Kommentar zur „Wanderrast“ am Amselsee: Wenn der Hass mehr Schaden anrichtet als das Unwetter selbst

Das Unwetter in der Sächsischen Schweiz richtete große Schäden an. Doch der Umgang mit der „Wanderrast“ zeigt, dass Hass und Hetze oft noch zerstörerischer sein kann. Ein Kommentar.

Rathen

Es ist noch nicht einmal eine Woche vergangen und schon überschlagen sich die Ereignisse. Am 31. Juli war ein Unwetter über Sachsen gezogen. Die Sächsische Schweiz und den Kurort Rathen, der das Herz des Tourismusgebietes ist, hatte es besonders stark getroffen. Bäume waren abgeknickt, die Wanderwege wurden gesperrt. Auch den kleinen Imbiss samt Bootsverleih „Wanderrast“ am Amselsee hatte es hart getroffen.

Auf Instagram schilderte die Pächterin Verena Leister die Situation. Ein Spendenaufruf zum Wiederaufbau der „Wanderrast“ sollte die Lösung sein. Denn es war unklar, ob der kleine Betrieb überhaupt Hilfe von offiziellen Stellen erhalten würde und wie lange diese auf sich warten ließe.

Ein beeindruckendes Zeichen der Solidarität

Das Ergebnis war ein beeindruckendes Zeichen der Solidarität – und leider nur der Auftakt zu einer Entwicklung, die viele Menschen inzwischen von öffentlichen Spendenaufrufen abschreckt. Innerhalb eines Tages war das Spendenziel von 200.000 Euro erreicht und die „Wanderrast“ schien gerettet. Doch was dann folgte, zeigt wieder einmal, wie bitter die Gesellschaft doch sein kann.

Die Wendung schockierte

Am Dienstagabend folgte dann die überraschende Wende. Das Team erklärte auf Instagram, auf die Spenden verzichten zu wollen, weil die persönlichen Anfeindungen zu groß geworden seien: „Was uns persönlich an Nachrichten, an Anrufen, an Chatgruppen erreicht hat, an Anfeindungen, Unterstellungen, das war einfach eine Nummer zu viel. Und deswegen haben wir eine Entscheidung getroffen. Wir werden die Spenden nicht annehmen und jeder einzelne Spender bekommt seine Spende zurück.“

Auf Zuspruch folgte Hetze

Einer der größten Kritikpunkte im Netz war die Höhe des Spendenziels. In den sozialen Netzwerken wurde dem Team Größenwahn und Bereicherung unterstellt. Dabei steckte reichlich Überlegung und Kalkulation im Spendenziel. Die Höhe des Spendenziels war keineswegs willkürlich gewählt. Bereits 2024 mussten rund 200.000 Euro investiert werden, um den Amselsee für den Bootsverleih herzurichten und zu entschlammen. An diesen Kosten orientierte sich auch der neue Spendenaufruf. Nach Angaben des Teams gebe es zudem keine Versicherung, die diese Art von Umweltschäden abdecke.

Es ist kaum vorstellbar, wie sich die Betreiber der „Wanderrast“ gefühlt haben müssen, erst das Unwetter und ein Ausmaß der Zerstörung, das niemandem zu wünschen ist, dann die Welle der Solidarität und die aufkeimende Hoffnung, dass alles vielleicht schneller als erwartet wieder aufgebaut werden kann. Dann folgte der nächste Schock.

Menschen zeigen Solidarität für die Sächsische Schweiz

Es ist heutzutage nicht selbstverständlich, dass ein Spendenaufruf überhaupt so viel Geld einbringt. Die Öffentlichkeit auf Instagram, für die Verena und ihr Team immer wieder belächelt wurden, wie sie selbst sagen, hat einen großen Beitrag dazu geleistet. Die sozialen Medien sind dadurch Fluch und Segen zugleich. Kaum über einen anderen Weg lässt sich, auch mit Glück des Algorithmus, so viel Reichweite erzielen. Das Video zum Spendenaufruf wurde insgesamt in wenigen Tagen von rund 2,5 Millionen Menschen gesehen.

Viele tausend Menschen hatten ein Herz für die Sächsische Schweiz und wollen nicht, dass so ein großartiges Wandergebiet seine Angebote durch eine Umweltkatastrophe verliert. Der Zuspruch war gigantisch, aber eben auch die Verleumdungen, der Hass und die Hetze. Dass es soweit kommen muss, dass die „Wanderrast“ nur selbst versucht, aus eigenen Mitteln Stück für Stück, so wie es möglich sein wird, den See, den Bootsverleih und den Imbiss wieder aufzubauen, ist eine Schande für die heutige Zeit.

Die eigentliche Tragödie

Dass der Druck schließlich so groß wurde, dass das Team die Spenden lieber ablehnte, zeigt, welche zerstörerische Wirkung Hass und Unterstellungen inzwischen entfalten können. Damit ist unsicher, wie lange es dauern wird, bis die Touristen und Besuchenden eines Tages wieder Gast am Amselsee sein können. Mit den Spenden hätte eine Wiedereröffnung bereits in der kommenden Saison möglich sein können. Wann nun wieder geöffnet werden kann – und ob überhaupt –, steht in den Sternen. Nicht das Unwetter hat am Ende die größte Hoffnung zerstört, sondern der Umgang von Menschen miteinander. Das ist die eigentliche Tragödie dieser Geschichte.

Habt ihr eine Meinung zu diesem Artikel oder einen Fehler entdeckt? Dann weist uns gern darauf hin.

Auch interessant für dich