"Views": Marc-Uwe Klings erster Thriller ist brutal und anders als erwartet

Anikas Buch-Rezension Über die Macht von KI, ein vermisstes Mädchen und Angst

Anikas Buch-Rezension

"Sensible Inhalte - Dieses Buch enthält Inhalte, die manche Personen als verstörend empfinden könnten", ziert das Cover von Marc-Uwe Klings neuestem Buch "Views". Auf der Rückseite ist kein Klappentext, stattdessen steht geschrieben: "Diesem Inhalt vertrauen." Das habe ich getan, denn natürlich macht das neugierig. Die Gestaltung des Buchs ist ein sehr gut gewähltes stilistisches Mittel. "Verdammt", dachte ich, "ich muss es lesen." Ich wollte unbedingt wissen, was sich dahinter verbirgt. 

Kling kündigte bereits auf seinen sozialen Plattformen an, dass es sich bei "Views" um seinen ersten Thriller handelt und obwohl er eigentlich gar keine Thriller schreiben würde, ihn die Idee für die Geschichte nicht losgelassen hat. Und Zack! Da ist der Thriller. Außerdem sagte er, "Views" sei weniger etwas für die "NEINhorn-Crowd" - stattdessen empfiehlt er sein neues Werk erst ab 16 Jahren. "Views" ist am 28. Juni im Ullstein Buchverlag mit 272 Seiten erschienen und in Deutschland für 19,99 Euro zu erwerben. Ich habe mir das dazugehörige Hörbuch, das 5 Stunden und 41 Minuten Länge hat, für euch angehört. 

Buchkritik ohne Spoiler

Man verbindet Marc-Uwe Kling mit komischer Gesellschaftskritik und DEM Känguru. Die Buchreihe, die vor allem auch durch die urkomische Hörbuchausgabe Klings Durchbruch brachte, ist immer im Hinterkopf, wenn man den Namen Kling hört. Mit "Qualityland" 1 und 2 konnte der 42-Jährige zwischen 2017 und 2020 der Welt beweisen, dass er mehr kann als "nur Känguru" und das tat er. Beide Teile waren ein riesiger Erfolg. Aber Kling kann auch Kinderliteratur. Sein Werk "Das NEINhorn" schaffte es 2019 in die Bestseller-Liste und er wurde vielfach für seine Literatur ausgezeichnet. In seinem Podcast "Schreiben und Schreddern" lud er in der neuesten Folge den erfolgreichen Krimiautor Sebastian Fitzek ein und beide tauschten sich über das Schreiben von Krimis und Thrillern aus. Das hat natürlich den Hintergrund, dass sich Kling nun erstmals an einen Thriller gewagt hat.

Doch worum geht es in "Views" eigentlich? Kurz gesagt: Ein Mädchen verschwindet und danach taucht ein heftiges Video von der Entführung auf, das viral geht. Mehr möchte ich an dieser Stelle gar nicht verraten. Weiter unten gehe ich näher darauf ein. Doch wie fand ich das Buch? Meine Erwartungshaltung war tatsächlich eine ganz andere, als das, was ich bekam. Ich hörte, wie Marc-Uwe im Hörbuch Zeile für Zeile vorlas und ich merkte, in welche Richtung das Ganze geht.

"Du Schlingel, ich hätte es wissen müssen", kam es mir in den Kopf. Denn eigentlich verpackt Kling genau das in seinem Thriller, was wir von ihm kennen - eine Gesellschaftskritik. Das tat er bisher immer. Überspitzt stellt er die aktuelle deutsche Gesellschaft dar, spiegelt sie mit ihren Ängsten, Zielen und Verwirrungen wider und spinnt dazu noch seine eigenen Ideen, wie sich Dinge in Zukunft entwickeln könnten. Dabei regt er sehr zum Nachdenken an - zumindest bei mir. 

Es wird gruselig und brutal, aber auf eine andere Art

Das Buch ist so ziemlich für jeden etwas, würde ich sagen, da es eben kein klassischer Thriller ist. Auch beispielsweise Sci-Fi-Fans oder der allgemeine Kling-Anhänger werden nicht enttäuscht. Ich denke, im Gegensatz zu "Qualityland" und der Känguru-Reihe, macht es sich besser, es zu lesen als anzuhören, damit die nötige Ernsthaftigkeit verliehen wird. Ich habe mich nämlich beim Hören immer wieder erwischt, wie ich doch manchmal Situationen lustig wahrgenommen habe, obwohl Kling sie ernst gelesen hat, weil man oft das Känguru in seinem Kopf hört.

Zusammenfassend möchte ich sagen, dass es sich um ein sehr gutes Buch handelt und auch aktuelle Themen wie Politik, Künstliche Intelligenz (KI), Beziehungen und vieles mehr angesprochen werden. Man darf hier keinen gruseligen Thriller à la Fitzek erwarten. Es wird gewiss gruselig und brutal, aber auf einer anderen Ebene als erwartet. 

Achtung, ab hier wird gespoilert

Alle, die mehr vom Inhalt erfahren wollen, können ab hier weiterlesen. Fangen wir erstmal mit dem Klappentext an, der auf der Innenseite des Buches steht:

Die 16-jährige Lena Palmer verschwindet spurlos. Drei Tage später taucht sie in einem verstörend brutalen Video wieder auf, welches in atemberaubendem Tempo viral geht. BKA-Kommissarin Yasira Saad soll Lena finden und die Täter identifizieren. Ihr bleibt wenig Zeit, denn schon gibt es erste gewalttätige Demonstrationen in deutschen Städten. Eine rechtsradikale Gruppierung namens »Aktiver Heimatschutz« gewinnt rasant an Zulauf. Kann Yasira die Täter verhaften, bevor der Lynchmob zuschlägt und der Rechtsstaat zu wanken beginnt?

Darum geht es

Die Hauptfigur Yasira Saad ist Mitarbeiterin vom Bundeskriminalamt und ermittelt im Fall Lena. Yasira ist Ende 30, Deutsche mit Migrationshintergrund, Mutter einer Tochter und lebt seit Längerem getrennt von ihrem Mann, datet hin und wieder. Als plötzlich ein Video der vermissten Lena Palmer auftaucht, während sie gerade auf einem Date mit einem Redakteur ist, stürzt uns Kling in die Geschichte. Auf dem Video ist zu sehen, wie die Vermisste von drei dunkelhäutigen Männern vergewaltigt wird und ein vierter Mann das Ganze filmt.

Yasira soll den Fall übernehmen und schnell wird klar, sie wird auch das Gesicht der Polizei in der Öffentlichkeit sein. Sie ist erstens weiblich und ihre Hautfarbe ist nicht so weiß, wie die der Kollegen. Immerhin haben wir es hier mit einem Fall zu tun, der den Rassismus im Land anfeuern wird - so erwartet es die Polizei. Und so kommt es auch. Ein Unschuldiger Mann, ebenfalls mit dunkler Hautfarbe, wird vom Mob des "Aktiven Heimatschutzes", einer Bürgervereinigung, die ihre Heimat bedroht sieht, sogar getötet und eine Welle des Hasses breitet sich im Land aus. 

Kling zeichnet ein erschreckendes Bild über Künstliche Intelligenz

Kling zeichnet eine Geschichte, die so auch in der Wirklichkeit passiert sein oder noch passieren könnte. Es macht Angst, wie realitätsnah er aktuelle gesellschaftliche Diskurse abbildet, wie er das aktuelle Deutschland spiegelt, die Ängste der Menschen, aber auch die Hoffnungen und das Verlangen nach Aufklärung und Gerechtigkeit. Auch Rassismus spielt eine große Rolle in "Views" und es wird klar, wie ausgeprägt das Problem 2024 doch noch oder wieder ist. Spätestens seit Corona sind auch Verschwörungstheorien an der Tagesordnung und Menschen glauben ihnen teilweise mehr als der Regierung oder der Wissenschaft. 

Im Laufe der Geschichte gerät Yasira auf die Spur einer Firma, die Künstliche Intelligenz entwickelt und schon steht die Vermutung im Raum, dass das Video gar nicht echt sein könnte, sondern von KI erzeugt. Doch es gibt keine Beweise und die Frage, wo Lena ist, bleibt trotzdem. Die Geschichte spitzt sich immer weiter zu, ein Polizist stirbt auf einer Demo, als er sich vor seine Kollegen (darunter auch Yasira) wirft, als eine Granate gezündet wird. 

Der wohl größte Punkt der Geschichte geht an die KI. Viele Menschen trauen der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz nicht, können ihre Risiken nicht abschätzen und Großkonzerne schweigen. Was, wenn KI irgendwann aus dem Ruder läuft und Bilder generieren kann, dass man sie nicht mehr von echten Bildern unterscheiden kann? Überraschung: An diesem Punkt sind wir längst. Wir können Bilder mit KI generieren, wie unser BLICK.de-Maskottchen Capy. (Erfahrt hier mehr über das Capyversum von BLICK.de) Was sich jedoch noch nicht etabliert hat, im Gegensatz zu KI-generierten Bildern, Texten, Sprachaufnahmen, dass die KI realitätsgetreue Videos ohne sogenannte Glitches (Fehler) in die Welt hinaussenden kann und damit ein Chaos anrichtet, wie es Kling hier andeutet. Er regt auf jeden Fall mit seinem neuen Werk zum Nachdenken an und es bleibt bis zum Ende spannend. 

Was bleibt: Ein Gedankenchaos 

Kling entwickelt ein grausames Gedankenchaos, bei dem ich mich ertappte, was man denn noch glauben kann - zwischen Wahrheit, Verschwörungstheorien, Angstschürungen und Hass. Es ist erschreckend, wie schnell sich Menschen verunsichern lassen, wie schnell man Lügen Glauben schenkt, sich hinterfragt und nicht mehr weiß, was man glauben soll. Dabei suchen wir einfach nur nach Sicherheit in einer so schnelllebigen Welt. Am Ende verrate ich mal, dass "Views" ein recht offenes Ende hat. Vielleicht kommt ja eine Fortsetzung. Ich bleibe gespannt, denn Marc-Uwe Kling ist einer der klügsten und talentiertesten Autoren, die Deutschland meiner Meinung nach aktuell zu bieten hat. 

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