Von Nationalhelden zu Hassobjekten: Der emotionale Druck im Sport

Anikas Sportblick Übers Siegen und Scheitern und dessen Folgen

Anikas Sportblick

Mitfiebern! Zusammen gewinnen und verlieren...als Team. Was aber, wenn der Druck von außen so groß wird, dass das Team nicht mehr standhalten kann? Was, wenn die Mannschaft versagt? Wird dann wieder eine Welle von Hass losgetreten, Menschen schreien andere Menschen an, manchmal werden sie sogar körperlich, um ihre Emotionen abzureagieren. Einige Zuschauende lassen sich so sehr mitreißen, dass ihre komplette Stimmung abhängig von Sieg oder Niederlage ist und wenn die Niederlage dann da ist, werden sie persönlich und beschimpfen Spieler und Spielerinnen im Netz. In dieser Kolumne soll es darum gehen, sportliche Events aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Fußball-EM startet im eigenen Land

Die Fußball-Europameisterschaft steht vor der Tür (14. Juni bis 14. Juli) und wird 2024 in Deutschland ausgetragen. Da kann man sich schon grob vorstellen, dass der Druck auf die deutsche Nationalmannschaft enorm hoch ist, vielleicht sogar noch ein bisschen höher als bei anderen Meisterschaften. Für viele Spieler könnte diese EM auch neue Karriereschritte mit sich bringen. Es steckt außerdem viel Geldmaschinerie dahinter. Allein aus der Einberufung des Kaders hat man in diesem Jahr eine große Marketing-Aktion gemacht. (BLICK.de berichtete) Auch das pinke Trikot sorgte im Vorfeld aufgrund der Farben für viel Kritik. Alles dreht sich aktuell um die EM. Vielleicht ist es da gar nicht so schlecht noch einmal einen Schritt zurückzugehen und durchzuatmen, bevor es richtig los geht.

Über Erfolge und Misserfolge

Denn was, wenn die deutsche Elf versagt? Erinnern wir uns an die Weltmeisterschaft 2014 zurück: Die Mannschaft wurde umjubelt, weil sie tatsächlich im Finalspiel gegen Argentinien in der Verlängerung gewann. Mario Götzes Siegertor mit dem linken Fuß ging in die Geschichte ein. Zur WM 2018 in Russland kam zeitig das Aus, noch in der Gruppenphase (mit Schweden, Südkorea und Mexiko) versagte das Team. Zur WM 2022 in Katar das gleiche Spiel: Deutschland flog schon in der Vorrunde raus (damals in der Gruppe mit Japan, Spanien und Costa Rica). Zur letzten EM 2021 schaffte es das Team auch nur ins Achtelfinale. Seitdem gab es einen Trainerwechsel. Irgendwie scheint die Elf nicht so recht zu funktionieren, deshalb liegen die Hoffnungen (noch) auf 2024. 

Ähnliches zeigte sich auch bei der Frauen-Nationalmannschaft. Nach der grandiosen Europameisterschaft 2022 in England, bei der die Nationalelf unter Trainerin Voss-Tecklenburg ins Finale gegen England einzog, kam zur WM 2023 in Australien / Neuseeland das frühe Ende. Deutschland schaffte es nicht mal ins Achtelfinale und der Vertrag der Trainerin wurde im Nachgang aufgelöst. Aber so macht man das nun mal im Fußball. Wenn es nicht gut läuft, kommt es zum Trainerwechsel und wer nicht performt sitzt auf der Bank. Also hab ich gehört. Aber als wären Niederlagen für die Sportler und Sportlerinnen nicht schon blöd genug, müssen sie sich zusätzlich der Öffentlichkeit aussetzen und die ist in solchen Fällen gnadenlos. Dickes Fell ist gefragt, aber bei den Gehältern sollte das ja hingenommen werden, müsste man meinen. 

Wie sieht es in Chemnitz aus?

Schaut man in die Bundes- oder Regionalliga, fällt natürlich auch auf, wie schnell Sportler umjubelte Helden und dann doch wieder zum Hassobjekt degradiert werden, wenn es mal nicht so läuft.

Zum Beispiel der Chemnitzer FC: Der Verein hat eine große Tradition, sorgte jedoch in den letzten Jahren für viele unschöne Diskussionen. Nach dem Drittligaaufstieg 2011 hoffte man, an erfolgreichere Zeiten anknüpfen zu können. Doch 2018 folgte dann der Abstieg in die Regionalliga Nordost und der Verein musste Insolvenz anmelden. Diese ist inzwischen überwunden, doch bis auf eine Saison (2019/2020), die jedoch mit einem unglücklichen Ende nach Corona-Pause zum erneuten Abstieg führte, hängt man jedoch in der Regionalliga fest. Mut macht inzwischen die neue Vereinsführung um Uwe Hildebrand und Sportdirektor Chris Löwe (der Ex-Profi tritt zum 1. August seinen neuen Posten an). Doch aktuell steht man im Fokus ganz klar hinter der absoluten Mannschaft der Stunde in der Stadt - den Niners. Gern wird sich in der Stadt auch dem Argument bedient, die Basketballer seien die "Mannschaft, die wenigstens etwas kann" - mit negativem Bezug auf die himmelblauen Fußballer.

Die "Mannschaft, die wenigstens etwas kann"

Dieser besagte Hoffnungsschimmer ist die Chemnitzer Basketballmannschaft. Den erfolgreichen Niners gelang in den letzten Jahren das Unglaubliche: Erst der Aufstieg in die 1. Basketball Bundesliga, dann der Sieg im Europe Cup in diesem Jahr und damit der erste Titelgewinn überhaupt und nun kämpfen sie um den Einzug ins Finale der Playoffs, der aktuellen Saison. (BLICK.de berichtete) Nachdem es in den vier Play-Off-Spielen gegen Alba Berlin 2:2 steht, geht es am Donnerstagabend (6. Juni) um alles. Eine grandiose Saison. Ich will gar nicht wissen, wie viel Druck heute auf den Spielern liegt. Sollte es aber in der nächsten Saison nicht gut laufen, könnte sich die Sonne über Chemnitz ganz schnell wieder verdunkeln. 

Als Nationalhelden gefeiert 

Das ganze "Gewinner- und Verliererding" ist übrigens nicht nur im Sport so. Wettkämpfe gibt es überall. Auch bei Musikevents, wie dem Eurovision Song Contest, geht es jedes Jahr heiß her. Während Deutschland in den letzten Jahren fast immer am Ende der Rangliste stand, schaffte es Lena damals den Sieg zu holen und wurde überschwänglich gefeiert.

Die finnische Band Blind Channel erklärte in mehreren Interviews nach ihrer ebenfalls erfolgreichen Teilnahme beim ESC 2021 - bei dem sie im Publikums-Voting auf Platz 4 und im Gesamt-Ranking auf Platz 6 für Finnland landeten - dass es für die Psyche äußerst schwer zu verkraften war, in einem Moment noch eine normale Band zu sein und im nächsten als Nationalhelden gefeiert zu werden. Die Erwartungen seien zu hoch gewesen, sowohl an die Band aber auch an die nachfolgenden Teilnehmenden. Jeder Schritt der Band sei im Nachhinein beobachtet und beurteilt worden und alles wäre wie eine Traumblase gewesen, irgendwie surreal. Nach dieser Zeit wären die Jungs in ein Loch gefallen. Zu hoch waren die Erwartungen, obwohl sie eigentlich nur die Jungs von Nebenan waren und auch mal auf die Kacke hauen wollten. Plötzlich waren sie "schlechte Vorbilder". Mit den Reaktionen umzugehen sei schwierig gewesen. 

Auch auf der anderen Seite der Tabelle kennt man Negativkommentare. Der deutsche Act Jendrik, der 2021 mit nur 3 Punkten insgesamt auf dem vorletzten Platz landete, zog sich lange Zeit aus der Öffentlichkeit zurück. 2024 erklärte er auf seinen sozialen Kanälen, dass er mit der Niederlage und dem Hass der Menschen, den vielen negativen Kommentaren im Netz nicht umgehen konnte. Ein ganzes Land hatte einen einzelnen Sänger für die Niederlage verunglimpft. Er sei in Depressionen gerutscht und habe das Ganze nur schwer mit der Hilfe seiner liebsten Menschen überwinden können. Er schrieb sogar Songs über seine Gefühle zu jener Zeit. Heute gehe es ihm besser. 

Gefühle im Stadion lassen

Was ich mit all dem sagen möchte: In einen Moment werden Menschen gefeiert und im nächsten wieder gehasst. Die Psyche der Menschen ist gar nicht dafür ausgerichtet, sich einer so großen Öffentlichkeit und Beurteilung auszusetzen. Hinter den Mannschaften oder Bands stecken auch bloß Personen und unser aller Leben sollte nicht davon abhängig sein, ob ein Wettbewerb gewonnen wird oder nicht.

Es ist toll mitzufiebern und zu unterstützen, aber spätestens, wenn es um starke Stimmungsschwankungen gegenüber Familienmitgliedern oder anderen Mitmenschen geht oder diese gar zu Übergriffen nach den Spielen führen, sollte man sich hinterfragen. Die Welt geht nicht unter, nur weil die Lieblingsmannschaft nicht gewinnt. Das ist auch kein Grund unter Beiträgen der Sportlern Hass-Kommentare zu posten. Jeder, der schon mal live im Stadion bei einem Sportevent dabei war, weiß, wie schnell man sich mitreißen lässt. Liebe und Hass liegen hier oft dicht beieinander. Übertreibt es nicht! Es geht um Balance. Es ist toll seine Mannschaften anzufeuern, aber man sollte die Gefühle nach dem Spiel dann auch im Stadion lassen. Egal, ob Deutschland zur EM gewinnt oder nicht.

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