Kulturhauptstadt: Was sagen die Chemnitzer?

Umfrage Bürger der Stadt sprechen im Interview über Stärken und Schwächen

Die Amtsbergerin Ines Hösel arbeitet in Chemnitz. Foto: Monique Rumi
Andreas Heinz ist Vorsitzender des Landesfachverbands der Standesbeamtinnenund Standesbeamten des Freistaates Sachsen. Foto: Monique Rumi

Die Stadt Chemnitz hat sich um den Titel Europäische Kulturhauptstadt 2025 beworben. Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig ist überzeugt von der Idee und blickt zuversichtlich in die Zukunft. Doch halten die Chemnitzer das ebenfalls für eine gute Idee? BLICK hat sich zu diesem Thema in der Innenstadt umgehört.

Neue Chancen für Chemnitz

Die meisten Chemnitzer sind der Ansicht, dass das Vorhaben Kulturhauptstadt zu werden, eine gute Entscheidung der Stadt war. Ines Hösel arbeitet in Chemnitz und denkt, dass dies eine ganz neue Herausforderung ist, die vor allem den Bürgern zugutekommt. Ideen kommen auf den Tisch, die die Stadt voranbringen können. Auch Jaqueline Knappe, die im Künstlerbund e.V. im Vorstand tätig ist, beschäftigte sich bereits mit dem Thema. Die Bewerbung biete neue Chancen für die Stadt: Vor allem die verbesserte finanzielle Förderung kann unter anderem auch der Kunst-Szene in Chemnitz dienlich sein.

Das Ehepaar Köhler ist der Meinung, dass Chemnitz eine starke Konkurrenz für die meisten Bewerber ist. "Chemnitz hat fast nur Stärken", sagt Renate Köhler. Vor allem die Bauten in der Innenstadt seien sehr gelungen. Kulturell hat Chemnitz viel zu bieten: Museen, Theater, die Stadthalle und zahlreiche Kunstausstellungen. Diese Punkte empfindet auch die Chemnitzerin Antje Neubert als besonders positiv. Ines Hösel findet zudem die sportlichen Höhepunkte erwähnenswert. Sie war beispielsweise bei der Deutschen Meisterschaften im Straßenradsport 2017 dabei, obwohl sie nicht in Chemnitz wohnhaft ist.

"Die Stadt ist nicht viel wert."

Doch nicht jeder ist dieser Meinung - "Ich halte von der Idee gar nichts. Die Stadt ist eigentlich nicht viel wert, es ist ja nichts los.", sagte ein Chemnitzer zum Vorhaben, Kulturhauptstadt zu werden. Als er vor 50 Jahren nach Chemnitz kam, sah es noch ganz anders aus. Es gab viel mehr Betriebe, Veranstaltungen, Kneipen und Leben in der Stadt. Andreas Heinz, Standesbeamter in Chemnitz, bezeichnet den Versuch als "mutig". Chemnitz sei eine Arbeiter- und Schlafstadt. Nicht mal bei den architektonischen Bauten wurde sich, seiner Meinung nach, besonders viel Mühe gegeben. Man sollte mehr Möglichkeiten für junge Leute schaffen: "Plätze zum Sitzen, Cafés, der Brunnen sollte wieder auf den Marktplatz gebaut werden. Die Stadt zieht einfach keine jungen Leute an!"

Außen pfui, innen hui?

Viele Chemnitzer wünschen sich ein gepflegteres Äußeres der Stadt. Antje Neubert sieht Mängel vor allem im Bereich der Sauberkeit und Straßenordnung. Auch Harry und Renate Köhler würden sich über schönere Grünanlagen freuen: "Wir sind jetzt schon über 80, aber sind trotzdem noch sportlich unterwegs. Die Parks sollten einfach besser zum Joggen sein. Auch nach dem Sturm hätte man mehr aufräumen können."

Dresden hat die Nase vorn

Bei einer Sache sind sich allerdings fast alle einig: Dresden hat bessere Karten, Kulturhauptstadt 2025 zu werden. Frau Neubert findet, dass Dresden kulturell viel mehr zu bieten hat. "Unsere Chancen gegen Dresden stehen mies", sagt das Ehepaar Köhler. Chemnitz hätte zu viele Arbeitslose, was sich auch in der Kneipen- und Restaurantszene wiederspiegle. Die Amtsbergerin Ines Hösel sieht großen Verbesserungsbedarf bei gemeinsamen EU-Projekten. Sie arbeiten in diesem Bereich und denkt, dass Chemnitz sich mehr engagieren sollte, um eine Chance auf den Titel zu haben.

Jaqueline Knappe hingegen spürt große kreative Kraft in Chemnitz: "Die Leute hier wollen mehr und sind sich überhaupt viel näher", sagt sie. Dieses Potenzial sieht sie in Dresden nicht.

Die Bewerbung zur Europäischen Kulturhauptstadt hat einen Entwicklungsprozess angestoßen, der von den meisten Chemnitzern als positiv eingeschätzt wird. Ob dieser jedoch ausreicht, ist fraglich - denn Dresden hat die Nase in unserer Umfrage ganz klar vorne.