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Nachhaltigkeit trifft funktionelle Kunst: So durchdacht ist Chemnitz' neues Tagungszentrum

Gespräch Innenarchitektin Sibylle Kasel über die Herangehensweise im Carlowitz Congresscenter

Hans Carl von Carlowitz, der Schöpfer des Nachhaltigkeitsbegriffs, inspirierte für die Namensgebung des neuen Kongresszentrums direkt an der Chemnitzer Stadthalle. Das im Herbst 2020 eröffnete Tagungszentrum für "Wissen und Gewissen" mit ein innovativem Ambiente für den kreativen Austausch und nachhaltige Begegnungen. Um die Gestaltung kümmerte sich Innenarchitektin Sibylle Kasel mit ihrem Büro KASEL Innenarchitekten Leipzig. Seit mehr als 30 Jahren arbeitet sie als Innenarchitektin, 1994 gründete sie ihr eigenes Architekturbüro. Seither wurden unter anderem Hotels, Theater, Bürohäuser, Restaurants, Kanzleien und Ladengeschäfte individuell geplant und gestaltet. Seit 2017 ist Sibylle Kasel Vorstand der Architektenkammer Sachsen. Im Interview spricht sie über das Gestaltungskonzept des neuen Tagungszentrums, Emotionen und funktionelle Kunst.

Können Sie uns kurz Ihr Gestaltungskonzept "Metamorphose - Atmosphäre Natur - im gebauten Raum erlebbar machen" beschreiben? Lässt sich die Innenarchitektur einem bestimmten Stil zuordnen?

Im Gegensatz zur strengen Sechseck-Architektur des denkmalgeschützten Gebäudekomplexes aus den 70er Jahren wurden freie, weiche Formen gewählt. Die Aufmerksamkeit sollte sich in den künftigen Räumen auf die neuen Dinge und die neue Nutzung der Räume richten, dennoch sollte die Wirkung der vorhandenen Strukturen nicht an Kraft und Ausdruck verlieren. Beziehungen zur vorhandenen Architektur, zu den verschiedenen notwendigen funktionalen Abläufen und Einrichtungen konnten damit fast aus jeder Perspektive hergestellt werden. Dadurch konnte die Symbiose zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen bewährter Tradition und innovativer Vision gelingen. Visionen und neue Gedanken entstehen in freien, entspannten Köpfen, welche nicht in mathematisch, geradlinig umgrenzten Räumen mit kantigen, bizarren Formen möglich wären. Dass wir in der Natur viel besser lernen, leben und entspannen können und kreativer sind, ist wissenschaftlich lange bekannt - deshalb wurden möglichst natürliche Materialien verwendet.

Was war bei der Umsetzung die größte (bauliche) Herausforderung?

Ein Anbau oder Umbau ist immer viel komplizierter als ein Neubau. Das ursprüngliche Gebäude wurde unter anderen Voraussetzungen, Aufgabenstellungen und technischen Anforderungen vor rund 50 Jahren gebaut. In diesem Zeitraum haben sich die technischen Anforderungen deutlich verändert in Bezug auf Brandschutzanforderungen, Klimatisierung, Heizung, Elektrifizierung, Interaktivität, elektronische Vernetzung, neue Kommunikations- und Medientechniken, Barrierefreiheit, etc.. All diese Dinge brauchen sehr viel Raum, vor allem Raumhöhen, und sollen meist optisch verschwinden. In den 70er Jahren wurden Räume sehr niedrig gebaut. Mit dem neuen Anbau mussten wir die vorgegebenen Anschlusspunkte aufgreifen. Jeder Zentimeter musste von allen Planungsbeteiligten sehr genau durchdacht werden.

Carlowitz steht auch gleichbedeutend für Nachhaltigkeit. Wie wurde das bei der Innenarchitektur berücksichtigt?

Zum einen wurden vor allem natürliche Materialien, wie nachwachsendes Holz aus der Region, Stein und Glas eingesetzt. Zum anderen ging es auch darum, für den Zweck der Nutzung möglichst haltbare, wiederverwendbare Materialien einzusetzen. Diese mussten darüber hinaus - für 'Corona-Zeiten' - auch leicht desinfizierbar sein, ohne nach kurzer Zeit die Ausstrahlungskraft zu verlieren. Weiter ist das Thema der Energieeffizienz in alle Überlegungen einbezogen worden.

Welche Emotionen sollen bei den Gästen geweckt werden?

Schon beim Betreten des Gebäudes werden die Gäste diesen Ort als Raum der modernen, demokratischen Begegnung mit Kunst, Kultur und Wissenschaft wahrnehmen. Sie erleben einen Ort mit positiver Identifikation, Atmosphäre und Wiedererkennung. Dazu tragen unter anderem die vielfältigen Beleuchtungsmöglichkeiten bei, welche je nach Veranstaltungsart, Tages- und Jahreszeit die Atmosphäre gezielt prägen können. Positive Emotionen werden aber auch durch die Erfüllung der Grundbedürfnisse unterstützt: Eine gute Orientierungsmöglichkeit, kurze Wege, reine Luft, angenehme Wärme, gute Ergonomie, digitale Vernetzung und Bereiche zur Entspannung.

Wie wurden "alt" und "neu" verknüpft? Gibt es eine gestalterische Verknüpfung mit der angrenzenden Stadthalle?

Das war uns besonders wichtig. Das vorhandene architektonische Ensemble, zu welchem auch immer schon das angebaute Hotel-Hochhaus gehört, soll natürlich in Zukunft weiterhin eine optische und funktionale Einheit bilden. Die bisher beim Anbau des Carlowitz Congresscenter Chemnitz eingesetzten Gestaltungsideen waren bereits im Wettbewerb für die angrenzende Stadthalle weiter mit eingeflossen. Sie könnten auch im Hotelkomplex leicht weiterentwickelt werden. Hier sind wir optimistisch, dass diese Ideen im Anschluss weiterverfolgt werden, damit dann später alles harmonisch als Einheit synergetisch zusammenwirkt.

Ein besonderer Hingucker ist der begrünte Glasboden im Eingangsbereich des Congresscenters. Welche Idee steckt dahinter?

Dieser begründet sich auf der schon erwähnten Konzept-Idee 'Metamorphose - Atmosphäre Natur': Im Tagungsraum 'Vulcanus', welcher sich direkt neben dem Eingangsfoyer befindet, wird die Explosion der Gedanken abstrakt durch den roten Teppichboden als die heiß austretende Lava dargestellt. Diese Lava fließt dann gestalterisch über die Wände im Tagungsraum wieder ab und sammelt sich am Boden. Sie erkaltet sozusagen in der Entspannungsphase, trocknet optisch im Foyer ab und zeigt sich am Boden als grauschwarze Magma mit organisch weißen Übergangslinien. An der Treppe und beim freistehenden Glasaufzug angekommen, entsteht das neue Leben auf einer abgesenkten, bemoosten Fläche in einer Art "Oase" unter dem indirekt beleuchteten Glasfußboden.

Wie flexibel sind die Räumlichkeiten?

Um Veranstaltungsorte wie diesen zeitgemäß nutzen zu können, mussten die zweckorientierten Bedürfnisse durch multifunktionale Raumgrößen beantwortet werden. Dies wird durch mobile, akustisch wirksame Trennwände, welche elektronisch gesteuert werden, möglich gemacht. Gleichzeitig sind die Möblierungs-, Beleuchtungs-, Belüftungs- und Verschattungsmöglichkeiten absolut multifunktional hergestellt worden. Auch Lichtszenerien können absolut individuell eingestellt werden. Das bedeutet, die gesamten Räumlichkeiten können je nach Veranstaltung gänzlich oder raumweise in weißes, rotes, gelbes, blaues oder grünes Licht getaucht werden. Dabei sind die Helligkeiten, die Farbwärme und Farbintensionen einstellbar.

Die Räume tragen Namen aus der Natur oder von Elementen, zum Beispiel Aqua oder Vulcanus. Wie spiegelt sich dies in der Innenarchitektur wider?

Die spezifischen lateinischen Namen werden im jeweiligen Raum durch verschiedene künstlerische Wandgestaltungen untersetzt, zum Beispiel im Raum "Aqua" (Wasser) durch den Künstler Rene Seifert aus Berlin, im Raum "Terra" (Erde) durch die Künstlerin Janina Kracht aus Dresden oder im Raum "Radix" (Wurzel) durch den Chemnitzer Künstler Peter Kallfels. Insgesamt beteiligten sich sechs Künstler an der Ausgestaltung. Die Tatsache, dass in einigen Tagungsräumen übergroße Quellluftgitter von 16 bis 18 Quadratmeter in den Wänden zum Einsatz kommen mussten, um die notwendige Belüftung herstellen zu können, führte schon im Wettbewerb dazu, aus der Not eine Tugend zu machen. So wurden die dort benötigten Flächen gleichzeitig als Flächen für Kunstwerke ausgewiesen, welche nun die Lüftungsgitter zu Kunstträgern macht.