12 Angehörige wurden in Gaza getötet: Chemnitzer kämpft für besseres Leben

STIMMEN DER DIASPORA Mohammed Lubbad ist Palästinenser. Er ist ein Vertriebener, wurde angeschossen und verließ seine Heimat für die Familie. Im Dezember bombardierte das israelische Militär ein Camp in Gaza und löschte nahezu seinen gesamten Stammbaum aus. Mohammed überlebt - jeden Tag.

STIMMEN DER DIASPORA
Chemnitz. 

Was in Gaza passiert, erfahren wir oft nur durch Zahlen oder kurze grausame Videos in den Nachrichten. Zwischen allen politischen Debatten über Palästina und Israel wird eine Gruppe oft vergessen: Die betroffenen Palästinenserinnen und Palästinenser. Auch in Chemnitz leben viele Geflüchtete aus Palästina, die seit dem 7. Oktober nachts wach liegen und jeden Tag auf Bildschirme starren. Ich besuche Mohammed Zuhause.

"Alle Anderen wurden getötet."

Wir sitzen in seinem Wohnzimmer, Plattenbau. Zwei seiner Freunde sind gekommen, um ihm Beistand zu leisten. Einer von ihnen kocht uns arabischen Kaffee. An der Wand hängt eine selbstgemachte Fotocollage mit Aufnahmen seiner Familie. Um den Rahmen gewickelt ist eine Kufiya - ein traditionelles Tuch in arabischen Kulturen des westasiatischen Raums und Symbol des palästinensischen Widerstands. Mohammed erklärt die Fotos. "Er lebt noch, mein Bruder. Alle Anderen wurden getötet".

Crowdfunding-Kampagne: Mohammed sammelt Geld für seine Familie

Mohammed fühlt sich schwach - er kann kaum etwas tun, um seiner Familie und den Menschen in Gaza zu helfen. Die IDF blockiert den Großteil der humanitären Hilfsgüter.  Online hat er eine Spendenkampagne gestartet, um seine verbliebenen Angehörigen über Ägypten aus Gaza zu retten. Er wünscht sich Unterstützung: "Ich weiß nicht viel über Spendenaktionen. Ich hoffe, dass die Leute mir helfen und meine Kampagne weiterverbreiten". Geld in die Heimat zu schicken, ist für viele Geflüchtete in der Diaspora der einzige Weg, zu helfen.

Internationale Auszeichnungen für seine Arbeit als Journalist

Mohammed ist 34 Jahre alt. In seiner Heimat hatte er sich in der Medienwelt einen Namen gemacht. Als erfahrener Journalist aus Palästina, wo er sein Diplom in Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit erwarb, verfasste er Eilmeldungen bei einer nationalen Zeitung. Seine herausragende Arbeit wurde international anerkannt und mit Auszeichnungen aus den USA und Katar gewürdigt. Vor fünf Jahren führte ihn sein Weg nach Europa, zunächst nach Griechenland und schließlich vor vier Jahren nach Deutschland.

Großeltern durch Besatzung vertrieben

Die Leidensgeschichte von Mohammeds Familie begann mit der Nakba, was auf Arabisch "Katastrophe" bedeutet. Die Nakba bezeichnet die Ereignisse seit der Gründung des Staates Israel und der völkerrechtswidrigen Besatzung Palästinas. Seitdem hat die palästinensische Bevölkerung zahlreiche schwere Menschen- und Völkerrechtsverletzungen erlitten, darunter Enteignungen, Vertreibungen, Vergewaltigungen, Massaker, Landraub, demografische Veränderungen und strukturelle Benachteiligungen. Mohammeds Großeltern wurden 1948 aus Al-Majdal, ein Dorf im Norden von Palästina am See Buhajrat Tabarijja (See Genezareth), vertrieben und sind damals nach Gaza geflüchtet.

Jabalia: Eine Perle in Gaza

Mohammed ist mit seiner Familie in der Stadt Jabalia aufgewachsen. Jabalia liegt im Norden von Gaza, etwa vier Kilometer nördlich von Gaza-City. Jabalia war bekannt für seinen fruchtbaren Boden und Zitrusbäume. Einige bedeutende archäologische Funde und architektonische Meisterwerke gehen zurück bis ins 5. Jahrhundert. Seit 1948 wurde jedoch Vieles zerstört - etwa die antike Omari-Moschee durch israelische Bombenangriffe 2014.

Als 17-Jähriger angeschossen

Als Mohammed 17 Jahre alt war, schoss ihm ein Scharfschütze des israelischen Militärs mitten auf der Straße ins Bein. Bis heute hat er immer wieder Schmerzen. Vor einem Monat hatte er seine letzte Operation, doch seitdem sind die Schmerzen schlimmer geworden. "Die Erinnerung an mein Leben unter der militärischen Besatzung spüre ich jeden Tag" sagt Mohammed und streicht sich über das Knie.

Erneute Umsiedlung

Seine Familie wurde mit Beginn der Gaza-Invasion durch das israelische Militär in Folge der terroristischen Anfal-Operation der Hamas im Oktober 2023 von der IDF angewiesen, ihren Wohnort zu verlassen und sich in eine Sicherheitszone zu begeben. Sie zogen in das bekannte Geflüchteten-Camp nördlich der Stadt Jabalia, nahe der Grenze zum israelischen Gebiet. Das "Camp von Jabalia" entstand 1948 durch die ersten Vertriebenen aus Palästina seit Beginn der israelischen Besatzung und wurde durch die Vereinten Nationen gegründet. Im Camp Jabalia begann am 9. Dezember 1987 die erste Intifada - der erste große Aufstand von Menschen aus Palästina gegen die israelische Besatzungsgewalt, der sechs Jahre andauerte. Auch während der zweiten Intifada (2000-2005) und Ende des Jahres 2006 kam es im Jabalia-Lager erneut zu Massenprotesten gegen die militärische Besatzung und die andauernden israelischen Luftangriffe auf Gaza.

Camp von Jabalia immer wieder Zielscheibe

Laut israelischer Regierung sei das Jabalia-Lager eine Hochburg der Hamas. Während der sogenannten Gaza-Kriege (2008 - 2021) startete die IDF unzählige Angriffe auf das Jabalia-Camp und zerstörte immer wieder die zivile Infrastruktur. Ab dem 31. Oktober 2023 wurde das Camp von Jabalia erneut Ziel der israelischen Bombardierungen, was zu internationalem Protest mit diplomatischen Konsequenzen führte. UN-Sonderberichterstatter verurteilten die Angriffe der IDF als "dreiste Verletzung des Völkerrechts" und als Kriegsverbrechen.

Israelischer Luftangriff tötete das ganze Haus

In diesem Camp lebte die Familie von Mohammed für zwei Monate im Haus seines Onkels. Am 4. Dezember flog das israelische Militär erneut einen Luftangriff. Die IDF bombardierte 5 Uhr morgens das Haus von Mohammeds Familie mit einer Rakete. Es gab keine Überlebenden. Mohammed verlor in wenigen Sekunden 12 Angehörige: Seine Mutter, seine Schwester, zwei seiner Brüder, die Frau seines Bruders mit ihren fünf gemeinsamen Kindern und zwei Onkel.

"Ohne meine Freunde wäre was Schlimmes passiert."

Mohammed erfuhr erst anderthalb Monate später von dem Verlust seiner Familie. "Mein Vater wollte nicht, dass ich mir Sorgen mache. Er hat mir Nichts gesagt am Anfang" sagt Mohammed und zündet seine Zigarette an. In dieser Zeit konnte er wegen der eingeschränkten Kommunikation in Gaza nicht mit seinem Vater sprechen. Er hat den Anruf von Angehörigen aus Belgien bekommen. "Ich hatte einen Schock. Psychische Probleme. Ohne meine Freunde, die bei mir standen, wäre was Schlimmes passiert" sagt er. Heute, drei Monate nach seinem Verlust, geht es ihm nicht besser. "Ich fühle mich immer noch so, als wäre mein Leben nur ein Albtraum und hoffe, dass es vorbei geht". 

Überreste von acht Menschen in einer Tüte am Straßenrand begraben

Zwei seiner Brüder und zwei Onkel konnten direkt begraben werden, aber nur am Straßenrand. Die anderen elf Angehörigen konnten erst nach 40 Tagen aus den Trümmern des eingestürzten Hauses geborgen werden. Als die Toten gefunden wurden, waren ihre Körper schon verwest und ihre Knochen sichtbar. Die Praxis der heiligen islamischen Bestattung (Dschanaza) konnte nicht erfüllt werden, etwa die Totenwaschung. "Eigentlich begraben wir unsere Toten einzeln" sagt Mohammed. Die Überreste der Verstorbenen wurden gesammelt in einer Tüte am Straßenrand begraben. Erst im Mai konnte Mohammeds Vater die Überreste seiner Angehörigen ausheben und in einem richtigen Grab bestatten. Mohammed kam 2018 nach Deutschland, um zu arbeiten und seine Familie finanziell zu unterstützen. "Jetzt ist alles vorbei. Warum bin ich hergekommen?" sagt er und zeigt den Schmerz in seinen Augen. Der Ruf zum Asr, zum Nachmittagsgebet, erklingt durch das Handy auf dem Tisch.

Familie verstreut im Kriegsgebiet

Sein Bruder war bis vor Kurzem in Rafah. Seit der Großoffensive der IDF auf Rafah ist er in das 40 Kilometer entfernte Camp Nuseirat geflohen. Das Geflüchtetencamp Nuseirat ist ähnlich wie das Camp Jabalia 1948 für durch Israel vertriebene Palästinenserinnen und Palästinenser entstanden. In Nuseirat lebten 2020 knapp 100.000 Menschen. Jetzt leben die meisten Menschen in Nuseirat in Zelten. Sein Vater und seine Schwester sind mit ihrer Familie immer noch in dem zerstörten Jabalia Camp. Seit zwei Wochen hat Mohammed nun keinen Kontakt mehr zu ihnen, weil die IDF die Telekommunikation abgeschaltet hat.

"Wer spazieren geht, wird von Drohnen erschossen"

Im Jabalia Camp leben auch drei Brüder des Vaters. Doch sie sind so weit voneinander entfernt, dass sie sich nicht treffen können. Auf den Straßen zwischen den Sektionen des Lagers fliegen bewaffnete Drohnen der IDF. "Die Menschen können nicht raus. Wer spazieren geht, wird von Drohnen erschossen". Die humanitäre Lage ist katastrophal. Seit dem 7. Oktober gibt es keinen Strom mehr im Camp von Jabalia.

Jabalia wurde vollständig zerstört

Die IDF zog sich im Februar 2024 aus Jabalia Camp zurück, starteten jedoch einen weiteren Angriff im Mai. Auf einer Fläche von wenigen Quadratkilometern lebten zeitweise über 100.000 Menschen. Das Camp nördlich von Jabalia war das größte Geflüchtetenlager in Palästina und eines der am dichtesten besiedelten Gebiete in Gaza. Heute gibt es kein einziges bewohnbares Haus mehr in dem Lager, das in über 75 Jahren zu einer Geflüchteten-Stadt geworden ist. Die gesamte Stadt Jabalia unterliegt mittlerweile der Kontrolle der IDF. Das Innenministerium von Gaza erklärte, das Camp Jabalia sei vollständig zerstört worden. Der Bürgermeister der Stadt gab an, Israel habe 75 Prozent der Wasserbrunnen von Jabalia vernichtet.

"Ich will nur Frieden und ein gutes Leben, so wie alle Menschen!"

Die Perspektive der palästinensischen Zivilbevölkerung in Gaza ist in der deutschen Öffentlichkeit unterrepräsentiert. Menschen aus Palästina werden ignoriert, kriminalisiert und dehumanisiert. Menschen aus Gaza werden häufig mit der Hamas gleichgesetzt. Für Mohammed und tausende Menschen aus Palästina in Deutschland ist die Berichterstattung unerträglich. "Ich fühle mich unterdrückt. Die deutschen Medien stehen auf der falschen Seite. Leider denkt niemand, dass Palästinenser auch Menschen sind, die frei Leben wollen!" Mohammed seufzt und nimmt einen Schluck Kaffee. "Sie denken wir sind alle Terroristen. Das ist schade. Ich will nur Frieden und ein gutes Leben, so wie alle Menschen!".

Das Sterben muss enden

Obwohl sein Stammbaum durch das israelische Militär nahezu ausgelöscht wurde, hat er keine Vorbehalte gegen die jüdische Bevölkerung. Das Problem sieht er nicht in der jüdischen Gemeinschaft, sondern in der Besatzung, dem Kolonialismus und den imperialen Absichten des israelischen Staates. "Der Völkermord in Palästina muss sofort gestoppt werden. Ich habe Angst, dass morgen, übermorgen, auch der Rest meiner Familie stirbt. Dass Alle sterben!"

Palästina-Proteste in Chemnitz geben Kraft

In Chemnitz gab es 2023 vier angemeldete Kundgebungen für Frieden in Palästina. Auf den Versammlungen wurde ein Ende des Krieges in Gaza und der Schutz aller Zivilpersonen in palästinensisch und israelisch verwalteten Gebieten gefordert. Mohammed war auch dabei. Der Protest hat ihm geholfen und er ist stolz, dass es Leute gibt, die sich gegen das Leiden in Palästina einsetzen. "Ich hoffe nächstes Mal werden mehr Leute kommen. Auch die Politiker!" sagt er. 

Kampf um Befreiung niemals aufgeben

In Chemnitz wünscht er sich, dass die Gesellschaft weiter protestiert. Es brauche mehr Demonstrationen, Aktivitäten und öffentliche Diskurse. "Wir müssen zeigen: Es gibt die Palästinenser und sie dürfen auch in dieser Welt leben!". Er hofft, dass der Kampf um Freiheit und Frieden niemals aufgegeben wird - in Palästina und auf der ganzen Welt. Weiterhin sollen die Lebenssituationen von palästinensischen Geflüchteten in Deutschland verbessert werden. "Ich möchte mich frei bewegen, ich will arbeiten gehen. Aber für Palästinenser.. Sie haben alle Wege geschlossen!".

Mohammed wird nicht als politisch verfolgter Geflüchteter anerkannt

Mohammed fühlt die Ungerechtigkeit auf der Welt jeden Tag. "In meinem Herz habe ich viel zu sagen, aber es gibt zu wenige Wörter". Er wünscht sich Normalität und dass die Welt ihm seine Menschlichkeit zugesteht. Anerkennung und Sicherheit. Mohammed lebt in Deutschland mit dem Status einer Duldung. Das bedeutet, er kann nicht abgeschoben werden, darf aber dennoch keinen Deutschkurs oder Integrationskurs besuchen und hat keine Arbeitserlaubnis. Nachdem er seine Angehörigen durch die Bombardierung verlor, fragte Mohammed seinen Anwalt nach einer Anerkennung seiner politischen Verfolgung. Doch dies werde nicht geschehen. "Alles, was mit Palästinensern zu tun hat, wird abgelehnt" seufzt er.

"Ich will lernen oder arbeiten!"

Am liebsten würde er wieder als Journalist arbeiten, aber seine Sprachkenntnisse reichen noch nicht aus. Wegen seiner Knieverletzung kann Mohammed keine schwere körperliche Arbeit leisten. "Ich will lernen oder arbeiten. Nicht nur Zuhause sein und spazieren!". Mit Absichtserklärungen über ein gewolltes Arbeitsverhältnis können Unternehmen übrigens mit etwas Glück eine Ausbildungs- oder Arbeitsduldung für Geflüchtete erwirken. Diese Hilfe erwirkt enorme Verbesserungen in der Lebenssituation von Menschen wie Mohammed.

Mohammed ist ein Kämpfer - bis zum Ende der Katastrophe

Palästina ist seine Heimat, seine Familie. Wenn es sicher ist, will er eines Tages zurück gehen. Erst letzte Woche hat er sich die Umrisse seines Geburtslandes auf den Arm tättowiert. Seine schönste Erinnerungen liegen in Palästina: "Alles, was glücklich macht, ist dort. Zusammen sitzen mit Familie. Aber jetzt? Alles ist weg. Alle sind Rauch und Asche". Aber er ist ein Kämpfer. Wie sonst könnte man solche Schicksalsschläge überleben? Mohammed lebt immer noch. So wie tausende Menschen in Gaza, die jeden Tag auf ein Ende der Katastrophe hoffen.

 

* Der Beitrag basiert auf den Aussagen und Erinnerungen von Mohammed Lubbad.

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