Delfinlagune in Nürnberg wiedereröffnet – doch beim Wal zeigen plötzlich alle Mitgefühl

Kommentar zur Neueröffnung der Nürnberger Delfinlagune: Während ein gestrandeter Wal deutschlandweit für Mitgefühl sorgt, geraten Delfine in Gefangenschaft kaum in den Fokus.

Nürnberg

Während ein gestrandeter Wal seit Tagen deutschlandweit für Mitgefühl sorgt, geraten Meeressäugetiere in Gefangenschaft kaum in den Fokus. Ein Kommentar zur Neueröffnung der Nürnberger Delfinlagune:

Wir leben in verrückten Zeiten: Ganz Deutschland fiebert aktuell mit einem gestrandeten Buckelwal in der Ostsee mit, hat Empathie für ein einzelnes Säugetier, das bereits mehrfach gestrandet ist und zurück in den offenen Ozean soll. Im Zoo wiederum klatschen wir Applaus, wenn der Delfin in einem Becken zur Schau gestellt wird, wie seit gestern wieder im Tiergarten Nürnberg.

Delfinlagune am 1. April wiedereröffnet

Wir erinnern uns einmal zurück: Der Tiergarten Nürnberg ist der Zoo unter Direktor Dag Encke, der im vergangenen Juli 2025 seine Guinea-Paviane töten ließ, einfach weil es zu viele waren. (BLICK.de berichtete) Die Debatte über Tiertötung im Zoo kochte damals deutschlandweit hoch, Tierschützer und der Zoo warfen sich gegenseitiges Lügen vor und eine Lösung konnte nicht gefunden werden. Aus Sicht von Kritikern wirkte es so, als habe der Zoo nicht ausreichend nach Alternativen gesucht. Der Tiergarten machte einfach kurzen Prozess, sperrte den Zoo mit Polizei ab und tötete die überzähligen Tiere, anstatt Verantwortung zu übernehmen und eine Lösung zu suchen, in der die Tiere hätten weiterleben können.

Tiergarten Nürnberg mehrfach negativ in den Schlagzeilen

Genau dieser Zoo ist es, der am 1. April 2026 seine neue Delfinlagune nach der Außenbeckensanierung wiedereröffnete. Und nein, das ist kein Aprilscherz. Es gibt in Deutschland genau zwei zoologische Einrichtungen, die heute noch Delfine halten: Nürnberg und Duisburg. In Nürnberg besteht die Lagune seit 2011. Nürnberg gehört zu den wenigen Zoos in Deutschland, die weiterhin Arten wie Delfine oder Eisbären halten - Tierarten, deren Haltung seit Jahren in der Kritik steht.

Die Großen Tümmler sind nun jedenfalls wieder in der Lagune pünktlich zu Ostern zu sehen, man habe sogar neue Beleuchtungs- und Audiotechnik verbaut und setze auf moderne Standards. Damit sollte der "Mehrwert für die Besucherinnen und Besucher des Tiergartens" (so die Stadt Nürnberg) gewährleistet sein, oder? Immerhin wurde auch die Besuchertribüne neu gestaltet. Ach wie schön. Ironie off.

Zudem brüstet sich der Tiergarten noch damit, dass Delfine und Seelöwen hier "deutschlandweit einzigartig" gemeinsam gehalten werden. Die Gesamtkosten der Baumaßnahmen der Delfinlagune belaufen sich auf insgesamt 5,9 Millionen Euro.

Ist es nicht absurd: Bei einem Wal fiebern alle Leute mit, dass er es zurück in den großen Ozean schafft, aber bei Delfinen applaudieren die Leute, wenn sie vor der ach so schönen Delfinlagune stehen und zuschauen, wie die Tiere Kunststücke vorführen. Können wir nicht reflektieren, dass es Tierarten gibt, die in Zoos zugrunde gehen?

Wissenschaft bestätigt Verhaltensstörungen von Delfinen in Gefangenschaft

Delfine sind in Gefangenschaft häufig Bedingungen ausgesetzt, die ihre natürlichen Bedürfnisse stark einschränken, was zu erheblichen Verhaltensauffälligkeiten führen kann und in vielen Fällen auch führt. Studien zeigen, dass die Tiere aufgrund von Platzmangel, fehlender Umweltkomplexität und unnatürlichen sozialen Gruppenstrukturen vermehrt sogenannte Stereotypien entwickeln, wie etwa monotones Kreisschwimmen oder wiederholte Bewegungsmuster, die als Indikatoren für chronischen Stress gelten (Marino et al., 2021; Clubb & Mason, 2003).

Darüber hinaus wurden vermehrt Apathie, depressive Verhaltensweisen sowie Aggressionen gegenüber Artgenossen beobachtet, die mit der eingeschränkten Möglichkeit zur Ausübung natürlicher Verhaltensweisen zusammenhängen (Waples & Gales, 2002). Auch selbstverletzendes Verhalten und gesundheitliche Probleme stehen im Zusammenhang mit langfristigem Stress in Gefangenschaft (Jett & Ventre, 2015). Insgesamt deutet die Forschung darauf hin, dass die Haltungsbedingungen in Delfinarien erhebliche Auswirkungen auf das Wohlbefinden und Verhalten dieser hochintelligenten Meeressäuger haben. Dennoch halten Aquarien und zoologische Einrichtungen weltweit weiterhin Delfine und Wale.

Welche Tierarten sollten in einem Zoo gehalten werden?

Das Schlimme daran: Die Tiere leiden weiter und werden ausgebeutet. Noch dazu hätte man einen Teil der 5,9 Millionen Euro auch in den Schutz natürlicher Lebensräume investiert werden können. Das hätte nachhaltiger gewirkt. Stattdessen finanziert der Steuerzahler in Bayern das Gehege mit. Der Tiergarten Nürnberg ist nämlich ein städtischer Betrieb, der u.a. aus kommunalen Steuergeldern aus dem städtischen Haushalt finanziert wird. Aber hey, lasst uns alle die schöne neue Delfinlagune bejubeln und im gleichen Atemzug traurig sein, dass der Buckelwal in der Ostsee höchstwahrscheinlich sterben wird. Was für ein grotesker Diskurs.

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Quellen:

  • Pressemitteilung Stadt Nürnberg "Delfinlagune wieder geöffnet: Außenbecken erfolgreich saniert" vom 1. April 2026
  • Webseite des Tiergarten Nürnberg - https://tiergarten.nuernberg.de/
  • Marino, L. et al. (2021). The harmful effects of captivity and chronic stress on marine mammals. Journal of Veterinary Behavior.
  • Clubb, R. & Mason, G. (2003). Captivity effects on wide-ranging carnivores. Nature.
  • Waples, K. & Gales, N. (2002). Evaluating and minimising social stress in captive bottlenose dolphins. Zoo Biology.
  • Jett, J. & Ventre, J. (2015). Captive killer whale survival and longevity. Marine Mammal Science.

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