Warum es im Chemnitzer Tierpark jetzt „eine Arche Noah für Alle“ gibt

Im „Tierpark Chemnitz“ fand unter Leitung von Tierparkpädagogin Saskia Quinger erstmalig eine demenzsensible Führung statt, welche bei den Teilnehmerinnen längst vergessene Erinnerungen wieder wecken konnte. Höhepunkt war die Fütterung der Erdmännchenfamilie.

Chemnitz

Der „Tierpark Chemnitz“, der seit 1964 existiert und auf einer Fläche von zehn Hektar mittlerweile mehr als 1.300 Tierindividuen beherbergt, erlebte jüngst eine weitere Premiere in seiner langjährigen Geschichte.

Ein Tross aus zehn Frauen hatte sich – organisiert vom „DemenzNetz_C“ – zur ersten demenzsensiblen Führung zusammengefunden. Claudia Breutmann und Lars Zeißig gehören zu den Initiatoren und benennen einen elementaren Grund: „Durch die Begegnung mit Tieren können sowohl die Sinne als auch Erinnerungen bei Menschen, die an Demenz erkrankt sind, ganz leicht wieder geweckt werden.“

Das engagierte Netzwerk aus Fachkräften, Ehrenamtlichen und Organisationen hat diese Führungen ins Leben gerufen und kümmert sich – neben der Planung, Organisation und Durchführung – aktuell um die Erstellung von Flyern sowie den Aufbau relevanter Social-Media-Kanäle.

Tierparkbesuch als Abenteuer

Als Saskia Quinger von dieser Idee hörte, war sie sofort davon angetan und erstellte zusammen mit den Initiatoren ein entsprechendes Konzept. „Wir haben nach einer geeigneten Route durch unseren Tierpark gesucht, die zum einen natürlich allerhand tierische Abenteuer bereithält und zum anderen von den Teilnehmenden entsprechend ihrer physischen und psychischen Konstitution erlaufen und absolviert werden kann“, berichtete die erfahrene Tierparkpädagogin, unter deren Leitung die demenzsensible Premierenführung durchgeführt wurde.

Direkt am ersten Stopp sorgten paarungswillige Flamingos für Aufsehen und somit für gute Laune – und das galt auch für die Betreuer und Betreuerinnen von „helb – Betreuungsdienste Chemnitz Frank Helbig, dem „Ambulanten Pflegedienst Heike Henke“ und der „advita Tagespflege: Am Kulturpalast“. Die Laune blieb, genau wie das Wetter, anschließend bestens.

Fragen wecken Erlerntes & Erinnerungen

Quinger, die früher als Pflegeberaterin tätig war und bei der Koordinierung des „DemenzNetz_C“ unterstützt hat, ist mit dem Umgang mit demenz-erkrankten Menschen bestens vertraut. Mit wohldurchdachten Fragen und Erklärungen holte sie bei den Teilnehmerinnen einstmals Erlerntes sowie Erinnerungen gezielt wieder hervor.

Das war beispielsweise der Fall, als die Frauen an den sogenannten „Interimsgehegen“ vorbeispazierten. „Früher waren hier die chinesischen Leoparden drin, das weiß ich noch ganz genau“, erinnerte sich eine Teilnehmerin, die früher regelmäßig den Chemnitzer Tierpark besuchte, um zu kontrollieren, welche neuen Tiere hinzugekommen sind und wer alles Nachwuchs bekommen hat.

Quinger entgegnete: „Ja, das stimmt. Sie dienen heute als kurzfristige Unterbringung für Tiere, die neu in den Tierpark kommen, oder werden gelegentlich als vorübergehendes Zuhause für Jungtiere genutzt, die in einen anderen Zoo vermittelt werden sollen. Im Notfall nutzen wir es auch, um Tiere zeitweise voneinander zu trennen – etwa zur Beobachtung, Eingewöhnung oder einfach, damit etwas Ruhe einkehren kann.“

Und das Gespräch ging weiter: „Das ist wie in einer guten Ehe: Wenn der Mann schnarcht, schläft er halt in einem anderen Zimmer“, sagte eine andere Teilnehmerin mit einem Schmunzeln im Gesicht – und die anderen Frauen lachten allesamt mit.

Ein Stachel wie eine Nadel

Apropos Ehe: Das Emu-Paar Katharina und Heinrich wiederum versteht sich blendend und durfte sich jüngst über Nachwuchs freuen – und das ist wichtig für den „Tierpark Chemnitz“, den Quinger gern als „Arche Noah für Alle“ bezeichnet. Und das aus zwei Perspektiven: „Zum einen sind wir ein Refugium für viele bedrohte und seltene Tierarten aus der ganzen Welt und beteiligen uns mit vielen Zuchtprogrammen aktiv am internationalen Artenschutz, zum anderen sind wir ein Ort für Jung und Alt.“ Zurück zur demenzsensiblen Führung und dem nächsten Stopp, welcher bei den Stachelschweinen erfolgte. „Wir möchten natürlich auch die Sinne der Teilnehmerinnen mit einbeziehen“, sagte die gelernte tiermedizinische Fachangestellte. So erhielten diese die Möglichkeit, die langen Stacheln eines Stachelschweins in die Hand zu nehmen und zu fühlen sowie zu spüren: „Das ist aber eine ganz schön große Nadel, mit der könnte man sicherlich gut stricken“, zog die Teilnehmerin im Rollstuhl einen sehr guten Vergleich.

Im Tropenhaus wartet ein „kleiner Superstar“ auf seinen Auftritt

Im warmen Tropenhaus lebt das Faultier Katrin, welches sich am Tag bis zu 20 Stunden auf der faulen Haut liegt. Sobald sich aber Besucher in ihrer Nähe aufhalten, wird ihre Energie geweckt und aus ihr ein „kleiner, extrovertierter Superstar“, wie Tierpädagogin Quinger berichten kann. Katrin genoss ihren großen Auftritt und kletterte mit ihren Krallen geschmeidig von Ast zu Ast. Die Bewertungen der Teilnehmerinnen fielen mit „Toll“, „Klasse“ und „Sie macht das wirklich ziemlich gut!“ durchgängig positiv aus. Damit war die 90-minütige Führung allerdings noch nicht beendet. Denn das Beste kommt bekanntlich immer zum Schluss – und in dem Fall ist es die Fütterung der sieben süßen Erdmännchen gewesen.

Sieben-Auf-Einen-Streich-Fütterung

Bevor mit dieser jedoch begonnen wurde, erzählte Quinger, dass aktuell zwei Erdmännchen eigentlich immer verantwortungsvolle Aufgaben zu übernehmen hätten. Nämlich eins sollte auf die Jungtiere aufpassen und ein anderes Wache schieben. Doch wenn das Wort „eigentlich“ im Spiel ist, verhält es sich logischerweise ganz anders. Stattdessen stürzten sich alle sieben auf die leckeren Würmer, die von zwei mutigen Teilnehmerinnen ins Gehege – genauer gesagt auf zwei Besenborsten – geworfen wurden. „Damit schlagen wir zwei Klappen auf einmal: Mit den Besen werden die Tiere gezielt beschäftigt und ihre Sinne angeregt. Denn ihre Nahrung müssen sie sich erarbeiten“, erklärte Quinger und ergänzte: „Vor allem wegen ihres sozialen Zusammenlebens faszinieren die Erdmännchen nicht nur die jungen Besucherinnen und Besucher, sondern auch die älteren.“ Was nicht zuletzt die demenzsensible Führung zu beweisen wusste – und diese fällt schlussendlich positiv aus.

Weitere große & kleine Touren in Planung

„Die Zeit verging wirklich wie im Flug“, sagte eine Teilnehmerin, die mit einem Rollator unterwegs war, und fügte hinzu: „Das wiederholen wir am besten noch einmal, und zwar wenn die Blätter bunt sind und die Pflanzen mehr blühen.“

Sowohl die Initiatoren vom „DemenzNetz_C“ als auch Saskia Quinger waren sich nach der Führung einig: „Alle Teilnehmerinnen haben die ambitionierte und anspruchsvolle Runde durch den „Tierpark Chemnitz“ geschafft und hatten großen Spaß dabei. Es war also ein voller Erfolg.“ Neben dieser großen soll es perspektivisch auch noch eine kleine Runde geben, welche bis zum Streichelzoo geht, verriet Initiator Zeißig. „Die Rundengröße richtet sich nach den jeweiligen Fähigkeiten und motorischen Eigenschaften der Teilnehmenden.“

Tierparkleiterin Weiser: „Wir bauen damit unser pädagogisches Angebot weiter aus.“

In Chemnitz gibt es bis dato nur wenige demenzsensible Angebote. Die amtierende Tierparkleiterin Silke Weiser zeigt sich sehr erfreut darüber, dass dieses Projekt mit dem „DemenzNetz_C“ zustande gekommen ist: „Damit bauen wir unser pädagogisches Angebot um einen weiteren wichtigen Baustein aus, der sich explizit an Menschen mit Handicaps bzw. Einschränkungen richtet.“

Und der „Tierpark Chemnitz“ wirft bereits einen Blick voraus: In der diesjährigen Woche der Demenz, welche vom 20. bis 27. September 2026 stattfindet, wird in Zusammenarbeit mit dem „Botanischen Garten“ ein vielfältiges Programm mit demenzsensiblen Angeboten veranstaltet.

„DemenzNetz_C“: „Demenzerkrankte sind und bleiben Teil unserer Gesellschaft.“

Schon jetzt können individuelle Tierpark-Termine auf Nachfrage vereinbart werden – das gilt sowohl für sämtliche soziale Einrichtungen als auch für Privatpersonen mit ihren Angehörigen. Parallel arbeitet das „DemenzNetz_C“ daran, dass Führungen ebenso in anderen Einrichtungen in der Stadt Chemnitz möglich gemacht werden.

„Mit solchen spezifischen Freizeitangeboten möchten wir Menschen mit einer Demenzerkrankung einen kreativen und individuellen Zugang im Sinne der kulturellen Teilhabe ermöglichen und damit zeigen, dass sie ein Teil unserer Gesellschaft sind – und sie es auch bleiben“, bekräftigen Claudia Breutmann und Lars Zeißig und betonen an diesem Beispiel: „Mit Tieren und Pflanzen lassen sich sehr schöne Brücken in die Vergangenheit und die Zukunft bauen.“

Apropos Zukunft: Um für diese Aktion Spendengelder zu generieren, wurde jüngst eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, mit der unter anderem weitere Sitzmöglichkeiten im Chemnitzer Tierpark installiert werden sollen.

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