Von Lampenschirm bis Messestand

Ehrung Goldener Meisterbrief für 146 Handwerksmeister des Jahrgangs 1965

Räume und Tische im damaligen Interhotel Moskau wurden einst beleuchtet von Lampen mit geflochtenen Schirmen, deren Form an zwiebelförmige Kuppeln russischer Kirchen erinnerten. Die größten maßen anderthalb Meter im Durchmesser. Damals war das eine Rarität, hergestellt aus echter Weide. Angefertigt wurden die Lampenschirme seinerzeit in der Werkstatt von Korbmachermeister Günter Jahn.

1965 hatte dieser erfolgreich die Meisterprüfung absolviert und zwei Jahre später, als der damalige Besitzer in den Ruhestand ging, seinen Lehrbetrieb übernommen. Von seiner eigenen Ausbildung Mitte der 1950er Jahre schwärmt der Meister noch heute. Die Familie stammt ursprünglich aus Schlesien, als Vertriebene verschlug es sie im Herbst 1946 nach Chemnitz. "Mein Vater war Schuhmacher und wir waren bettelarm", erzählt Günter Jahn, "obwohl ich gut in der Schule war, in Mathematik, Physik, Chemie jeweils Einsen hatte, wollte ich nicht studieren, um der Familie nicht auf der Tasche zu liegen". So fand er eine Lehrstelle und hatte Glück damit. "Ich habe da eine sehr gute Ausbildung bekommen", sagt der inzwischen 75-Jährige. Interessant war die Arbeit allemal, die weit mehr umfasst als Körbe und Lampenschirme oder die Erneuerung von Stuhlgeflecht. Im Tropenhaus des Chemnitzer Tierparks gestaltete Günter Jahn Brücken, Gänge und Notausgänge aus Bambus. Vieles, was der Korbmachermeister über die Jahre herstellte, ist mehr Kunst als Handwerk. So baute er vor Jahren für ein Dentallabor einen Messestand in Form eines Backenzahns aus geflochtener Weide und 2003 bekam die Universität Magdeburg einen 13 Meter hohen Abluftturm, für dessen Verkleidung mit Flechtarbeiten Günter Jahn sorgte.

Am vergangenen Dienstag nun erhielt der Chemnitzer Korbmacher als einer von 146 Meistern des Jahrgangs 1965 den Goldenen Meisterbrief. Wochentags ist Günter Jahn im Geschäft in der Georgstraße 16. Wie lange er noch arbeiten will? "Bis 90, dann mach ich halbtags", lacht er und fügt augenzwinkernd hinzu, "daheim würde mir meine Frau nur den Staubsauger in die Hand drücken".