Muss man den Chemnitzern Mut machen?

Gespräch Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig im großen BLICK-Interview zum Jahreswechsel. Mit ihr sprach Redakteur Volker Tzschucke. Teil 2: Die Rettung des CFC und die Kulturhauptstadtbewerbung.

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Frau Oberbürgermeisterin, mit der Eröffnung des Stadions im Sommer wurde ein Zeichen gesetzt - würden Sie es heute noch als positives Zeichen sehen?

Ja, unbedingt. Es ist ein sehr schönes Stadion und ich bin froh, dass wir den Bau so unspektakulär vollzogen haben. Das ist in anderen Städten auch weniger gut gelaufen. Wichtig ist, dass sich die Besucher und Fans dort wohlfühlen - das ist der Fall. Ich wünschte mir, dass noch mehr Besucher zu den Spielen kommen. Sportlich macht der CFC ja durchaus auch Freude.

Trotzdem gab es jüngst neue Zweifel am Stadionbau, weil der CFC mit 1,2 Millionen Euro von der Stadt gerettet werden muss. Ist der Verein damit über den Berg?

Der CFC ist dann über den Berg, wenn er ohne Hilfe der Stadt und ohne die Hilfe der eins energie und der GGG wirtschaftlich auf einem soliden Fundament steht. Das wird Jahre dauern. Das finanzielle Desaster ist einfach zu groß, das verwächst sich nicht einfach. Dafür müssen die Strukturen beim CFC so angepasst werden, dass sie dem Profifußball angemessen sind.

Wie groß ist die Gefahr, dass die Stadt hier noch einmal eingreifen muss?

Durch die Unterstützung von eins und GGG hoffe ich - und mehr kann ich momentan nicht - dass es nicht wieder dazu kommt, dass beim CFC mehr Geld ausgegeben wird als da ist.

2016 wurde auch die Idee geboren, dass sich Chemnitz um den Titel der Europäischen Kulturhauptstadt 2025 bewirbt. Kann Chemnitz Kulturhauptstadt?

Ja.

Wie stellen Sie sich die Stadt im Jahr 2025 vor?

2025 ist ein besonderes Jahr für Chemnitz, weil so viele Besucher kommen. Wenn wir 1 Million Besucher haben, wird die Stadt voller werden. Man trifft Menschen, die man vielleicht noch nie gesehen hat. Das ist gut für die Gastronomie, für die Hotels, für die Museen, für das Lebensgefühl in der Stadt. Die Stadt wird internationaler. Das ist inspirierend für Kunst und Kultur.

Was wird fertig bis dahin?

Wir planen keine Bewerbung, die auf große Neubauten setzt. Aber wir werden das Chemnitzer Modell weit vorangetrieben haben. Wir werden ein Stück weiter sein beim Theaterquartier. Der Brühl ist ein lebendiges Innenstadtviertel. Der Sonnenberg wird weiter gewinnen. Und wir haben dann einen Intercity-Anschluss, da führt kein Weg mehr dran vorbei.

Werden wir bis 2025 auch einen Museumsanbau am Theaterplatz einweihen?

Nein, das sehe ich nicht.

Was sind 2017 die größten Aufgaben?

Zum einen möchte ich gern die längerfristige Stadtentwicklung stärker in den Mittelpunkt stellen, auch unter Ausnutzung der Potenzialanalyse der "Morgenstadt"-Initiative. Im Winter 2017 wird das Technische Rathaus in die Innenstadt ziehen. Wir wollen auch den Bereich rund um das Rathaus mit neuen Ideen stärken: Es ist ganz wichtig für die Stadt, dass die Innenstadt funktioniert. In diesem Sinne hoffe ich, dass wir für die zwei ausgeschriebenen Baufelder neben dem Tietz und am Parkplatz vor der Johanniskirche im Sommer gute Investoren präsentieren können.

Wie schätzen Sie die wirtschaftliche Entwicklung in der Stadt ein?

Ich bin froh, dass die Arbeitslosigkeit weiter gesunken ist und dass sich die Wirtschaft dynamisch entwickelt. Wo wir unmittelbaren Einfluss haben, im Technologie Centrum, sehen wir das sehr deutlich. Und wenn sich Unternehmen an uns wenden, sind das glücklicherweise vor allem Erweiterungs- und Umsiedlungsanfragen. Bei den Gewerbesteuern liegen wir 2016 im Plan. Und die Steuer, die am meisten wächst, ist die Einkommenssteuer. Daran sieht man, dass es einem erheblichen Teil der Chemnitzer besser geht, auch wenn ich weiß, dass das noch nicht für alle zutrifft. Entscheidend wird auf Dauer sein, dass unsere Unternehmen die Fachkräfte finden, die sie brauchen.

Die letzte Frage: Muss man den Chemnitzern Mut machen?

Ja, in dem Sinne, mehr Stolz und Selbstbewusstsein für sich selbst und für ihre Heimatstadt zu haben und zu zeigen.

Foto: Stadt Chemnitz/ Igor Pastierovich