Wenn Düfte und Tiere Erinnerungen wecken: Besondere Führungen in Chemnitz

Beide städtischen Einrichtungen möchten mit demenzsensiblen Führungen auf die unsichtbare Krankheit aufmerksam machen und zeigen, wie mit Tieren und Pflanzen auf besondere Weise Erinnerungen geweckt werden können.

Chemnitz

Die „Woche der Demenz“ findet in diesem Jahr in Sachsen vom 19. bis 27. September 2026 statt. Auch in Chemnitz wird es in diesem Zeitraum wieder eine Vielzahl verschiedener themenspezifischer Veranstaltungen geben. Der Tierpark Chemnitz sowie der Botanische Garten warten dabei mit demenzsensiblen Führungen auf. BLICK-Redakteur Marcus Hengst sprach diesbezüglich mit Tierparkpädagogin Saskia Quinger und Dr. Sten Gillner, Leiter des Botanischen Gartens.

Wenn Tiere und Pflanzen ein Lächeln ins Gesicht zaubern

BLICK: „Hallo Frau Quinger, Hallo Herr Dr. Gillner, was waren Ihre ersten Gedanken, als das „DemenzNetz_C“ mit der Idee von demenzsensiblen Führungen an Euch herangetreten ist?“

Quinger: „Wir haben uns darüber im ersten Moment sehr gefreut und sofort erste Treffen vereinbart. In diesen haben wir dann überlegt, wie wir als Tierpark und Botanischer Garten zusammenarbeiten könnten. Welche Schnittstellen gibt es? Und wie können wir vielleicht Synergien erzeugen? Danach sind wir ganz schnell beim Planen und Ideen schmieden gelandet und haben überlegt, welche Möglichkeiten wir haben, um demenzsensible Führungen umzusetzen.“

Gillner: „Während Frau Quinger mit dem Thema Demenz schon allerhand Erfahrungswerte hat, ist das für mich gänzlich neu gewesen. Ich finde es aber sehr spannend, sich mit etwas zu beschäftigen, mit dem man bisher noch nicht so viel zu tun hatte. Denn so entdeckt man oftmals bestimmte Sachen, die man vorher so gar nicht wahrgenommen oder die man so vorher gar nicht gesehen hat – und so war es dann auch. Wir haben uns auf die Suche begeben, um Tiere und Pflanzen zu finden, die bei Menschen, die an Demenz erkrankt sind, möglicherweise Begeisterung und in ihnen damit freudige Erinnerungen wecken oder auch einen Blick in ihre eigene Vergangenheit öffnen können.“

BLICK: „Wie ist Euch das gelungen?“

Quinger: „Ein großer Vorteil bei der Konzeption war die Zusammenarbeit mit dem Demenz-Netz Chemnitz, das uns tatkräftig unterstützt hat und bei den Führungen mit dabei gewesen ist. Wir wussten, dass wir mit verschiedenen Methoden die Sinne kurzzeitig aktivieren können. Das funktionierte unter anderem mit den Stacheln von Stachelschweinen, die sich wie spitze Nadeln anfühlen. Dr. Gillner hat ebenfalls teilgenommen und konnte sich so einen Überblick verschaffen sowie die Erfahrungen für den Botanischen Garten gleich mitnutzen.“

Gillner: „Die Führungen im Tierpark waren im Vorfeld sehr lehrreich für uns. So haben wir ein gutes Gespür für die Umsetzung erhalten. Im Botanischen Garten haben wir dann den Fokus auf das Riechen gerichtet. Der Geruchssinn ist ja unser ältester Sinn, den wir haben – und diesen kann man ganz leicht mit Pflanzen, aber ebenso mit Samen, Blättern und Blüten ansprechen. Ich muss sagen, das hat wunderbar funktioniert. Bestimmte Gemüsearten und Kräuter wurden sofort erkannt und haben bei den demenzerkrankten Menschen ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Weil sie sich wieder daran erinnern konnten, was sie einst im eigenen Garten angebaut hatten.“

„Wir haben beste Voraussetzungen, Sinne anzusprechen und Erinnerungen zu wecken.“

BLICK: „Hand aufs Herz: Wie schwer ist es gewesen, in die Erinnerung demenzerkrankter Menschen vorzudringen?“

Gillner: „Ich war mir ziemlich sicher, dass wir mit unseren Pflanzen und der Tierpark mit seinen Tieren beste Voraussetzungen haben, Sinne anzusprechen und Erinnerungen zu wecken – und um genau das zu schaffen, haben unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen eine kleine Weiterbildung absolviert, um Menschen mit einer Demenzerkrankung betreuen und eben auch begeistern zu können. Ich denke, vielen ist gar nicht bewusst, dass es oft die kleinen Dinge im Leben sind, die Menschen begeistern. Das gelingt bereits mit alltäglichen und einfachen Mitteln. Was ich gelernt habe: Demenzerkrankte Menschen haben die Fähigkeit, im Moment zu sein und Dinge zu sehen, die wir als gesunde Menschen im Stress, in der Hektik des Alltags zumeist übersehen. Sie nehmen sich Zeit, um etwas zu riechen, zu fühlen, zu beobachten.“

BLICK: „Sowohl im Tierpark Chemnitz als auch im Botanischen Garten fanden bereits demenzsensible Führungen statt. Wie fallen Fazit und Resonanz aus?“

Quinger: „Diese sind auf eine sehr gute Resonanz gefallen. Wir selbst sind mit den ersten Führungen sehr zufrieden – und lernen mit jeder etwas dazu und entwickeln uns natürlich weiter. Was funktioniert gut? Was lassen wir aus zeitlichen Gründen lieber weg? An welcher Station lohnt es sich hingegen, länger zu verweilen? Und daraus entstehen weiterhin neue Ideen. Letztlich ist das ein gemeinsamer Weiterentwicklungsprozess.“

Gillner: „Ich hatte natürlich auch einen Programmablauf im Kopf, wie die demenzsensible Führung vonstatten gehen soll. Aber dann treten spontan schöne Sachen auf, an die man vorher gar nicht dachte, aber die auf einmal wunderbar funktionieren und perfekt ins Konzept passen. Und auch wir haben die Erfahrung gemacht, sich für bestimmte Dinge mehr Zeit zu nehmen. Wie zum Beispiel für das Streicheln des Schildkrötenpanzers. Was ich gemerkt habe: Weniger ist hier oft mehr und tatsächlich besser als ein vollgepacktes Programm.“

Quinger: „Das kann ich nur bestätigen. Ähnliche Erfahrungen haben wir auch im Tierpark – beispielsweise bei einer Tierfütterung – gemacht. Als ein Mann, bei dem die Demenzerkrankung schon sehr weit vorangeschritten ist und der nur noch ganz wenig Aktivität zeigt, eine Ziege gefüttert und gestreichelt hat, wurden auf einmal Emotionen und Erinnerungen geweckt. Das sind – und ich spreche da sicherlich auch für Dr. Gillner – für uns die Highlights solcher Führungen. Glückliche Gesichter sind Gold wert.“

Wenn Papa und Mama wieder Geschichten erzählen

BLICK: „Das Lächeln der Betroffenen ist also das schönste Geschenk?“

Gillner: „Eindeutig! Für mich ist das Positivste, wenn demenzerkrankten Menschen die pure Freude ins Gesicht geschrieben steht. Unabhängig davon, womit wir arbeiten, ob mit Duft oder dem Befühlen von Pflanzen, tauen sie in genau diesem Augenblick für einen kurzen Moment aus ihrer Demenz auf und sind einer positiven Grundstimmung beseelt. Bei einer demenzsensiblen Führung geht es vor allem darum, die Betroffenen ehrlich und empathisch dabei zu begleiten.“

Quinger: „Weil Du das Lächeln im Gesicht der Betroffenen angesprochen hast. Gleiches habe ich auch bei den Angehörigen gesehen, die sich sehr darüber gefreut haben, dass der Papa oder die Mama auf einmal wieder deutlich aktiver war, und anfingen, Geschichten aus der Vergangenheit zu erzählen. Von den Pflegekräften haben wir ebenso ein positives Feedback sowie die Bitte um Wiederholung erhalten. Vorher standen weder der Tierpark noch der Botanische Garten weit oben auf der Ideenliste, doch jetzt sind wir mit der demenzsensiblen Führung noch einmal in einen ganz anderen Fokus gerückt worden, was uns natürlich sehr freut.“

BLICK: „Und damit macht ihr nun weiter: Denn in der „Woche der Demenz“ finden im Tierpark Chemnitz und im Botanischen Garten die nächsten demenzsensiblen Führungen statt. Was steht bei diesen im Mittelpunkt? Und wie können sich Interessenten dafür anmelden?“

Gillner: „Bei uns im Botanischen Garten finden zwei Führungen statt. Die erste steht unter dem Motto „Wenn Pflanzen Erinnerung wecken – Eine duftende Gartenführung“. Bei der zweiten geht es vor allem darum, die Natur mit allen Sinnen zu erleben. Ermöglichen werden wir das mit einem Tastpfad und unterschiedlichen Naturmaterialien. Beide dauern 90 Minuten und wir bitten um Anmeldung. Die bisherigen Führungen haben uns gelehrt, dass die ideale Gruppengröße bei 20 Personen liegt.“

Quinger: „Das kann ich nur bestätigen, 20 Personen sind eine gute Zahl, um individuell auf die Teilnehmenden einzugehen. Bei uns im Tierpark gibt es ebenfalls zwei anmeldepflichtige Veranstaltungen. Neben der klassischen demenzsensiblen Führung gibt es außerdem eine Informationsveranstaltung für Anbieter aus Pflege, Betreuung und Begleitung von Menschen mit Einschränkung. Da wir gern auch jene Menschen mit Demenz ansprechen möchten, die aktuell von keinem Träger oder Dienst, sondern von Angehörigen betreut werden, haben wir uns weiterhin für eine offene Mitmachstation entschieden. Hierfür ist keine Anmeldung erforderlich.“

BLICK.de bedankt sich für das ausführliche und aufschlussreiche Interview!

Alle Informationen zu den Angeboten in der „Woche der Demenz“ im Tierpark Chemnitz und dem Botanischen Garten können Sie dem ONLINE-Flyer entnehmen!

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