Kriminalität beschäftigt viele Menschen – in den Nachrichten, in politischen Debatten und im eigenen Alltag. Doch wie sicher ist eine Stadt tatsächlich? Und wie sehr unterscheidet sich das persönliche Gefühl von der objektiven Kriminalitätslage? Mit diesen Fragen beschäftigt sich das Zentrum für kriminologische Forschung Sachsen (ZKFS). Beim Kosmos in Chemnitz will das Institut mit den Besuchern darüber ins Gespräch kommen.
Zentrum für kriminologische Forschung Sachsen hat seinen Standort in Chemnitz
Das Zentrum für kriminologische Forschung Sachsen wurde im Januar 2021 gegründet und hat seinen Sitz in Chemnitz. Es ist eine unabhängige und interdisziplinäre Forschungseinrichtung und wird durch sächsische Landesmittel gefördert, derzeit aus dem Haushalt des Sächsischen Staatsministeriums der Justiz. Die Forschungseinrichtung beschäftigt sich mit Kriminalität als gesellschaftlichem Phänomen. Seit Ende 2021 ist das ZKFS zudem An-Institut der Technischen Universität Chemnitz.
Insgesamt arbeiten derzeit 17 Personen am ZKFS, darunter wissenschaftliche Mitarbeiter aus den Bereichen Psychologie, Soziologie und Kriminologie, Mitarbeiter der Verwaltung sowie studentische und wissenschaftliche Hilfskräfte. Zum Team gehören außerdem die beiden Hunde Emmy und Betty.
Was Kriminologie eigentlich bedeutet
Kriminologie ist wortwörtlich die Lehre vom Verbrechen. Sie wird von Kriminologen betrieben, die Kriminalität als soziales und rechtliches Phänomen untersuchen. Anders als vielleicht viele vermuten: Kriminologen arbeiten nicht aktiv an der Lösung konkreter Kriminalfälle.
„Kriminolog:innen interessieren sich dafür, wie Kriminalität gemessen wird und worauf Polizei und andere Behörden ihren Fokus legen sollten. Außerdem untersuchen sie, wie sich Kriminalität entwickelt und wie sie in der Gesellschaft wahrgenommen wird. Eine klassische, häufig verwendete Definition der Kriminologie stammt von Edwin Sutherland: Die Kriminologie ist ein Wissensgebiet, das sich mit Kriminalität als sozialem Phänomen befasst. Sie befasst sich mit der Entstehung von Gesetzen, dem Verstoßen gegen Gesetze und der Reaktion auf das Verstoßen gegen Gesetze. Heute wird der Gegenstand meist weiter gefasst: Das Fach untersucht abweichendes Verhalten allgemein, also auch dann, wenn kein Gesetz gebrochen wurde, sowie die Frage, wie Kriminalität wahrgenommen, zugeschrieben und bewertet wird. Zu diesen Reaktionen gehören auch die Institutionen, die mit Kriminalität befasst sind. Die Kriminologie untersucht deshalb, wie Polizei, Justiz und Gefängnisse organisiert und verwaltet werden und wie wirksam einzelne Maßnahmen tatsächlich sind, etwa Angebote zur Resozialisierung von Straftäter:innen.“
Woran das ZKFS konkret forscht
Die Themen sind vielfältig: Das ZKFS untersucht unter anderem die Kriminalitätsfurcht und Kriminalitätswahrnehmung in der Gesellschaft sowie die mediale Kriminalitätsberichterstattung. Außerdem wird zur Wahrnehmung von Straftätern in der Gesellschaft, zur Rolle von Arbeit im Strafvollzug und zur beruflichen Wiedereingliederung ehemaliger Strafgefangener geforscht. Das sind nur ausgewählte Beispiele aus der Arbeit des Instituts. Weitere laufende und abgeschlossene Projekte sind auf der Internetseite des ZKFS zu finden.
Ein Thema steht derzeit besonders im Fokus
Besonders stark beschäftigt das Institut derzeit die Kriminalitätsfurcht in der Gesellschaft und die Wahrnehmung von Kriminalität in der Öffentlichkeit. Das ZKFS möchte erforschen, wie Menschen in Deutschland Kriminalität wahrnehmen und welche Faktoren Angst vor Kriminalität beeinflussen. Um diese Fragen zu beantworten, hat das Institut nach eigenen Angaben die bislang umfangreichste Langzeitbeobachtung zur Entwicklung von Kriminalitätsfurcht in Deutschland durchgeführt. Die Erkenntnisse zu Ursachen und Folgen von Kriminalitätsfurcht können laut ZKFS dazu beitragen, eine faktenbasierte öffentliche Wahrnehmung von Kriminalität zu fördern.
Infostand beim Kosmos Festival 2026
Eine ihrer zentralen Forschungserkenntnisse wollen sie auch beim Kosmos weitergeben: Die Wahrnehmung von Kriminalität wird von vielen Faktoren beeinflusst und stimmt nicht zwangsläufig mit der tatsächlichen Kriminalitätsentwicklung überein. Das gilt aus Sicht des ZKFS auch für Chemnitz. Die Stadt werde häufig mit Kriminalität in Verbindung gebracht – besonders von Menschen, die selbst wenig Bezug zu Chemnitz haben.
„Menschen beurteilen Orte tendenziell negativer, wenn sie diese aus ihrem eigenen Alltag wenig kennen. Wer sich dagegen in der eigenen Gemeinschaft oder Nachbarschaft engagiert, erlebt dieses Zusammenleben häufig deutlich friedlicher, als es abstrakte Vorstellungen von Unsicherheit vermuten lassen. Gerade deshalb ist es wichtig, Kultur, Begegnung und insgesamt das Zusammenkommen von Menschen zu fördern.“
Ins Gespräch kommen
Beim Kosmos möchte das ZKFS genau solche Begegnungen ermöglichen. Am Stand können Besucher Forschungsberichte und Ergebnisposter ansehen, sich über die Arbeit des Instituts informieren und mit den Forschenden ins Gespräch kommen. Dazu gibt es interaktive Formate und Filme.
Besonders gut kam im vergangenen Jahr nach Angaben des Instituts ein selbst entworfener Statistik-Beutel an. Auf dem Jutebeutel ist eine Statistik aus der Langzeitstudie zur Kriminalitätsfurcht abgebildet. Sie zeigt, wie sich die subjektive Wahrnehmung von Kriminalität von ihrer objektiven Entwicklung unterscheiden kann.
Auch 2026 will das Institut deshalb wieder zeigen, was hinter kriminologischer Forschung steckt – und vor allem mit den Menschen in Chemnitz darüber sprechen, wie sicher sie sich fühlen und wie sie Kriminalität wahrnehmen.
BLICK.de: Warum ist es wichtig, wissenschaftlich über Kriminologie / Kriminalität zu sprechen?
„Wenn in der Öffentlichkeit über Kriminalität gesprochen wird, geht es selten nur um Zahlen und Fakten. Mindestens genauso wichtig ist, wie Menschen Kriminalität wahrnehmen – und diese Wahrnehmung wird stark von Gefühlen beeinflusst: Angst vor Bedrohung, Misstrauen gegenüber Institutionen oder auch ideologische Überzeugungen spielen dabei eine große Rolle. Wie genau diese individuellen und gesellschaftlichen Faktoren zusammenwirken und die öffentliche Wahrnehmung von Kriminalität in Deutschland prägen, ist bisher wenig erforscht. Genau hier setzt das ZKFS an: Als einzige kriminologische Forschungseinrichtung in Sachsen untersuchen wir sowohl die tatsächliche Kriminalitätsentwicklung als auch wie sie wahrgenommen wird“, erklärt eine wissenschaftliche Mitarbeiterin.
Diese Initiativen sind ebenfalls beim Kosmos dabei:
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