Vergänglichkeit

Wort zum Sonntag von Pfarrer Thoralf Spiess

Ich muss mit meinem Hund täglich raus ins Grüne. Dabei lernt man Ecken kennen, die man sonst nie gesehen hätte. Einmal machte ich eine erstaunliche Entdeckung.

Hinter einem verfallenen Haus hatte jemand Unrat abgekippt, es sah wüst aus. Offensichtlich war es Müll aus der Beräumung eines Kellers oder Dachbodens. Jedenfalls alte Sachen, die beim besten Willen nicht in die Mülltonne passten. Ein Fahrradrahmen, ein verbogener Wäschetrockner, ein zertretener Mülleimer. Und ein Fernseher. Marke "Raduga" konnte ich noch erkennen, das waren die ersten russischen Farbfernsehgeräte, mit denen man das ganze Wohnzimmer heizen konnte. Kostenpunkt 6.000 DDR-Mark, damals ein Vermögen.

Der Fernseher war interessant. Das Pressholzgehäuse hatte schon jegliche Farbe verloren und war von der Feuchtigkeit rundherum aufgequollen. Und, ich traute meinen Augen kaum, mitten aus den verleimten Sägespänen keimte neues Leben hervor: Oben aus der Platte spross ganz zaghaft junges, frisches Gras. Zurück zur Natur - dachte ich amüsiert. Und gleichzeitig wurde mir die Vergänglichkeit all der Dinge bewusst, die für uns einmal unerreichbare Schätze waren.

Thoralf Spiess

Pfarrer