„Zum Glück haben wir uns immer zusammen gerauft“ – Faun-Sänger Oliver Satyr spricht über 25 Jahre voller Höhen und Tiefen

Die Pagan-Folk-Band Faun feiert 25. Bandjubiläum. Im exklusiven BLICK.de-Interview erzählt Sänger Oliver Satyr von Rückschlägen, unvergesslichen Konzertmomenten, neuen Albumplänen und der Liebe zur Musik.

Dresden

Die Band Faun war am 17. Juli zu Gast auf dem Konzertplatz Weißer Hirsch in Dresden. (BLICK.de berichtete) An diesem Tag startete die große „25 Years“-Jubiläumstour der Folk-Band aus Bayern, die besonders in der Mittelalter- und Gothicszene ein großer Name ist. BLICK.de-Redakteurin Anika Weber traf den Kopf der Band, Sänger Oliver Satyr, vor dem Konzert im Backstage zum exklusiven Interview:

BLICK.de: 25 Jahre Faun, 12 Studioalben, über 140 Songs, Konzerte auf verschiedenen Kontinenten und in Dutzenden Ländern… Herzlichen Glückwunsch zum 25. Bandjubiläum, lieber Oliver. Kannst du uns mit zurücknehmen, wie es damals mit Faun angefangen hat?

Oliver Satyr: „Wir haben damals wirklich angefangen Musik zu machen, weil wir Musik machen wollten. Ich habe vorher schon sieben Jahre auf Mittelaltermärkten als Gaukler abgehangen, hab Feuershows gemacht, und war schon in der Szene verwurzelt. Als Gaukler stank ich aber immer nach Petroleum, musste immer fit sein und die Musiker hingegen erzählten immer über ihre romantischen Gefühle und waren bei allen super beliebt. Musik ist einfach doch ein bisschen was Schöneres und das wollte ich dann lieber machen. Nach sieben Jahren Gaukelei habe ich dann die ersten Musiker kennengelernt und angefangen, die ersten Märkte zu spielen. Relativ bald habe ich dann mit anderen gemeinsam gejammt und wir formten uns nach und nach zu einer Band. Uns war immer schon wichtiger, wie es sich anfühlt zu musizieren, und dass es irgendwie Freude macht, als dass man irgendwie Klischees erfüllt oder dass man einen Masterplan hat oder strategisch vorgeht.“

BLICK.de: Wusstet ihr von Anfang an, welche Musik ihr machen wollt?

Oliver Satyr: „Zu der Zeit gab es hauptsächlich so laute Dudelsack-Bands und wir wollten bewusst Balladen erzählen und etwas Schönes, Ruhiges machen. Das gab es gar nicht so viel, und so ist dann die erste Platte entstanden.“

Zwischen Triumph und Rückschlägen

BLICK.de: Wenn ihr auf 25 Jahre Faun zurückblickt: Gab es einen Moment, an dem ihr dachtet: „Jetzt haben wir es geschafft“?

Oliver Satyr: „Ja, oft. Und dann gab es auch wieder kurz danach einen Moment, wo wir gesagt haben, jetzt haben wir es doch nicht mehr geschafft.“ (lacht) „Ich werde nie vergessen, als wir 2015 auf unserer „Luna Tour“ waren. Da haben wir in Erfurt ein ganz tolles Konzert gespielt. Es kamen wirklich zweieinhalbtausend Leute und es war auch eine ganz tolle Stimmung. Am Schluss, wie aus der Pistole geschossen, sind alle aufgesprungen und vor die Bühne gerannt, es war eigentlich ein bestuhltes Konzert, und haben getanzt. Und da dachte ich, Erfurt haben wir geknackt. Das ist so schön gewesen. Und dann war man ein Jahr später mit einer anderen Tour da, da kamen dann nur 800 Leute. Es ist manchmal wie verhext. Ich weiß nicht, woran es lag.“

„Wir haben wirklich überlegt, hinzuschmeißen“

BLICK.de: Gab es auch Phasen, in denen ihr ernsthaft überlegt habt, aufzuhören?

Oliver Satyr: „Ja, zum Beispiel erinnere ich mich, als wir mit Universal das erste Album gemacht haben. Da gab es so einen riesigen Shitstorm. Da haben wirklich drei Leute aus der Band gesagt, als dann die ganze Kritik kam, dass sich das alles so falsch anfühlt. Und da haben wir wirklich überlegt aufzuhören. Also ich verstehe auch die Kritikpunkte am Album, weil wir selber auch bei Produzenten gearbeitet haben, bei denen wir uns selber nicht wiedergefunden haben. Wir haben dann wieder zurückgerudert, weil wir selbst gemeint haben, dass das nicht unsere Musik ist. Aber der Druck war so groß, dass wir wirklich überlegt haben, hinzuschmeißen. Zum Glück haben wir uns immer zusammen gerauft. Das Absurde: Wir haben dann die erfolgreichste Mittelalter-Platte, die es jemals gab, gemacht. Das ist dann die andere Seite. Also teilweise wurde man kritisiert, dann hat das Ding aber Platin geholt. Das muss man doch erstmal machen. Das war dann unser Glück, weil wir dadurch auch Druckmittel für die Zukunft hatten. Wir haben dem Label gesagt, hört zu, ihr wollt weitermachen, dann aber nach unseren Vorstellungen.“

BLICK.de: Gibt es eine Begegnung mit Fans, die euch bis heute besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Oliver Satyr: „Viele, sehr viele. Einmal zum Beispiel, da haben wir in Bochum gespielt. Da ist so ein Riesenfest mit 1,5 Millionen Leuten und auch noch ohne Eintritt. Damals waren wir noch eine sehr junge Band und da hatte ich meinen ersten hysterischen Fan. Ich traf dort ein junges Mädchen, was nicht sprechen konnte, weil sie nur geschrien hat und sich hysterisch gefreut hat. Ich hab dann versucht mit ihr zu reden und sie zu beruhigen.“ (Lacht)

„Und ich hab gedacht, okay, so ist das jetzt wohl. Wir haben dann zum Beispiel auch bei Carmen Nebel gespielt, so eine riesige Fernsehshow mit vier Millionen Zuschauern. Und das ist auch völlig absurd, da kamen dann Postsäcke an mit Autogrammkarten. Also wirklich so hunderte von Leuten haben gewartet vor den Konzerten, aber die wussten eigentlich gar nicht, wer wir sind. Die dachten einfach nur: Die sind aus dem Fernsehen, wir wollen die Unterschrift jetzt haben. Diese Leute waren dann aber auch ganz schnell wieder weg. Also das ist ein ganz komisches Phänomen, dieser Mainstream. Da bin ich wirklich dankbar, dass wir in so einer Szene sind, bei der sich die Leute eher mit unserem Inhalt auseinandersetzen und da merkt man erst, wie dankbar man dafür sein kann.“

BLICK.de: Woher kommt die Faszination für andere Sprachen? Ihr singt u.a. in Deutsch, Spanisch, Latein, Ungarisch, Englisch, Finnisch, Isländisch und Uigurisch.

Oliver Satyr: „Das ist, glaube ich, auch eine Neugierde einfach. Wir sind halt neugierig auf alte Mythen, auf althochdeutsche Zaubersprüche. Man sieht mal was, man liest mal was und wir reisen auch sehr, sehr viel. Da nimmt man auch Inspirationen mit. Zum Beispiel waren wir oft in der Türkei und da gibt es ein tolles türkisches Gedicht, das haben wir auch aufgegriffen.“

BLICK.de: Wie ist das gekommen eigentlich, dass ihr in der Türkei so erfolgreich geworden seid? Es gibt ja wenige deutsche Bands, die das erreichen.

Oliver Satyr: „Eine unserer Musikerinnen hat in Istanbul Sufi-Musik studiert. Dann haben wir eines dieser Geschichten vertont, das heißt „Oyneng Yar“. Und so haben wir als deutsche Band ein türkisches, altes Volkslied produziert. Das ist ein sehr, sehr schönes, spezielles Lied. Das hat, glaube ich, schon einige türkische Leute auf uns aufmerksam gemacht. In der Türkei gibt es auch viel elektronische Musik, die sich mit Folk mischt. Wir haben dann die Baglama [Anm. d. Red.: Ist das am meisten gespielte traditionelle Begleitinstrument der türkischen Barden] und irgendwelche Folk-Instrumente mit Beats verknüpft. Das ist in der Türkei relativ populär. Das war uns aber nicht so bewusst. Eigentlich ist es auch genau das, was Faun eben macht. Der Erfolg dort lässt sich wahrscheinlich auch durch unsere handgemachte Musik und die Vorliebe zur Folklore erklären. Kürzlich hatten wir mehrere Konzerte in der Türkei und die waren wieder sehr schön. Schon auf der Straße haben die Leute uns zugejubelt.“

BLICK.de: Ihr habt in eurer Karriere 12 Studioalben mit über 140 Songs rausgebracht. Für die Jubiläumsshows durften die Fans ihre Lieblingssongs auf Instagram kommentieren, von denen ihr dann sechs Stück auf die Setlist für die Tour gepackt habt. Über 1000 Kommentare hat der Post heute. Wart ihr überrascht, welche Songs am meisten genannt wurden? (Geschafft haben es „Federkleid“, „Egil Saga“, „Tinta“, „Walpurgisnacht“, „Blaue Stunde“ und „Gwydion“)

Oliver Satyr: „Nee, eigentlich nicht. Und ich war auch so super happy, dass es so viel Variation gab. Das, finde ich, ist auch ein Lob, sodass wir als Band nicht auf drei Lieder reduziert werden. Das ist ja bei manchen Bands so. Fünf der ausgesuchten Songs davon spielen wir heute in Dresden.“

Kraftorte, Seen und alte Mythen: Wo Faun ihre Inspiration finden

BLICK.de: Viele eurer Songs leben von besonderen Atmosphären. Gibt es Orte in Deutschland, die euch musikalisch inspirieren oder zu eurer Musik passen?

Oliver Satyr: „Auf jeden Fall. Ich bin auch immer wieder auf der Suche nach solchen Orten. Es gibt, wenn man jetzt ein bisschen esoterisch wird, diese Kraftorte, das heißt alte druidische Plätze. Und da gibt es so manche Orte, die noch etwas sehr, sehr Besonderes haben und die besuche ich sehr gerne. Dann gibt es noch die persönlichen Kraftorte, wo man sich einfach sehr, sehr wohl fühlt. Zum Beispiel sind das bei mir Seen. Ich habe relativ früh Folk gemacht, auch aus dem Grund, weil ich einfach immer mein Instrument dabei haben wollte, damit ich nachts am Lagerfeuer, wenn ich am See sitze, spielen kann. Das ist halt Musik, die ohne Verstärker funktioniert.“

BLICK.de: Wir sind heute zum Tourstart in Dresden. Warum habt ihr euch für diese Stadt zu Beginn entschieden, was verbindet euch mit Dresden?

Oliver Satyr: „Wir haben lange überlegt, wie wir es machen. Manche Bands machen dann ein großes Konzert, aber ich finde, dann ist der Druck auch ein bisschen groß. Und es ist auch für die Fans ein bisschen unfair, weil sie dann sehr weit anreisen müssen. Und dann haben wir gesagt, das ist doch eigentlich schön, so eine handvoll Konzerte zu machen. Und jetzt haben wir sieben Stück an sieben sehr besonderen Orten, die uns in der Vergangenheit wirklich gut gefallen haben. Wir haben in Dresden immer sehr, sehr schöne Konzerte gespielt. Hier haben wir auch immer ein Publikum gehabt, bei dem wir uns sehr verstanden gefühlt haben. Es war ein Zufall, dass es jetzt das erste ist, aber dass Dresden in dieser Liste ist, das war uns wichtig.“

BLICK.de: Wenn ihr dem Faun von vor 25 Jahren heute einen Rat geben könntet – welcher wäre das?

Oliver Satyr: „Oh Gott, oh Gott. Ich hätte so viel besser und anders gemacht. Natürlich ist es, glaube ich, auch gut, gewisse Fehler zu machen, weil man dadurch lernt und auch irgendwie vielleicht an den richtigen Stellen ein bisschen Hornhaut bekommt. Das, was heute gilt, hat vor 25 Jahren so nicht gegolten. Die Zeit hat sich so verändert, gerade durch Social Media. Als wir angefangen haben, gab es noch so eine Mittelalterzeitung namens „Karfunkel“, und da war so ein Kalender drin mit den ganzen Konzert-Terminen und Venues. Die habe ich komplett durchtelefoniert, getreu dem Motto: Hallo, wir haben eine neue Band! Ich hatte damals noch keinen Computer. Ich hatte gerade erst mal ein Handy. Das war damals eben ganz anders als heute. Aber natürlich hätte ich dem früheren Faun auch so Ratschläge gegeben, die technische Sachen betreffen, was man anders machen sollte. In den ersten Tagen damals, das weiß ich noch, hat alles geklappt, man hat gerne Musik gemacht, aber jedes dritte oder vierte Konzert auf der Bühne war nicht so okay, weil die Technik irgendwie versagt hat. Es hat alles gepfiffen und klang ganz fürchterlich. Und da lohnt es sich auch, gewisses Geld in die Technik reinzustecken.“ (lacht)

BLICK.de: Angenommen, ihr dürftet für einen Abend mit einer historischen oder sagenhaften Figur gemeinsam musizieren – wen würdet ihr einladen und warum?

Oliver Satyr: „Der Hirtengott Pan ist ganz vorne mit dabei, der dürfte natürlich gerne da sein, mit seiner Lust zu tanzen. Und da gibt es natürlich auch irgendwelche Folkmusiker, die ich gern dabei haben wollte, z. B. dieser Bouzouki-Gott, Andy Irvine oder die australische Band Dead Can Dance – die dürften alle gerne mit auf die Bühne kommen.“

„Die nächsten 25 Jahre sind schon durchgetaktet“

BLICK.de: Habt ihr schon Pläne für die Zukunft?

Oliver Satyr: „Wir haben schon einige Pläne. Was darf ich denn verraten gerade?“ (Denkt lachend nach) „Also wir haben schon ein Konzept für ein neues Album und wir sind sehr, sehr happy mit den Liedern, die jetzt schon gerade am Entstehen sind. Also ein neues Album wird es sicher geben. Und es ist auch sehr wahrscheinlich, dass wir wieder so eine ruhigere Tour machen. Das ist ja auch ein Teil von uns. Wir lieben diese großen Festivals mit großer PA und Tanzen. Aber wir haben immer auch diese ruhigeren, erzählenden Balladen sehr genossen. Da waren wir eher in Theatersälen. Wir wollen wahrscheinlich nächstes Jahr wieder in die Richtung gehen und da wieder mehr Konzerte spielen. Die nächsten 25 Jahre sind schon durchgetaktet. Also keine Sorge.“ (lacht wieder)

BLICK.de: Darauf freuen wir uns sehr. Danke für das schöne Interview und wir wünschen eine tolle Tour.

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