Nachdem bekannt wurde, dass der Tiergarten Nürnberg in Erwägung ziehe, etwa 20 seiner Guinea-Paviane zu erschießen, da die Population für die Anlage zu groß geworden ist, hagelt es massive Kritik aus der Öffentlichkeit. (BLICK.de berichtete)
Man habe alles versucht, um die Tiere woanders unterzubringen, jedoch keine andere Lösung aktuell parat. Zwei Auffangstationen hatten in den vergangenen Monaten Kontakt zum Tiergarten aufgenommen, um die Tiere eventuell zu übernehmen. Bislang war es nicht zu einer Einigung gekommen.
Schwere Vorwürfe von Influencer Robert Marc Lehmann
Umweltschützer, Meeresbiologe und Youtuber Robert Marc Lehmann hatte sich, nach neuesten Entwicklungen zum Thema, in den vergangenen Wochen als Vermittler zwischen den Parteien eingeschaltet, um Aufmerksamkeit auf den Fall zu lenken und die Tiere in einer Auffangstation in Großbritannien, die Interesse an den Tieren bekundet hatte, unterzubringen und gleichzeitig schwere Vorwürfe an den Tiergarten Nürnberg geäußert. "Die Paviane werden am Ende sterben, weil der verdammte Zoo es so will", hatte er in seinem Video gesagt.
Beurteilung zur Abgabe der Paviane aktuell nicht möglich
Nun hat sich der Tiergarten am Mittwoch, 16. Juli, auf BLICK.de-Anfrage zu den Vorwürfen Lehmanns positioniert. Demnach habe der Tiergarten den Direktor des WAMS (Wales Ape and Monkey Sanctuary) - eine Auffangstation für Affen in Wales, die ein Angebot einer mögliche Aufnahme der überzähligen Tiere bekundet hatte - Graham Garen, diesen Monat "nochmals" per E-Mail kontaktiert und eine Antwort in Aussicht gestellt bekommen.
"Bisher liegen dem Tiergarten keine direkten Informationen von Seiten der Institution zu den aktuellen Aufnahmekapazitäten oder potentiellen Haltungsbedingungen vor. Daher ist es ihm bisher nicht möglich zu beurteilen, ob eine Abgabe von Pavianen an das WAMS in Betracht kommt."
Tiergarten will keine "externen Dritten" für die Klärung einbeziehen
Nachdem Lehmann in seinem Video anprangerte, dass niemand im Tiergarten mit ihm sprechen wolle, er bereits über 100 Mal angerufen habe und "vertröstet" wurde, obwohl er nur in den Dialog gehen wolle, um zu verstehen, warum die Paviane nicht abgegeben werden können und sich als Vermittler anbot, bezog der Tiergarten auf die Kontaktversuche Lehmanns Stellung.
"Der Tiergarten Nürnberg wird bei Bedarf wie üblich gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen des Europäischen Zooverbandes EAZA direkt mit einer potenziellen Aufnahmeeinrichtung in Kontakt treten. Die Einbindung externer Dritter hat sich in diesem Fall nicht bewährt und wird nicht weiter verfolgt."
Tiergarten schweigt zur Verantwortlichkeit für die Situation
Auf die von BLICK.de gestellte Frage, wer denn verantwortlich dafür sei, dass es zur Überpopulation und aktuellen Situation im Nürnberger Tiergarten gekommen war, schwieg der Tiergarten und ließ die Frage unbeantwortet. Kritiker sehen den Tiergarten selbst in der Verantwortung, seine Population zu regulieren und frühzeitig Chancen und Risiken abzuwägen, Tiere eventuell zu kastrieren, damit solche Situation nicht entstehen.
Weitere Zucht mit den Pavianen sei keine Bedingung für die Abgabe der Tiere
Robert Marc Lehmann hatte zudem den Vorwurf erhoben, dass im Fragebogen, den der Tiergarten an die Auffangstationen für weitere Kommunikation über die Aufnahme der Paviane übersendet hatte, eine Bedingung für deren Abgabe gewesen sei, dass im "neuen Zuhause" weiter mit den Tieren gezüchtet werden müsse und das entgegen der Bedeutung von Auffangstationen stehe.
Das dementierte der Tiergarten BLICK.de gegenüber: "Es entspricht nicht der Wahrheit, dass der Tiergarten eine weitere Zucht mit seinen Guinea-Pavianen und eine Beteiligung am Europäischen Erhaltungszuchtprogramm des Europäischen Zooverbandes EAZA zur Bedingung einer Übernahme gemacht hat. Entscheidender als die Frage der Zucht sind Aspekte wie Alter, Geschlecht und Verträglichkeit der Tiere."
Weiter hieß es: "Bei den Pavianen könnte auch die Mindestgruppengröße ein Entscheidungskriterium sein, wenn sie aufgrund unterbleibender Jungtiere nicht wachsen kann. Die Taxon Advisory Group des Europäischen Zooverbands EAZA empfiehlt für Paviane eine Gruppengröße von mindestens 20 Tieren. Der Tiergarten selbst hat keine Erfahrungen mit gleichgeschlechtlichen Pavian-Gruppen oder Gruppengrößen unter 20 Tieren. Grundsätzlich entscheidet über die Abgabe der Tiere, vor allem wenn sie das Zuchtprogramm verlassen sollen, das EEP, bzw. die EAZA."
"Unser Ziel ist es nicht, Tiere loszuwerden" - Tiergarten Nürnberg
Der wohl schwerwiegendste Vorwurf Lehmanns war, dass der Tiergarten eine Sondergenehmigung für das Töten überzähliger Tiere beantragen und erhalten werden, auch aufgrund der neuen Position des Zoodirektors Dag Encke, als Präsident im Verband Zoologischer Gärten (VDZ). Damit würde der Weg für andere Zoos geebnet, ebenfalls überzählige Tiere "loszuwerden", so ist Lehmann überzeugt.
Dazu äußerte sich der Tiergarten wie folgt: "Unser Ziel ist es nicht, Tiere "loszuwerden", eine solche Sondergenehmigung ist nicht beantragt. Unser gesetzlicher Auftrag besteht darin, zum Arterhalt beizutragen. Das gelingt nur, wenn wir gesunde, fortpflanzungsfähige Populationen erhalten."
"Ethisches und juristisches Dilemma"
In der weiteren Ausführung heißt es: "Wir haben dieses ethische Dilemma im Februar 2024 im Umweltausschuss des Nürnberger Stadtrats vorgetragen. Das Umweltamt der Stadt Nürnberg, deren Untere Naturschutzbehörde den Betrieb des Zoos nach § 42 BNatSchG und § 11 TierSchG genehmigen muss, stufte die Entscheidung zum Töten von Guinea-Pavianen aus oben genannten Gründen als rechtskonform und das Populationsmanagement als vernünftigen Grund für das Töten ein. Inwieweit dieser stadtpolitische und behördliche Konsens die "Biologische Indikation" grundsätzlich als vernünftigen Grund qualifizieren kann, werden etwaige Ermittlungsverfahren und eventuell anschließende Gerichtsverfahren zu entscheiden haben. Der Fall zeigt nicht nur ein ethisches Dilemma auf, sondern auch das juristische Dilemma eines so unsicheren Rechtsbegriffs wie ihn der vernünftige Grund darstellt."
Wie werde im Ernstfall entschieden, welche Tiere getötet werden?
Im Falle, es komme wirklich zur Tötung der Paviane, wie würden die Tiere ausgewählt, die sterben müssen? "Der Tiergarten berücksichtigt bei der Entscheidung verschiedene Faktoren. Trächtige Weibchen z. B. werden nicht herausgenommen. Die Anzahl der verbleibenden Weibchen hat dann Einfluss auf die Zahl der verbleibenden Männchen, da ein ausgewogenes Geschlechter-Verhältnis in den jeweiligen Alterskohorten wichtig ist."
Öffentlich hatte Lehmann angeboten, die Kosten für die Übernahme der Tiere und sogar die Kosten für ein eventuell neues Gehege in einem der Sanctuary zu übernehmen. Bislang hat der Tiergarten Nürnberg noch immer keine aussagekräftige Lösung, wie es weiter geht.
Nun sieht wohl der Tiergarten das WAMS am Zuge mit der detaillierten Übersendung der angeforderten Daten.
Habt ihr eine Meinung zu diesem Artikel oder einen Fehler entdeckt? Dann weist uns gern darauf hin.