Wenn die Weihnachtsblase platzt: Begegnungen auf dem Chemnitzer Weihnachtsmarkt, die nachwirken

Glühwein, Lichter und Vorfreude – und mittendrin Armut. Ein Abend auf dem Chemnitzer Weihnachtsmarkt, der zeigt, wie nah festliche Stimmung und harte Realität beieinanderliegen.

Chemnitz

Donnerstagabend, 18 Uhr: Der Chemnitzer Weihnachtsmarkt füllt sich zunehmend, die Sonne ist bereits untergegangen und es herrschen milde 8 Grad Celsius. Zwischen Weihnachtsmusik und dem Duft von gebrannten Mandeln liegt die weihnachtliche Vorfreude in der Luft.

Ein stimmungsvoller Weihnachtsmarkt

Viele treffen sich hier, um vor dem Jahreswechsel noch einmal eine gute Zeit mit Freunden, Kollegen oder der Familie zu verbringen. Manche kommen gerade vom Weihnachtsgeschenkeeinkauf und verweilen hier, der Markt in Chemnitz ist sehr einladend und schön gestaltet.

Blickt man über den Weihnachtsmarkt sieht man kleine Gruppen an Menschen, die mit strahlenden Gesichtern ihre Glühweintassen in der Hand halten. An den Essensbuden stehen teilweise Schlangen an. Das, obwohl die Preise für Essen und Trinken wieder teurer geworden sind, nicht nur in Chemnitz. Die meisten wollen sich aber ihren Weihnachtsmarktbesuch nicht nehmen lassen, kommen vielleicht dafür weniger oft hierher und überlegen genau, an welchem Stand sie ihr Geld ausgeben.

Die erste Begegnung, die aufrüttelt

Mitten auf dem Hauptmarkt, zwischen all den Leuten, läuft ein Mann, vielleicht um die 50 Jahre alt, ihm fehlen Zähne und er wirkt ein bisschen gebrechlich und dürr. „Haben Euro“, fragt er sich mit gebrochenem Deutsch durch die Passanten und Passantinnen. Viele lehnen ab und sind verdutzt. Sie haben nicht erwartet, dass mitten dort, wo Freude und Frieden suggeriert wird, diese plötzlich von Armut und traurigen Augen gestört werden könnte. Die Blase ist einen Moment zerplatzt und die Realität steht vor ihnen.

Die zweite Begegnung, die verunsichert

Nur ein paar Meter weiter in Richtung Erzgebirgsdorf: Die Menschen stehen vor der Galerie Roter Turm an den Essensständen und genießen ihr Abendessen, darunter Spiralkartoffeln, ukrainische Pelmeni, Chebureki und Schokofrüchte. Während die Menschen in Gespräche verwickelt sind und sich fleißig ihr Essen in die Münder schieben, rollt eine ältere Dame mit dunkelroter Kurzhaarfrisur und einem Rollator an. Sie spricht einige Menschen ebenfalls an: „Haben Sie einen Euro?“ Wieder schauen die Menschen verdutzt, einige geben ihr Geld, andere schicken sie weg. Die Blicke der Leute sprechen Bände, nie hätten sie vermutet, dass Menschen mitten auf dem Weihnachtsmarkt betteln gehen. Traurige Realität.

Die dritte Begegnung: Die harte Realität

Während der Mittelalterweihnachtsmarkt auf der Inneren Klosterstraße in diesem Jahr letztmalig stattfindet, und die Menschen sich es noch einmal richtig gut gehen lassen dort – sogar der Badezuber ist voll besetzt – sieht es wenige Meter weiter vorn beim Übergang zum Markt wieder etwas anders aus: Chemnitz‘ bekanntester Obdachloser hat sich unters Volk gemischt. Er bettelt nicht, das tut er nie. Doch er zieht durch sein zerlumptes Aussehen und den wirklich strengen Geruch alle Blicke auf sich. Wie muss sich dieser Mensch fühlen, der seit Jahren auf der Straße lebt und der vielleicht einfach auch dazugehören will, sonst würde er ja nicht zwischen den Ständen umherlaufen, oder?

Wie verhalte ich mich richtig? Gibt es ein „richtig“ überhaupt?

Diese Situationen zeigen Menschen, denen es nicht so gut geht, wie der breiten Masse, die von anderen schräg angeschaut werden und betteln gehen. Oft weiß man nicht, wie man sich in solchen Situationen verhalten soll, da es immer wieder Berichte gibt, dass es nicht förderlich sei, einfach Geld zu geben, wenn es doch das Einfachste wäre.

Man weiß nie, ob Menschen gezwungen werden betteln zu gehen, und andere das Geld dann einstecken oder ob sich die betroffenen Personen vielleicht sogar Alkohol und Zigaretten kaufen gehen, da psychische und physische Krankheiten meist einhergehen mit dem Leben auf der Straße.

Freude und Leid liegen nah beieinander

Auch ich weiß oft nicht, wie ich am besten handle und bin überfordert. Freunde von mir fragen die Menschen dann meistens, wofür sie das Geld brauchen und bieten an, ihnen Essen und Trinken oder Kleidung zu kaufen. So mutig bin ich meistens nicht, nur überfordert in der Situation. Ein Euro tut mir nicht weh, aber das mulmige Gefühl bleibt und gibt mir zu denken. Vielen Menschen, vor allem am Rande der Gesellschaft geht es zu Weihnachten nicht so gut.

Auch wenn die Schicksale individuell sein mögen, tun mir diese Menschen leid, weil ich oft lange über diese Begegnungen nachdenken muss. Wir leben in einem reichen Land, aber die Menschen müssen alle immer mehr kämpfen, um ihren Lebensstandard nicht zu verlieren oder überhaupt alle Rechnungen bezahlen zu können, da alles immer und immer teurer wird.

Weihnachten ist das Fest der Liebe

Mir war zwar bewusst, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer größer wird, doch an diesem Donnerstagabend habe ich es noch einmal mehr verstanden. Denn es war das erste Mal in den vielen Jahren, in denen ich in Chemnitz lebe, dass ich von gleich mehreren Personen mitten auf dem Weihnachtsmarkt um Geld gebeten wurde. Die Realität sieht manchmal nicht so besinnlich weihnachtlich aus, wie in den Schaufenstern und Werbespots, doch ist es auch eine Zeit, in der wir Menschen näher zusammenrücken sollten und helfen sollten, wenn wir können.

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