Wenn das Theater selbst zur Bühne wird: Kunstfestival erobert das Schauspielhaus

Fokus auf den Grenzraum zwischen Simulation und Wirklichkeit

Chemnitz

Das Kunstfestival Begehungen zieht in diesem Jahr in ein Gebäude, das seit Jahren für Diskussionen sorgt: das Schauspielhaus Chemnitz. Seit 2022 kann es wegen baulicher Mängel nicht mehr bespielt werden. Die Frage nach Sanierung oder Neubau wird in Politik und Stadtgesellschaft kontrovers verhandelt und steht längst symbolisch für größere Themen wie den Umgang mit DDR-Bauerbe und den Stellenwert von Kultur. Vor diesem Hintergrund verstehe sich das Gastspiel im Schauspielhaus auch als Einladung zur Debatte.

„Wir wollen den Raum für Diskussionen offen halten.“
Matthias DöhlerVereinsvorsitzender

Wie Wirklichkeit inszeniert wird

Inhaltlich widmet sich die 23. Ausgabe des Kunstfestivals jedoch einem noch grundsätzlicheren Thema. Unter dem Titel „IN DER VORSTELLUNG“ fragt das Festival nach den Mechanismen, mit denen Wirklichkeit hergestellt und vermittelt wird. Ein Theater sei dafür der passende Resonanzraum, denn hier werde Realität traditionell inszeniert.

Entwicklungen künstlerisch reflektieren

Doch im Zeitalter digitaler Medien, KI-generierter Bilder und beschleunigter Öffentlichkeiten verschwimmen die Grenzen zwischen Simulation und Wirklichkeit zunehmend. Demokratische Diskurse geraten unter Druck, während autoritäre und technokratische Modelle an Einfluss gewinnen. Begehungen will diese Strategien künstlerisch reflektieren und ihnen eigene, wirkmächtige Erzählungen entgegensetzen.

Open Call für internationale Künstler gestartet

Geplant sind 20 bis 25 Werke zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt. Ergänzt wird die Ausstellung durch Konzerte, Lesungen, Vorträge und Performances. Die künstlerische Leitung übernimmt die in Valencia und Gera lebende Kuratorin Claudia Tittel. Ihr Ziel: ein vielstimmiges Panorama, das Prozesse der Wirklichkeitskonstruktion sichtbar macht und zur Auseinandersetzung einlädt.

Parallel zu „Theater der Welt“

Erstmals findet Begehungen nicht im August, sondern vom 19. Juni bis 5. Juli statt – parallel zum internationalen Festival „Theater der Welt“, dem größten Festival seiner Art in Deutschland. Ab Mitte Juni werden im Rahmen von „Theater der Welt“ internationale Produktionen in der Stadt gezeigt. Beide Festivals stehen im inhaltlichen Austausch. Die bewusste zeitliche Überschneidung soll zusätzliche Aufmerksamkeit schaffen und die Debatten rund um das Schauspielhaus weiter

befeuern.

Finanzierung bleibt Herausforderung

Unterstützung kommt aus der Kulturförderung der Stadt Chemnitz sowie von regionalen Partnern wie Sparkasse, Volksbank und Coupons.de. Dennoch bleibe die Finanzierung für den veranstaltenden Verein mit Risiken verbunden. Weitere Unternehmen und Privatpersonen seien aufgerufen, das Festival durch Spenden oder Sponsoring zu unterstützen.

Mehr als 20 Jahre Festivalgeschichte

Das Kunstfestival Begehungen wurde 2003 in Chemnitz gegründet und zählt heute zu den renommiertesten Kunstevents Sachsens. Seit 2010 bespielt es jährlich wechselnde, oft verlassene Orte: ehemalige Gefängnisse, Brauereien, Kaufhallen oder ein trockengelegtes Spaßbad. 2025 war das Festival Teil des offiziellen Kulturhauptstadt-Programms und lockte 56.000 Besucher in das stillgelegte Heizkraftwerk Chemnitz-Nord.

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