Der FC Erzgebirge Aue hat am Neujahrstag die Stelle des Sportgeschäftsführers neu besetzt. Vorstand und Aufsichtsrat wählten unter den Bewerbern den ehemaligen Bundesligaprofi Michael Tarnat aus und betrauten ihn mit dieser Aufgabe an der Spitze der sportlichen Leitung. Olaf Seifert traf den 56-jährigen Münchener kurz nach Amtsantritt und stellt ihn vor.
Nie ohne Ball am Fuß
Am 27. Oktober 1969 im rheinischen Hilden geboren, wuchs Michael Tarnat unweit des Ruhrgebiets auf und trat beim MSV Duisburg seine erste Profistation an. Der Auer Kumpelgruß Glückauf geht ihm also leicht von den Lippen. Erst recht vertraut ist "Tanne" von Kindesbeinen an mit dem runden Leder, wie er sich erinnert: "Den Jung‘ triffst du nie ohne Ball am Fuß", sah Vater Werner und nahm den Sechsjährigen mit zum SV Hilden-Nord, wo dieser ehrenamtlicher Jugendleiter war und schon Michas älterer Bruder kickte. Von nun an bestimmte hartes Training den Tag des Jungen und mit ersten Erfolgen wuchs der Traum, Profi wie seine Idole aus der TV-Sportschau zu werden.
Bayern-Star und Nationalspieler
"Freilich klappte es erst mit zwanzig, als mich MSV-Trainer Willibert Kremer 1990 bei einem Regional-Pokalspiel sah und zum Zweitligisten an die Wedau lotste. Ein Journalist hatte ihm den Tipp gesteckt", schildert Tarnat seinen Spätstart. "Duisburg war ‚ne andre Welt, ich lernte mich durchbeißen, Demut den alten Hasen gegenüber und mit Niederlagen umzugehen. Es ging hoch in die Bundesliga und wieder runter, sofort wieder hoch und wieder…" Jedenfalls nahm die Karriere des flinken Mittelfeldmanns mit der starken linken Klebe Tempo auf: Auf den MSV folgten ab 1994 drei Jahre beim Erstligisten Karlsruher SC und dann die Einladung zum Überflieger, gemeinsam mit Thorsten Fink holte ihn Uli Hoeneß zum FC Bayern. Dort avancierte der Rheinländer zum Leistungsträger, zwischen 1997 und 2003 schoss Tarnat in 122 Bundeligapartien acht Tore und sammelte mit dem Team 13 Titel. Darunter vier Deutsche Meisterschalen, einen Weltpokal und den Champions-League-Triumph 2001. Nicht zu vergessen, 1996 bis 1999 trug Tarnat 19-mal das Nationaltrikot, darunter bei vier Einsätzen zur 98er-WM in Frankreich. Auch wenn die Elf das erstrebte Ziel dort verpasste, bleibt doch das Gefühl: "Für sein Land zu spielen, das ist das größte, was es für einen Fußballer gibt."
Via Manchester nach Hannover
Zwar schon 32, knüpfte der Fußballer 2003/04 bei Manchester City und dann fünf Jahre lang bei Hannover 96 an diese Erfolge an. Wohl bleibt Bayern München der Höhepunkt seiner aktiven Laufbahn, jedoch prägten ihn England und die Zeit in Niedersachsen ebenfalls stark. "Nicht nur, weil unser Sohn Niklas dadurch ein super Englisch spricht. Auf der Insel lebt es sich einfach sehr angenehm und ehrlicher Fußball ist da wie eine Religion. Du bist als Kind Fan deines Vereins und bleibst es ein Leben lang. In Aue, höre ich, ist es ähnlich: ,Einmal Aue, immer Aue!‘" (Nebenbei, Niklas Tarnat ist auch Fußballprofi, aktuell beim Regionalligisten SV Sandhausen.) In Hannover hieß sein Trainer Ewald Lienen, mit dem er als Jung-Profi eine Bude geteilt hatte. ",96‘ war in die Bundesliga aufgestiegen, dort bewegte sich unglaublich viel und mir machte es Riesenspaß, an dem Projekt mitzubauen."
Erfolgreiche Arbeit mit Top-Talenten
Mit fast vierzig hängte er dort die Töppen an den Nagel, um dem Fußball im Jugendbereich treu zu bleiben. Bei Bayern München arbeitete der Ex-Profi als Scout und wurde bald Chef des Nachwuchsleistungszentrums. "Talenten zu vermitteln, wie sie es durch harte Arbeit weit nach oben schaffen, ist sehr erfüllend. Freilich, scheitert einer an der Einstellung, empfinde ich das als persönliche Niederlage." Diese schöne Aufgabe bot sich anschließend, ab 2017, auch in der neuen 96er-Akademie in Hannover. "Der Verein hatte damit und mit dem Eilenriedestadion eine Perle geschaffen. Fünf Jahre durfte ich als dessen Leiter mithelfen, Talente für Profikarrieren zu entwickelten", erzählt Michael und hörte doch auf, als er fand, seine Vorstellungen nicht genügend einbringen zu können.
"Warum gehst du nach Aue?"
Den Eindruck, nun auch mit dem FC Erzgebirge Großes bewegen zu dürfen, habe er. Warum gehst du nach Aue; 3. Liga, tiefstes Erzgebirge? Oft gestellte Frage, doch die Aufgabe sei reizvoll, weil Aue so ganz anders ist als München, wo Familie Tarnat lebt. Die wesentlichen Dinge hätten sofort überzeugt: die Infrastruktur mit einem Stadion auf Zweitliganiveau, die Gespräche mit den Vereinsspitzen, die Herausforderung, mit wenig viel erreichen zu wollen. Der neue FCE-Sportchef findet: "Die handelnden Personen sind mit Herzblut bei der Sache, du musst erfinderisch sein wie im Jugendfußball. Ich gehe mit Demut an meine Aufgabe, weil alte Titel nichts zählen, wenn ich nicht liefere. Ich habe das Gefühl, alle bei Erzgebirge Aue wollen unten raus. Die 3. Liga halten und Talente entwickeln, die uns dabei helfen oder gutes Geld bringen."
Schnell sesshaft werden und loslegen
Mit einem Bein in München und dem andern im Erzgebirge? Nicht mit ihm, er nehme die Herausforderung ohne Wenn und Aber an: "Meine Frau Nicole und ich suchen intensiv nach einem Haus hier in der Gegend. Die Landschaft ist übrigens wunderschön, wie gemacht für uns zwei und die beiden Hunde." Privat wollen Tarnats schnell sesshaft werden, ohne die Zelte im Münchner Süden zu kappen. Noch viel wichtiger aber sei, beruflich anzukommen. Trainerteam, Mannschaft, die Leute im Verein und die Fans kennenlernen. Die Tabelle diktiert: Sportlich gibt es keine Gnadenfrist.
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