Ein Leben für das Handwerk: Mit 92 Jahren noch immer täglich in der Werkstatt

Johannes Günther erhält verspäteter den Diamantener Meisterbrief - Der Traditionsbetrieb ist seit 1914 in Familienhand

Seiffen

In Johannes Günthers Lebensmittelpunkt lebt die Familie und ihr Betrieb.

Beide sind auf das engste miteinander verwoben. Schließlich gäbe das eine nicht ohne das andere. Kürzlich erhielt er von der Handwerkskammer verspätet den Diamantenen Meisterbrief. Der nächste Jubelbrief für den 92-Jährigen folgt bereits im nächsten Jahr. Dann ist er 70 Jahre Meister des Spielzeugmacherhandwerks.

Ein Leben ohne Arbeit? Unvorstellbar

Damit winkt dem Seiffener das "Gnaden-Jubiläum". Ein Leben ohne die Arbeit kann und will sich Johannes Günther nicht vorstellen. Auch im hohen Alter gehört er fest zum Team der Manufaktur. Um acht Uhr beginnt sein Dienst. Vor halb sechs ist er selten wieder in seiner Wohnung. Das braucht der Handwerksmeister wie die Luft zum Atmen. Die Arbeit an den Maschinen ist ihm dabei am liebsten. Zuschnitt und Bohren steht ganz oben auf der Liste. Die Frage nach dem "Wie lange noch?" beantwortet er ganz knapp. "Da kann man mich auch gleich fragen, wie lange ich noch leben will. So lange, wie ich keine Fehler mache und geistig beieinander bleibe, wird gearbeitet."

"Außenpolitik" wird in die Händen der neuen Generation übergeben

Das Bemalen der Holzkunstartikel lässt er jedoch schon länger lieber sein. Mit zunehmendem Alter verlor die Hand an Ruhe. Den Verkauf und alles, was dazugehört, überlässt er der zweiten Generation. Schließlich führt sein Sohn Tino Günther das Unternehmen bereits seit vielen Jahren. Für die "Außenpolitik", wie das Johannes Günther nennt, sind sein Sohn und seine Frau Carmen zuständig.

Handwerk früher und heute

Seinen Meisterbrief hatte er 1956 überreicht bekommen. "Das war damals eine ganz andere Zeit", versicherte der Seiffener. Seiner Erfahrung nach wurde früher noch mehr Wert auf das Handwerkliche gelegt als heute. Als Meisterstück baute er eine 60 Zentimeter große Pyramide. Eine Welle bekam er damals nicht einfach so zu kaufen. "Ich musste ein Stück alten Draht gerade klopfen", erinnert er sich. Einen Motor für die Pyramide gab es ebenfalls nicht. Deshalb baute er einen aus einem alten Plattenspieler aus Kriegszeiten aus. Dieser fand dann in seinem Meisterstück Verwendung. "Damals hatten wir eine Stärke. Wir konnten und mussten aus allem etwas machen", so Johannes Günther.

Die Begeisterung wurde stets an die nächste Generation weitergegeben

Übernommen hatte er den Betrieb von seinem Großvater. Er war damit aufgewachsen. Die Vielfalt an Tätigkeiten beeindruckt ihn schon sein ganzes Leben. Schon als kleines Kind hatte er in der Werkstatt oft mit staunenden Augen zugeschaut. So stand sein Berufswunsch schon sehr früh fest. Als sein Sohn mit in die Firma einstieg, war das eine sehr große Freude für den Handwerksmeister. Er war glücklich die Begeisterung für seine Beruf weitergegeben zu haben.

Unterstützung, die vieles veränderte

Nach der Wende entwickelte sich das 1914 gegründete Unternehmen ganz rasant. "Wir hatten früher eine Schneidstube, eine Arbeitsstube und eine Spritzstube. Darüber haben wir gewohnt. Das war‘s", erzählt der 92-Jährige. Nach 1990 gab es Maschinen aller Art zu kaufen. Für die räumliche Erweiterung des Wohn- und Werkstatthauses bestanden plötzlich ganz andere Möglichkeiten als in der DDR. Der neue Staat unterstützte die kleinen selbständigen Handwerker im Gegensatz zum überwundenen auch finanziell. Dafür ist er heute noch sehr dankbar. Auf das von der ganzen Familie und allen Mitarbeitern Erreichte blickt er mit Stolz zurück. Niemand kommt hier einfach nur auf Arbeit.

"Alle denken mit und sind mit dem Herzen dabei. Darauf kann man doch stolz sein oder?", so Johannes Günther.

 

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