Mit 11.000 Lire in der Tasche nach Turin

Auswärtsfahrt 430 Fans waren im Sonderzug unterwegs

Eines der berühmtesten Zitate der jüngeren Geschichte ("Das tritt nach meiner Kenntnis - ist das sofort, unverzüglich") hat mit den Weg dafür geebnet, dass der FC Karl-Marx-Stadt bei seinem Drittrunden-Hinspiel im UEFA-Cup in Turin immerhin von 430 eigenen Fans begleitet wurde. Denn die Aussage des ehemaligen SED-Politikers Günter Schabowski war am 9. November 1989 damit verbunden, dass sich der Eiserne Vorhang zwischen Ost und West öffnete und plötzlich ungekannte Reisefreiheit herrschte. Am 23. November wurde in Italien gespielt.

Sonderzug musste auch durch die BRD

Mit einem Sonderzug machte sich der Tross von Karl- Marx-Stadt über München, Kufstein und Innsbruck auf den Weg nach Italien. Erstmals durften auch die Spielerfrauen mit dabei sein. "Als der Zug am Brenner hielt, wurden wir von einigen Fotografen erwartet. Die Bilder davon haben wir einen Tag später in der Zeitung gesehen. Aber auch so war die Fahrt beeindruckend, wenn ich allein an die mächtigen Brückenbauwerke denke, die wir so noch nie aus der Nähe gesehen hatten", berichtet Frank Neubert, der damals Mitglied eines Fanclubs war und sich somit um einen Platz im Zug bewerben konnte. "Zu Hause hatten wir schon die Eintrittskarten sowie eine Stadtrundfahrt bezahlt. Das Taschengeld von 11.000 Lire pro Person klang zwar viel, waren aber nur reichlich 10 D-Mark", schmunzelt Neubert, der sich jahrelang beim CFC ehrenamtlich engagierte. Im Gegensatz zur heutigen traurigen Realität, in der ein Sonderzug mit Gäste-Fans von einer Polizei-Hundertschaft empfangen werden würde, kümmerten sich die Turiner Ordnungshüter nicht um die Ankömmlinge aus dem Osten.

Entspannte Tour durch Turin

Die Stadtrundfahrt erfolgte völlig entspannt, auch der Weg zum Stadion wurde locker zurück gelegt. Ebenfalls 2019 undenkbar: Die Fans beider Seiten tauschten ganz entspannt ihre Utensilien, sodass es auf der Rückfahrt im Zug fast mehr Turiner als himmelblaue Schals zu zählen gab. Doch dann sorgte ausgerechnet die Natur für trübe Aussichten. "Wir konnten von unseren Plätzen im Stadion nicht bis zum gegnerischen Tor schauen. Dadurch haben wir nur durch ein Zeichen von unserem Torwart Jens Schmidt mitbekommen, dass wir 1:0 führten", sagt Neubert. Trotz der 1:2-Niederlage fuhren die Fans mit bester Laune in die Heimat zurück. Bei einem Zwischenstopp in Hof wollten viele Karl-Marx-Städter, die damals ihr Begrüßungsgeld in Bayern abgeholt und sofort wieder ausgegeben hatten, gleich mit dem Sonderzug mitfahren. Aber die Türen blieben für diese Leute geschlossen.

Über die 0:1-Niederlage des FCK im Rückspiel macht sich Neubert noch heute manchmal Gedanken. "Ich weiß nicht, ob es eine Auflage der UEFA war. Aber ich habe es einfach nicht verstanden, dass wir den Platz vom Schnee geräumt haben. Mit unseren kämpferischen Tugenden auf Schnee wäre gegen die Italiener doch bestimmt was drin gewesen", meint der Fan. Immerhin kann ihn niemand die Eindrücke wegnehmen, die er bei der Fahrt nach Turingesammelt hat.

BLICK beleuchtet in einer Sonderserie zwei Highlights in der Vereinshistorie des FC Karl-Marx-Stadt/Chemnitzer FC. Lesen Sie morgen im dritten Teil ein Exklusiv-Interview mit Hans Meyer über seine Zeit als Trainer beim Club.