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Wie Technik und Digitalisierung auch die Musik verändert haben - Meilensteine

TECHNOLOGIETRÄGER MUSIK. Auffallend häufig, wenn elektronische oder digitale Neuerungen ersonnen wurden, spielte auch Musik eine Rolle. Eine Zeitreise zu den wichtigsten Epochen und Erfindungen.

Wer an die Digitalisierung denkt, dem kommt meist das Smartphone in den Sinn. Weitere Bereiche sind der Onlinehandel, Streamingdienste, neuerdings auch für Spiele oder schlaue Haushaltshelfer wie Smart Speaker. Was jedoch viele dabei vernachlässigen, ist die Musik - sowohl hinsichtlich der Instrumente wie dem Musizieren, der Art des Konsums und wie damit Geld verdient wird. Denn tatsächlich kann Musik in Anspruch nehmen, eine elektronische und digitale Vorreiterrolle gespielt zu haben, lange bevor Fernsehen, Radio und Computer nachzogen - oder überhaupt erfunden wurden. Wichtige Meilensteine dieses Wegs zeichnet der folgende Artikel nach.

1. Überirdische Klänge via Telefon - der Streaming-Prototyp

Streaming ist eine typische Entwicklung des Digitalzeitalters. Das Prinzip ist durch das Internet und seine Verbreitung erst möglich geworden. Strenggenommen ist Streaming folgendes:

  • Die Übertragung eines medialen Inhalts,
  • der bereits konsumiert werden kann, während die Übertragung stattfindet und
  • der nur von einer begrenzten Zielgruppe empfangen werden kann.

Vor allem der dritte Punkt unterscheidet Streaming vom Rundfunk.
Doch diese Erklärung ist nur die Grundvoraussetzung, um die Tragweite dieser ersten Erfindung zu erkennen: 1896 erfand der Physiker Thaddeus Cahill das sogenannte Telharmonium. Ein über 200 Tonnen schweres Instrument, das als erster analoger Synthesizer gelten kann. Bereits das würde für einen Eintrag in diesem Artikel genügen. Was das Telharmonium doppelt würdig macht, ist das Anfang der 1900er damit verbundene Prinzip:

Das Instrument stand in New Yorker Telharmonic Hall, einem edlen Konzertsaal. Doch wo damals üblicherweise nur Anwesende die Live-Musik genießen konnten, ging der Visionär Cahill deutlich weiter: In einer Zeit, in der Hörfunk kaum mehr als ein Experiment war (die erste Radiosendung wurde an Weihnachten 1906 ausgestrahlt), übertrug Cahill den Telharmonium-Sound via Telefon. Für 25 Cent pro Stunde konnten Abonnenten die sogenannte Tap Music (Tap = Wasserleitung) genießen. Um die Hörmuschel wurde ein Papptrichter als Verstärker gewickelt. Es gab sogar die Wahl aus vier Programmen - Klassik, religiöse Musik, Ragtime und zeitgenössische Tanzmusik.

Wer sich nun fragt, warum sowohl Instrument wie Prinzip sich nicht durchsetzen konnten: Es gab dramatische Interferenzen. Auch Nicht-Abonnenten hörten die Musik störenderweise im Telefon. Zudem war das Telharmonium so groß, schwer und teuer, dass es wirtschaftlich langfristig nicht überzeugen konnte. 

2. Der Urschrei des Rock'n'Roll

Drahtumwickelte Magneten, welche die Vibrationen stählerner Saiten in elektrische Impulse umwandeln. So simpel diese Technik auch ist, so gigantisch war ihr Einfluss auf die weitere Entwicklung der Musik. (stock.adobe.com © Sergey)

Gibt es eine einzelne Erfindung, die den Scheideweg von analogen Instrumenten zu elektronisch verstärkten markiert und damit als weichenstellend für die Digitalmusik gilt? In der Tat. Es dürfte kaum verwundern, dass sie auch heute noch in einem Instrument steckt, das unverbrüchlich mit der Entwicklung des Rock'n'Roll und sämtlicher davon abgeleiteter Stile zusammenhängt: der E-Gitarre.

Über Jahrhunderte hatten Gitarristen das Problem, sich vor allem gegen Blechblasinstrumente kaum durchsetzen zu können. Es fehlte schlicht an einer Möglichkeit, den Klang des Instruments hinreichend zu verstärken. Besonders dringlich wurde das Problem, als sich nach dem Ersten Weltkrieg Bigband-Musik entwickelte. Bei dieser gingen die Gitarren teilweise völlig unter.

Dann kam das Jahr 1925. Wie zahllose Kollegen war auch der Gitarrist George D. Beauchamp von diesem Nachteil frustriert. Doch er war er ein Tüftler. Der Gedankenblitz überkam ihm, als er sich mit dem Funktionsprinzip des damals brandneuen elektronischen Plattenspielers auseinandersetzte - dem Nachfolger des Grammophons.

Schnell hatte Beauchamp ein solches Gerät zerlegt und hielt das wichtigste Bauteil in seinen Händen: Eine Magnetspule. Sie wandelte Vibrationen der Tonabnehmernadel in elektronische Signale um. Im nächsten Schritt baute Beauchamp sich eine Gitarre mit massivem Korpus. Diese bespannte er mit Metallsaiten, befestigte die Spule, verband alles mit einem Lautsprecher - und hatte so nicht nur den instrumentalen Tonabnehmer erfunden, sondern auch die Solid-Body-Gitarre und damit den Urvater aller E-Gitarren.

Und nicht nur das: Die im folgenden Schlag auf Schlag verlaufende Weiterentwicklung dieser ersten E-Gitarren führte bereits Mitte der 1930er dazu, dass der echte "Urschrei" des Rock'n'Roll getätigt werden konnte: Eddie Durham spielte das erste aufgezeichnete E-Gitarrensolo der Weltgeschichte ein.

https://www.youtube.com/watch?v=V_JimSuysoE

3. Fremde Instrumente am Klavier

Dass heute, wenn ein Pianist in die Tasten greift, nicht unbedingt der Klang von Klavier- und Pianosaiten ertönen muss, ist Normalität. Doch bereits das Telharmonium zeigt, wie schwierig es war, derartiges vor Erfindung von Röhren, Halbleitern und gespeicherten Klang-Samples zu bewerkstelligen - wobei der Wunsch schon lange bestand, um Musik vielfältiger und variabler zu machen.

Was wir heute als Digitalpiano kennen, ist dementsprechend nur das Ergebnis einer sehr langen Entwicklung. Deren zentraler Meilenstein entstand in den frühen 1930ern. Damals erarbeitete der Physiker, Chemiker und zu dem Zeitpunkt bereits nobelpreisgekrönte Walther Nernst zusammen mit Siemens und dem Instrumentenbauer Bechstein einen speziellen Flügel.

Auch dieser arbeitete nach dem altbekannten Prinzip: Die Tasten setzten Hämmer in Bewegung, die auf Saiten schlugen. Dort setzte die Innovation an: Magnetische Tonabnehmer nahmen diese Schwingungen auf und leiteten sie an einen Röhrenverstärker weiter.

Dieser Aufbau ermöglichte nicht nur eine Lautstärkeregulierung, sondern auch eine Klangmodulation - erstmals klang ein Flügel nicht nur wie ein Flügel, sondern konnte auch wie ein Cembalo oder ein Celesta klingen. Für heutige Verhältnisse vielleicht keine große Bandbreite; damals jedoch war der Neo-Bechstein revolutionär.

4. Von Kraftwerken, Krautrockern und Mandarinenträumen

Klänge, die sich keinem bekannten Instrument zuordnen ließen. Das vermochten neben dem Telharmonium zahlreiche andere Instrumente der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts - etwa das berührungslos spielbare Theremin.

Doch ist technische Entwicklung nur das eine. Musikalische Experimentierfreude trug ebenfalls dazu bei, die Möglichkeiten solcher Erfindungen auszuloten. Dafür waren die 1960 und -70er auch musikalisch maßgeblich - nicht nur in Sachen Rockmusik, sondern generell der Erkundung neuer Klanghorizonte.

Besonders stark war dieser Gedanke in West-Deutschland und -Berlin ausgeprägt. Hier entstand Ende der 1960er ein besonders experimentelles und entsprechend vielfältiges Genre namens Krautrock. Zwar gehörten viele tatsächlich "rockige" Elemente dazu, maßgeblich war jedoch die Gemeinsamkeit aller Beteiligten, jenseits dieser Limitierungen zu agieren.

Das führte dazu, dass viele Krautrocker mit elektronischen Klängen experimentieren, was wiederum die Initialzündung für zwei neue Musikströmungen lieferte:

  • Die Berliner Schule. Sie stützte sich auf Synthesizer, ausgedehnte Songs und sphärische Klänge und kann deshalb als elektronische Erweiterung des damals zeitgenössischen Hard- und Progressive-Rock gelten.
    Ihr bekanntester Vertreter war die West-Berliner Gruppe Tangerine Dream (= Mandarinentraum).
  • Die Düsseldorfer Schule. Sie stützte sich ebenfalls auf Synthesizer, war aber weit weniger sphärisch. Es wurde auf "technische" und "industrielle" Klänge gesetzt. Auch hier gab es mehrere Vertreter; die bekanntesten Düsseldorfer "Schüler" sind jedoch Kraftwerk.

Zusammen ergaben diese den Vorschub von etwas völlig Neuem - der elektronischen Musik und damit die klanglich erste wirklich "digitale" Musik.

https://www.youtube.com/embed/hWUiLJnEYJI?feature=oembed

5. Der Einzug in die digitale Aufnahmetechnik

Musik war nun digital und elektronisch geworden. Gespeichert und abgespielt wurde sie jedoch weiterhin auf zwei ausnehmend analoge Weisen: Schallplatte und Magnetband.

Sicherlich wäre es vermessen, dem Aufkeimen elektronischer Musik eine Lenkungsfunktion bei der Entwicklung digitaler Speicher- und Abspielmedien zu geben; allerdings lässt sich kaum von der Hand weisen, dass beides passenderweise sehr zeitgleich erfolgte.

Über die 1970er hatten mehrere Elektronikkonzerne damit experimentiert, Musik- und Videodaten optisch aufzuzeichnen. Das Problem dabei war ein grundlegendes: Die Grundprinzipien, um analoge in digitale Signale und wieder zurück zu wandeln, mussten erst ersonnen werden.

Als dies bewerkstelligt war, kristallisierten sich zwei Unternehmen als Vorreiter heraus, Sony und Philips. Beide entwickelten zeitgleich einen scheibenförmigen Datenträger, der per Laser abgetastet wurde. Für Musik waren beide Modelle allerdings viel zu voluminös und fassten mehr als einen halben Tag Audiodateien.

Das sorgte dafür, dass sich Sony und Philips kooperierten. Ihr Ziel: Die gemeinsame Entwicklung eines einheitlichen, standardisierten Kompakttonträgers. 1980 war es soweit: Eine 120 Millimeter durchmessende, auf der Unterseite silbrig schimmernde Scheibe mit vereinheitlichter Kodierung und einer Spieldauer von 74 Minuten. Ein digitales Medium für ein längst angebrochenes digitales Zeitalter. 

Erst dank der CD wurde nicht nur die Musik an sich digital, sondern auch ihr Abspeichern und anschließendes Abspielen. (stock.adobe.com © Vastram)

6. Herr Musmann entfacht eine Weltrevolution

Die CD war deshalb so wichtig, weil sie völlig digital arbeitete. Für Musik, wie sie heute besteht, war jedoch die nächste Erfindung noch maßgeblicher. Erst sie ermöglichte es, gänzlich auf einen physischen Datenträger als Transportmedium zwischen Musikanbieter und -zuhörer zu verzichten.

Ab 1982 arbeitete am Fraunhofer-Institut ein Team um den Elektrotechniker Hans-Georg Musmann an einer damals revolutionären, aus heutiger Sicht bahnbrechenden Aufgabe: Die Entwicklung eines digitalen Datenformats, welches die Eigenschaft des menschlichen Gehörs nutzt, bestimmte Frequenzen nicht zu hören, wenn andere Frequenzen gleichzeitig erklingen.

Stark vereinfacht: Dadurch kann es mit dem richtigen digitalen Format gelingen, ein Musikstück auf wesentlich weniger Speicherplatz unterzubringen, als normalerweise nötig wäre.

Die Schwierigkeit für das Team bestand darin, eine Kompressionsmethode zu entwickeln, die wirklich nur jene Frequenzen "abschnitt", die unhörbar waren. Viele Forscher waren zuvor daran gescheitert. Auch die deutsche Gruppe arbeitete einen Großteil der 1980er daran. Dann war es jedoch 1991 geschafft: MPEG-1 Audio Layer III wurde offiziell präsentiert - doch erst vier Jahre später wurde der heutige Name aufgrund des offiziellen Dateikürzels festgelegt: .mp3.

Was Herr Musmann und seine Kollegen allerdings wohl nicht im Sinn hatten ist das, was ihre Entwicklung letztendlich auslöste.

7. Der Flächenbrand der Digitalmusik

Gedacht war die MP3-Technologie, um Speichermedien kleiner und somit günstiger machen zu können. Leider kam sie jedoch zu einer Zeit, in der das Internet gerade Fahrt aufnahm. So wurden die im Vergleich zu unkomprimierten CD-Musikdateien um den Faktor sieben bis neun kleineren MP3-Dateien zu dem Medium, um über damalige Internet-Bandbreiten versendet zu werden.

Was klein begann, wurde rasch zu einer Lawine, die beinahe die gesamte Musikindustrie begraben hätte:

  • Günstige PCs,
  • Modems oder ISDN-Anlagen,
  • Software-Tools, um CD-Stücke in MP3s umzuwandeln,
  • Filesharing-Börsen,

waren das Quartett, das es jedem ermöglichte, eine CD an Hunderttausende zu verteilen und der Musikindustrie ebenso viele potenzielle Kunden wegzunehmen. Auch graphisch ist das Debakel deutlich sichtbar: Ab der Jahrtausendwende sanken die Umsätze der deutschen Musikindustrie ins Bodenlose - nicht anders sah es in den USA und anderen Nationen aus. Eine Katastrophe sondergleichen, die das Zeug hatte, kommerzielle Musik völlig zu ruinieren.

8. Wie Steve Jobs die Musikbranche rettete

Zigtausende Songs im hosentaschengerechten Format. Diese Entwicklung hatte die Musikindustrie um die Jahrtausendwende schlicht nicht mitbekommen - und strauchelte deshalb enorm. (stock.adobe.com © fotofabrika)

Anfang der 2000er war die Szene deshalb in hellem Aufruhr. Hilferufe an die Politik wurden gesendet, Filesharing-Börsen verboten, Menschen wegen Urheberrechtsverletzungen angeklagt - was teilweise erst nach Gesetzesänderungen möglich war, die auch das Internet abdeckten.

Das Kernproblem blieb indes bestehen: Die Internet-Revolution war längst da, aber die Musikindustrie hatte die Entwicklung eines Vertriebsmodells für diese neue Welt schlicht verschlafen. Zu diesem Zeitpunkt gab es ausschließlich illegale Methoden, Musik digital zu beziehen. Es wundert deshalb nicht, dass der Retter nicht aus der Musikbranche stammte, sondern aus der digitalen: Apple unter der Führung von Steve Jobs.

2003 lancierte das Unternehmen den iTunes Store als Erweiterung des zwei Jahre zuvor veröffentlichten Verwaltungs- und Abspielprogrammes iTunes. Damit gab es nun erstmals eine legale Möglichkeit, Musik zu downloaden. Schon zum Start waren fünf große Musiklabel dabei, über die kommenden Jahre wurden es immer mehr.

Dabei darf man Steve Jobs zugutehalten, dass er gleich zwei Dinge bewirkte:

  1. Er schuf eine legale Möglichkeit des Musikkaufs ohne physischen Datenträger.
  2. Er stieß ein Umdenken an, dass das Internet nicht nur aus Kostenlos-Kultur bestehen kann.

Zwar sanken die Umsätze der Musikindustrie noch bis 2015; dann jedoch war der Tiefpunkt erreicht - so lange dauerte der digitale Reformationsprozess. Die Musikindustrie wurde dadurch gerettet, allerdings gab es auch ein Opfer, das kurz zuvor so wichtig für den Aufstieg der digitalen Musik gewesen war.

9. Der Untergang des Lasers und die Renaissance der Nadel

Die CD war mit ihrer klanglichen Brillanz und ihrer Kompaktheit maßgeblich dafür verantwortlich, dass die Branchenumsätze seit den frühen 1980ern bis zum Ende des Jahrtausends auf ein Allzeithoch geklettert waren. Doch so hochkarätig sie klingt, sie passt nicht mehr in diese zunehmend digitale Welt.

Durch den vom iTunes Store eingeleiteten Paradigmenwechsel und mit dem Aufkommen zahlloser weiterer digitaler Vertriebsmodelle wurde es immer weniger notwendig, überhaupt noch ein eigenes physisches Speichermedium zu nutzen. MP3-Player, USB-Sticks, das Smartphone können nicht nur mehr, sie sind auch wesentlich kompakter als selbst der kleinste Taschen-CD-Spieler. Daran änderte es auch nichts, dass auch CDs mit komprimierten Musikdateien bespielt werden können - als die ersten günstigen Geräte die 650 Megabyte Speicherkapazität einer CD übertrafen, waren sie auch an diesem Punkt zur Alternative geworden.

Um die Jahrtausendwende wurden allein in den USA rund 900 Millionen Alben auf CD verkauft. 2019 war dies auf 46,5 Millionen Stück gesunken; ein Wert, der zuletzt Mitte der 1980er durchschritten wurde, als die CD sich gerade erst im Aufwind befand.

So, wie sich in nur wenigen Haushalten noch Kassettenspieler befinden, geht es immer stärker auch der CD: Der USB- oder AUX-Anschluss hat sie bei vielen Geräten ersetzt. Als letzte "Bastion" ist bei vielen noch der DVD- oder Blu-Ray-Player vorhanden, der auch Musik-CDs abspielen kann. Dennoch sieht die Zukunft der CD düster aus.

Was man allerdings von ihrem direkten Vorgänger keineswegs behaupten kann, der Vinyl-Schallplatte: Seitdem die CD aufkam, sanken die Verkaufszahlen von Schallplatten immer mehr. Ab der Jahrtausendwende war es zumindest in der Mainstream-Musik im höchsten Maß unüblich geworden, Alben auch auf Vinyl herauszubringen. Es mutet daher fast ironisch an, dass die "Platte" sich ausgerechnet im Bereich der elektronischen Musik eine Nische bewahren konnte - weil sie es auch live recht simpel ermöglicht, Klänge via Mischpult zu kombinieren und so für Elektro-DJs ein wichtiges Arbeitsmittel darstellt.

Aus diesem Refugium heraus schaffte die Schallplatte in den vergangenen zirka zehn Jahren ein beachtliches Comeback: Platten sind keine Exoten mehr, werden immer stärker verkauft und haben in den USA 2019 die CD bei den Umsätzen überholt. Interessanterweise auch bei einer jungen Generation der Digital Natives, die kaum nostalgischen Beweggründe ins Feld führen können. 

Als Grund verorten Experten deshalb etwas anderes: Der Wunsch, in einer zunehmend digitalisierten Welt etwas analogen Charme zurückzubringen. Musik als weltumspannende Lingua Franca scheint dafür ein besonders geeignetes Medium - und dank digitaler Prozessierung ist das einst so störende Rauschen und Knarzen der durch die Rillen kratzenden Nadel bei modernen Abspielgeräten kaum noch ein Thema. 

10. Und heute?

Das Comeback der Schallplatte hat auch mit der Über-Digitalisierung zu tun. Es zeigt, dass Musik weiterhin ein proimär emotionales Thema ist, bei dem "technischer" nicht zwingend gleich "besser" ist.  (stock.adobe.com © Chepko Danil)

Heute ist die Musikwelt dennoch digitaler denn je. In fast sämtlichen Sparten haben Elektronik und/oder Digitaltechnik Einzug gehalten - selbst ein Konzert mit einer klassischen analogen Gitarre kommt heute kaum noch ohne zumindest ein angestecktes Mikrofon aus. In vielen Sparten der Musikproduktion sind synthetische Klänge, Midi-Dateien und Ähnliches längst zur festen Größe geworden.

An diesem Punkt schließt sich deshalb auch der Kreis: Heutzutage ist es vielfach einfacher und günstiger geworden, auf digitalem Weg die Klänge eines analogen Instruments zu reproduzieren - wo es früher darum ging, den umgekehrten Weg von Sounds zu finden, die möglichst nicht analog klangen.

Zusammenfassung

Seitdem Menschen erstmalig jenen sphärischen Klängen eines Telharmoniums auf fast gleiche Weise lauschen durften wie es ihre entfernten Nachkommen heute über Spotify und Co. tun, haben Elektronik und Digitaltechnik die Musik immer schon im Griff. Der Musik an sich hat das nie geschadet, diese befand sich schon immer in einem steten Wandel - auch wenn die Künstler und die ganze Branche sich nach wie vor und wohl auf künftig mit stark gesunkenen Einnahmen begnügen müssen.

Doch auch das wird die Szene überstehen. Denn mit jeder weiteren digitalen Entwicklung wird auch Musik profitieren - und wie ehedem wohl auch zukünftig immer ganz vorne mit dabei sein, wenn es darum geht, eine neue Technik salonfähig zu machen.