Der Mauerfall aus der Sicht eines "Westlers"

Mauerfall Der frühere "Westler" Wolfgang Jasper erinnert sich

Lauterbach. 

Lauterbach. "Der Osten, speziell das Erzgebirge, hatte schon immer einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen, da dort meine Verwandtschaft zu Hause war. Nie werde ich den 26. Dezember 1973 vergessen. Damals 21-jährig, fuhr ich das erste Mal mit dem Bus durch das Zschopauer Tor in Marienberg. Mit dem Blick auf die Kirche war mir recht schnell klar, dass ich, sollten Ost und West mal zu einem Land verschmelzen - hier leben wollte", erklärte der heute 63-jährige Wolfgang Jasper. Das Jahr 1989 kam heran und dem in Norddeutschland beheimateten Zahntechnikermeister ereilte ein Angebot aus England. Er sollte im Juli ein Labor auf der Insel übernehmen. Als die Sache unterschriftsreif wurde, begannen die Unruhen in Ostdeutschland und Jasper bat noch um etwas Bedenkzeit. "Ich ahnte und hoffte auf den Zusammenschluss", sagte er. Stets auch immer in der Kommunalpolitik tätig, saß Jasper am 9. November 1989 bis nach Mitternacht in einer Gemeinderatssitzung. Da erfolgte ein Anruf von der Verwandtschaft aus dem Erzgebirge mit den Worten: "Du hast doch versprochen, zu kommen, wenn es mal soweit ist."

 

Er brach seine Zelte im Westen ab

"In Norddeutschland gab es den elterlichen Betrieb, der weiterlaufen musste. Zudem träumte ich davon, am Aufbau im Erzgebirge mitzuhelfen", erinnert sich Jasper. Am 12. Februar 1990 war er nach Dresden eingeladen. Ein Treffen mit Christa Luft, der damaligen Wirtschaftsministerin der DDR stand auf dem Plan. "Das erste Mal durfte ich die Grenze ohne Wartezeit und Formalitäten passieren", so Jasper weiter. Im Juni 1990 trat man an ihn heran, das zahntechnische Labor in der Poliklinik Marienberg zu übernehmen. Im Juli kaufte er es und schulte das Mitarbeiterteam, denn es standen viele Neuerungen und Veränderungen an.

 

Im Februar 1990 hatte er schon seinen 2. Wohnsitz im Raum Zwickau angemeldet. Im Herbst 1991 brach er seine Zelte im Westen ab. "Die Anfangszeiten waren kräftezehrend. Ich musste immer mal nach Norddeutschland und auch in Marienberg musste alles funktionieren. Nicht selten habe ich gleich in der Poliklinik übernachtet", erzählte er.

 

Lebensmittelpunkt Erzgebirge

Im Oktober 1995 verlegte er den Betrieb in den heutigen Marienberger Ortsteil Lauterbach, Niederlautersteiner Straße 7c. Er führt ihn zusammen mit seiner Ehefrau. Seitdem hat er 38 Lehrlinge ausgebildet und 450 Zahnärzte und -Techniker fortgebildet. Einige seiner früheren Azubis führen heute selbst ein Labor. Auch gesellschaftlich engagiert sich Wolfgang Jasper als Stadt- und Kreisrat, und ist im DRK verankert. Sein Lebensmittelpunkt ist das Erzgebirge. Ihm gefällt die hiesige Mentalität. 2020 feiert der elterliche Betrieb in Büdelsdorf seinen 50. Geburtstag, sein Unternehmen im Osten schon den 30.

 

Menschen, die füreinander da waren und sich halfen

"Sicher ist gesellschaftlich einiges schiefgelaufen. Dennoch sollte nicht vergessen werden, dass es 1989 engagierte Menschen gab, die für ihre Freiheit alles riskiert haben. Es wurde ein Gut erkämpft, welches nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden sollte", sagt er. Und weiter: "Als Westler gefiel mir besonders, dass es hier Menschen gab, die füreinander da waren, sich gegenseitig in allen Lebenslagen halfen. Leider ist diesbezüglich hier vieles auf der Strecke geblieben. Für mich persönlich hat es Ost/West nie gegeben. Ich habe Deutschland immer als ein Land betrachtet und finde, was die ostdeutsche Bevölkerung hinsichtlich der friedlichen Revolution geleistet hat, wurde gesellschaftlich nicht genug gewürdigt", so Wolfgang Jasper.