ist die betroffene Person möglicherweise schon untergegangen?“

Diese Fragen schießen ihm innerhalb weniger Sekunden durch den Kopf. Noch bevor die Einsatzkräfte am Wasser eintreffen, läuft der Einsatz gedanklich bereits ab.

Zusammenhalt gibt Kraft

Schwere Einsätze verarbeitet das Team gemeinsam. Nach jeder Alarmierung wird der Ablauf besprochen. Bei besonders belastenden Ereignissen unterstützen zusätzlich Fachkräfte der Psychosozialen Notfallversorgung.

Was Philipp Baumgart trotz aller Tragödien am meisten in Erinnerung bleibt, ist der Zusammenhalt.

„Es ist ein großartiges Gefühl, wenn die einzelnen Rettungsschwimmer wie kleine Zahnräder ohne viele Worte reibungslos ineinandergreifen. Jeder weiß genau, was seine Aufgabe ist, und erfüllt sie zu 112 Prozent.“

Sein Appell an alle Badegäste

Zum Schluss richtet Baumgart eine klare Botschaft an alle:

„Kühlt euch vor dem Baden ab, achtet auf euren Körper und respektiert die Gefahren des Wassers.“

Und wer selbst helfen möchte, sei jederzeit willkommen.

„Kommt zur DLRG. Ob als Rettungsschwimmer, Schwimmtrainer oder im Katastrophenschutz – wir suchen immer engagierte Menschen, die mit anpacken möchten.“

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